Sterndeuter unterwegs, Version 2

Liebe Kinder, liebe Jugendliche, liebe Erwachsene,
An diesem Wochenende feiern wir Epiphanie, Erscheinung des Herrn, oder wie es meist genannt wird: das Fest der heiligen drei Könige.
Denn aus ursprünglich Sterndeutern oder Weisen aus dem Morgenland wurden allmählich im Laufe der Zeit Könige, die später sogar Namen erhalten haben: Kaspar, Melchior und Balthasar. Immer mehr wurde dieses Fest ausgebaut und ausgeschmückt. So gehört mittlerweilen die schöne Tradition der Sternsinger dazu, die Menschen zuhause besuchen, und so einerseits den Besuchten Freude bereiten und auch den Menschen, für die sie sammeln, eine Freude machen wollen.
Ausserdem ist bei uns auch der Brauch des Drei-Königs-Kuchens aufgekommen, bei dem jeder spasseshalber mal König werden kann.
Wenn wir die Kindheitsgeschichte im Matthäusevangelium lesen, sind da keine Könige erwähnt, auch nicht, dass es drei an der Zahl waren oder dass sie Namen hatten. All dies wurde erst im Laufe der Zeit ausgeschmückt. So kamen die Namen etwa im 6. Jh. Zum ersten Mal auf. Im Mittelalter wurde dann einer der drei Könige zusätzlich mit dunkler Hautfarbe dargestellt.
Mit dieser Ausschmückung dieser Erzählung wurde etwas gemacht, was eigentlich bereits Matthäus begonnen hatte. Denn auch Matthäus erzählt in seinem Evangelium nicht eine historische Gegebenheit, sondern hebt mit seiner Kindheitsgeschichte die Wichtigkeit von Jesus hervor und schmückt damit ebenfalls seine Geburt aus.
Und er tut dies natürlich im Rückblick auf das Leben von Jesus, wobei er mit der Erwähnung der Sterndeuter aus dem Osten v.a. die Welt der Nicht-Christen im Blick gehabt hat. Und er zeigt auf, dass Jesus auch für sie ein Heilsbringer ist.
Mit dem Stern weist er übrigens auf die Göttlichkeit von Jesus hin. Auch bei anderen Personen, v.a. Herrschern im griechischen, römischen und auch jüdischen Umfeld, wurde mit dem Stern, den man u.a. auf Münzen sehen konnte, die Göttlichkeit jener Personen hervorgehoben.
Der Stern ist aufgrund des griechischen Urtextes keine Sternenkonjunktion und auch kein Komet, sondern vielmehr ein Einzelstern. Doch aufgrund dessen, dass dieser Stern wandert, kann man ihn nicht als materiellen Stern sehen, sondern als Wunderstern, der eben dieser Vergöttlichung von Jesus gedient hat.
Der Stern wird sichtbar, er führt voran und er bleibt dann plötzlich stehen, dort, wo Jesus geboren wird.
Der Stern wandert genauso wie auch die Sterndeuter oder Weisen aus dem Osten.
Diese ganze Erzählung ist eine Weggeschichte, wie ganz viele andere Geschichten in der Bibel. Denken wir nur an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, an den Weg, den Josef und Maria nach Bethlehem und später nach Ägypten gehen mussten, das Unterwegssein von Jesus und seinen Jüngern oder auch die Flucht einiger Jünger nach dem Tod von Jesus nach Emmaus.
Das sind nur einige wenige Weggeschichten. Es gäbe noch viel mehr aufzuzählen.
Aber es ist wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass wir viele dieser Erzählungen in der Bibel finden. Denn unser ganzes Leben ist ein Weg.
Matthäus zeigt in dieser Erzählung auf, dass die Sterndeuter auf dem Weg zu einem König waren, der so viel Anziehung besass, dass sogar Weise aus dem Osten sich zu ihm aufmachen. Er verdeutlicht damit auch, dass für ihn Jesus eine grosse Ausstrahlungskraft hat und das Heil und das Königreich, das Jesus nahe gebracht hat, allen Menschen gilt.
Eigentlich könnte man sagen, dass der Stern, der zu Jesus geführt hat und seine Verbindung mit dem Göttlichen sichtbar gemacht hat, auch für Jesus selber steht, für sein ganzes Leben, für sein Licht und seine Liebe.
Liebe Mitfeiernde
Ich weiss nicht, ob Sie den Film „Sternwanderer“ kennen. Darin wird eine wunderschöne Botschaft mitgeteilt, die für mich auch etwas von der christlichen Botschaft aufzeigt, und gewisse Parallelen hat zur Erzählung von Matthäus.
In diesem Film gelangt ein Stern zur Erde und nimmt dort die Gestalt einer jungen Frau an. Dort begegnet sie einem jungen Mann, der sie, den Stern, gesucht hat, um einer anderen Frau seine Liebe zu bezeugen. Auf dem gemeinsamen Weg werden sie anschliessend von verschiedenen Personen gejagt, weil diese das Herz der Frau suchen, das ihnen ewiges Leben verleihen soll. Der junge Mann steht ihr hierbei zur Seite und aus dem Einander-Zur-Seite-Stehen wird Liebe. Durch die Liebe erstrahlt sie immer heller und mit diesem Licht lassen sich die bösen Gestalten besiegen.
Und ihr Herz verschenkt sie im übertragenen Sinne ihrem Geliebten, der erfährt, dass er Thronfolger ist. In der Folge davon leiten sie viele Jahre zusammen ein Königreich, bevor sie danach gemeinsam zum Himmel emporsteigen und dort als Sterne thronen und gemeinsam ewig leben.
In dieser Erzählung, diesem Film erkenne ich viele Parallelen zu Jesus und seiner Geschichte. Es tönt schon fast ein bisschen wie eine Variation: Ein Stern, der zum Menschen wird und auf der Erde liebt und Liebe erfährt, sich gegen Zerstörung wehrt und Frieden und Licht verbreitet, und letztlich zum Himmel zurückkehrt.
Doch für mich zeigt diese Geschichte auch auf, wie wir wie Sterne erstrahlen und leuchten können, wenn wir Liebe erfahren und leben.
Und wir könnten sagen, dass auch wir Sternwanderer sind, die auf der Suche sind nach Liebe, nach dem Licht und nach dem Himmlischen hier auf Erden.
Ich wünsche uns in diesem Sinne, dass wir wie die Sterndeuter auf unserem Weg dorthin geführt werden, wo wir den Geist Jesu und damit Gottes Spur in der Welt finden, und dass wir wie der junge Mann Sternwanderer sein können, die auf der Suche sind nach Liebe und dabei auf unserer Wanderung Sternen begegnen und Licht, das so hell leuchtet, dass damit alles Üble aufgelöst wird.
Ich wünsche uns einen gesegneten Weg, eine eigene sinn- und lichterfüllte Weggeschichte, auf dem wir selber mehr und mehr erstrahlen können und unsere Liebe so stark wird, dass sie uns nicht mehr genommen werden kann.
Und ich wünsche uns viele Orte, wie der Ort an der Krippe bei Jesus, wo sich uns der Himmel öffnet und das Licht der Sterne in unser Herz strahlt.
Amen.

Sterndeuter unterwegs

Liebe Kinder, liebe Jugendliche, liebe Erwachsene,
An diesem Wochenende feiern wir Epiphanie, Erscheinung des Herrn, oder wie es meist genannt wird: das Fest der heiligen drei Könige.
Denn aus ursprünglich Sterndeutern oder Weisen aus dem Morgenland wurden allmählich im Laufe der Zeit Könige, die später sogar Namen erhalten haben: Kaspar, Melchior und Balthasar. Immer mehr wurde dieses Fest ausgebaut und ausgeschmückt. So gehört mittlerweilen die schöne Tradition der Sternsinger dazu, die Menschen zuhause besuchen, und so einerseits den Besuchten Freude bereiten und andererseits für ein gutes Projekt Geld sammeln
Ausserdem ist bei uns auch der Brauch des Drei-Königs-Kuchens aufgekommen, bei dem jeder spasseshalber mal König werden kann.
Wenn wir die Kindheitsgeschichte im Matthäusevangelium lesen, sind da keine Könige erwähnt, auch nicht, dass es drei an der Zahl waren oder dass sie Namen hatten. All dies wurde erst im Laufe der Zeit ausgeschmückt.
Die Namen z.B. wurden erstmals im 6. Jh. erwähnt. Im Mittelalter wurde dann einer der drei Könige zusätzlich mit dunkler Hautfarbe dargestellt.
Mit dieser Ausschmückung dieser Erzählung wurde etwas gemacht, was eigentlich bereits Matthäus begonnen hatte. Denn auch Matthäus erzählt in seinem Evangelium, wovon man heute in der Theologie ausgeht, nicht eine historische Gegebenheit, sondern hebt mit seiner Kindheitsgeschichte vielmehr die Bedeutung und Wichtigkeit von Jesus hervor und schmückt damit ebenfalls seine Geburt aus.
Diese Ausschmückung macht er natürlich im Rückblick auf das Leben von Jesus. Mit der Erwähnung von Sterndeutern aus dem Osten nimmt er v.a. die Welt der Nicht-Christen in den Blick. Und er will damit aufzeigen, dass Jesus auch für sie ein Heilsbringer ist.
Mit dem Stern wiederum weist er auf die Göttlichkeit von Jesus hin. Denn auch bei anderen Personen, v.a. Herrschern im griechischen, römischen und auch jüdischen Umfeld, wurde jeweils mit dem Symbol des Sterns, das z.B. auf Münzen über diesen Herrschern abgebildet war, ihre Göttlichkeit hervorgehoben.
Der Stern ist aufgrund des griechischen Urtextes keine Sternenkonjunktion und auch kein Komet, sondern vielmehr ein Einzelstern. Doch aufgrund dessen, dass dieser Stern wandert, kann man ihn nicht als materiellen Stern sehen, sondern als Symbol, der eben die göttliche Seite von Jesus aufzeigen will.
Der Stern wird sichtbar, er führt voran und er bleibt dann plötzlich stehen, dort, wo Jesus geboren wird.
Der Stern wandert genauso wie auch die Sterndeuter aus dem Osten hin zum Jesuskind, dorthin, wo das Göttliche oder anders gesagt das Himmlische in der Welt erscheint.
Ich denke, dass wir diesen Stern auch als Symbol von Jesus selber erkennen können. Denn sein Leben hat Licht in die Welt gebracht. Mit ihm ist ein Stern zur Erde nieder gekommen, der den Menschen den Himmel näher gebracht hat, indem er Menschen geheilt hat, sie von Leid und Unterdrückung befreit hat und ihnen von einem Gott erzählt hat, der es gut mit ihnen meint.
Zudem hat er uns mit seinem Leben auch mitgeteilt, dass wir selber ein Stern sein können.
All diese Nuancen und diese Bedeutungsvielfalt kann ich in dieser Geschichte der Sterndeuter und des Sterns entdecken, die uns zu Jesus und dorthin führt, wo sich uns der Himmel öffnet.
Diese ganze Erzählung ist eine Weggeschichte, wie ganz viele andere Geschichten in der Bibel. Denken wir nur an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, an das Unterwegssein von Jesus und seinen Jüngern oder auch an die Flucht einiger Jünger nach dem Tod von Jesus nach Emmaus.
Das sind nur einige wenige Weggeschichten. Es gäbe noch viel mehr aufzuzählen.
Aber es ist wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass wir viele dieser Erzählungen in der Bibel finden. Denn unser ganzes Leben ist ein Weg.
Und auch wir sind, denke ich, wie die Sterndeuter auf unserem Weg auf der Suche nach Momenten, nach Personen und Orten, wo wir uns dem Himmel nah fühlen und wo wir den Glanz der Sterne erkennen.
Und auch wir sind doch selber für andere ein Stern, besonders dann, wenn wir mit unserem Dasein Liebe und Herzlichkeit sichtbar machen, denn dann strahlen wir wie ein Stern ganz hell mit einem wärmenden Licht.
Ich wünsche uns in Anlehnung an diese Weggeschichte der Sterndeuter und des wandernden Sterns einen gesegneten Weg, eine eigene sinn- und lichterfüllte Weggeschichte.
Und ich wünsche uns, dass wir viel Licht in unserem Leben erfahren dürfen, dass wir selber mehr und mehr erstrahlen und wie ein heller Stern einander leuchten können.
Amen.

Lucifer – der arme Teufel

Schon in der Kindheit hatte ich Mitleid mit dem Teufel, der für alles Böse den Kopf hinhalten muss.

Ihm wird alles aufgeladen, damit der Mensch sich seiner Verantwortung entziehn kann. Zur Projektionsfläche menschlicher Abgründe ist er gemacht worden, der arme Teufel.

Und in der Hiobsgeschichte wurde er sogar zum Spielball Gottes und musste mit göttlichem Auftrag Hiob durch Zufügen von tiefem Leid prüfen / quälen. Wenn man hier genau schaut: Wer ist da wohl der Böse in diesem Spiel?!

Sowohl vom Teufel wie auch von Gott sind immer wieder fragwürdige Bilder gezeichnet worden und oft sind sie nichts anderes als Projektionsfläche menschlicher Ängste und Hoffnungen, aber auch von menschlichen Macht- und Gewaltgelüsten. So dienen sie oft einfach der Zementierung des eigenen Egoismus, indem dieser göttlich überhöht wird.

Lucifer

tief hinab

haben sie mich gestürzt

vom Himmel in die Hölle

 

schwer verwundet

verachtet

verschmäht

bespuckt

gefoltert

 

doch

ich trotze euch

erhebe mich aus der Gosse

entsteige der Hölle

breite aus meine Flügel

 

bringe Licht

ich, Lucifer

ich, Lichtträger

 

lass mich nicht mehr unterkriegen

von machthungrigen Göttern

erdrückenden Gottesbildern

rechthaberischen Gottesdienern

herzlosen Götzengläubigen

 

ich fliege empor

zum Himmel

trage Licht

 

richte auf

die geknickten

die zermürbten

 

bringe ihnen das Fliegen bei

mache ihre Herzen frei

durchschneide das Korsett

der Schuldgefühle

der Erniedrigung

der Religion

die sie klein und im Zaum halten

die sie beherrschen und manipulieren

 

gekommen bin ich

nicht um Schein-Frieden zubringen

der fordert

den Mund zu halten

der mitschwingt

im bitter-süssen Weihnachtsrausch

 

gekommen bin ich

um Ketten zu sprengen

um die Menschen zu entlassen

in die Freiheit

sei frei und lebe

Engelsgleich

hier bin ich nun

erkenn mich wieder

strecke aus meine müden Glieder

ein leises Ahnen führt mich sanft dorthin

wer ich einmal war und wer ich bin

 

engelsgleich

breit ich nun meine Flügel aus

vom Leben gezeichnet, gestutzt und mitgenommen sehen sie aus

doch du machst sie heil und wieder ganz

und lässt sie erstrahlen in neuem Glanz

 

zögerlich versuch ich den ersten Flügelschlag

jetzt weiss ich, dass dies all die Jahre brachlag

erheb mich nun, gleite dir entgegen

du gibst mir Kraft, du lässt mich leben

 

bin wieder frei, weiss wer ich bin

kein Ringen mehr und Fragen

denn jetzt macht alles wieder Sinn

bin jetzt zuhaus

kann mich an dir erlaben

„Mit ganzem Herzen“ (Predigt zu Mk 12,28ff.)

In jener Zeit ging
28 ein Schriftgelehrter zu Jesus hin
und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete:
Das erste ist: Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister!
Ganz richtig hast du gesagt:
Er allein ist der Herr,
und es gibt keinen anderen außer ihm,
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben
und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte,
und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Liebe Mitfeiernde
Welches Gebot ist das erste von allen?
Mit dieser Frage wird Jesus von einem Schriftgelehrten konfrontiert und gibt darauf anschl. eigentlich Antwort auf die Frage: Was ist das Herzstück der jüdisch-christlichen Botschaft?
Jesus zitiert nämlich das zentrale Gebet der Jüdinnen und Juden, das Sch`ma Israel, «Höre, Israel».
Es wird von Jüdinnen und Juden täglich zweimal gebetet, einmal am Morgen und einmal am Abend. Zudem wird es dabei in kleinen Behältern an Hand und Arm und am Kopf getragen und in Kapseln an den Türpfosten festgemacht.
Genau dieses Gebet gehört für Jesus zum Herzstück. Aber er hält auch fest, dass noch ein weiterer Teil dazu gehört. Für ihn ist neben der Liebe zu Gott genauso wichtig, dass die Liebe auch die Mitmenschen und sich selber umfasst. Es braucht eine Balance zwischen diesen drei Adressaten. Denn sind die drei nicht im Gleichgewicht, wird es rasch ungesund. Man könnte auch sagen, wahre Liebe kann gar nicht auf jemanden bestimmten beschränkt werden.
Zudem soll sie Herz, Seele, Verstand und Kraft umfassen. Die Redensart jemanden «mit ganzem Herzen oder aus tiefstem Herzen» zu lieben, ist uns geläufig. Doch was das Herz alles umfasst, ist uns oft nicht bewusst oder auch nicht bekannt.
So bin ich der Bedeutung des Herzens ein bisschen nachgegangen und bin sozusagen in die Tiefe des Herzens hinabgestiegen, zumindest ein Stück weit.
Und ich habe in der Kulturgeschichte des Herzens nachgeforscht und habe besonders in der ägyptischen Sicht des Herzens einige interessante Aspekte entdeckt.
Denn auch das biblische Gedankengut hat starke Einflüsse durch ägyptische Herzens-Vorstellungen erhalten.
Doch ein grosser Unterschied zwischen dem ägyptischen und dem biblischen war u.a., dass bei den Ägyptern ein hartes Herz oder ein Herz aus Stein als etwas Positives galt. Denn ein hartes Herz war ein Symbol der Selbstbeherrschung, der Stabilität und eines besonnenen Verhaltens.
Beeindruckend ist, dass die altägyptischen Ärzte bereits die biologische Funktion des Herzens kannten. Sie konnten u.a. den Puls messen und wussten, dass er vom Herzschlag abhing. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass die Ägypter das Herz als die Mitte und der innere Kern des Menschen betrachteten. Und es war für sie auch das Zentrum der Gedanken und aller intellektuellen Aktivitäten. So dachte und urteilte der Ägypter mit dem Herzen.
Zudem war in der ägyptischen Vorstellung die Seele innig mit dem Herzen verbunden. So wurde nach dem Tod einer Person besonders auf das Herz geachtet. Es wurde zusammen mit dem Leichnam balsamiert. Das Herz war das einzige Organ, das bei der Mumifizierung wieder in den Leichnam hineingelegt wurde. Alle anderen Organe und Eingeweide wurden in separate Gefässe gelegt und neben der Mumie im Grab platziert. Das Gehirn galt sogar als unwichtig und wurde weggeworfen.
Zudem wurde dem Verstorbenen ein schön ausgearbeitetes Modell des Skarabäus, des Herzenskäfers, auf die Brust gelegt, damit das Herz – also die Seele – auferstehen, die Flügel ausbreiten und ins Jenseits fliegen konnte.
Das Herz war aber auch eine Art «Fürsprecherin» oder «Gewissen» beim Totengericht. Dort legt es für den Verstorbenen Zeugnis ab und setzte sich für ihn ein. Ausserdem wurde das Herz beim Totengericht auf eine Waage gelegt und gegen eine Feder der Rechtsgöttin Maat, die für die göttliche Weltordnung steht, ausgewogen. Wenn es in Balance war zu dieser Feder stand, also in der Balance mit dieser Weltordnung, durfte der Tote auch im Jenseits in harmonischem Gleichgewicht weiterleben.
Und so war es auch im Leben wichtig, dass der Mensch sich nach dieser göttlichen Ordnung richtet und im Einklang damit steht. Und mit dem Herzen kann er die göttliche Weltordnung erkennen. So kommt auch die Vorstellung des «hörenden» Herzens von den Ägyptern. Durch das Hören mit dem Herzen kann der Mensch den göttlichen Willen erfahren und damit im Einklang stehen mit dem Göttlichen. Denn das Herz ist auch eine Art Zugangstür des Menschen zum Göttlichen, resp. sogar der Sitz des Göttlichen zum Menschen.
Um 1900 bis 1600 v.Chr. entwickelte sich zudem bei den Ägyptern auch das Ideal, dem Herzen zu folgen, d.h. mit dem eigenen Inneren überein zu stimmen.
Optimal wäre also aus ägyptischer Perspektive, dass der Mensch in Einklang lebt mit der göttlichen Ebene, indem er auf mit seinem Herzen hört, und auch in Einklang ist mit der eigenen Seele, dem eigenen Inneren und dem eigenen Verstand, indem er seinem Herzen folgt.
Auch in der Bibel ist das Herz sehr wichtig. So finden wir bereits im Alten Testament über 900 Erwähnungen des Herzens. Und die meisten sind auch stark beeinflusst durch ägyptische Vorstellungen, abgesehen vom erwähnten harten Herz oder Herz aus Stein.
So ist auch in der Bibel das Herz mit der Seele verbunden und gilt als Sitz der Seele. Und auch im alten Israel ist es ebenso Sitz des Verstands, zusätzlich aber auch der Gefühle. Hinzukommt, dass in der Bibel das Herz wie bei den Ägyptern die Mitte des Menschen darstellt.
Auch im neuen Testament und in der ganzen christlichen Glaubensgeschichte ist das Herz immer wieder ein wichtiges Symbol. So hat u.a. Hildegard von Bingen im 12. Jh. viel zum «Herzen» geschrieben. Sie hat es als «Haus, in dem die Seele wohnt» bezeichnet und als Hort der Vernunft, in dem jedes Wort geordnet, bevor es nach aussen dringt.
Im 17.Jh. hat das Herz in der christlichen Glaubens- und Kulturgeschichte sozusagen seinen zugespitzten Höhepunkt erreicht mit dem Herz-Jesu-Kult.
Dieser Kult ging teilweise in seinen Darstellungen stark ins Makabre und ins Geschmacklose.
Dennoch kann man diesem Kult einiges inhaltlich abgewinnen. Denn es wurde auf intensive Weise die mit ganzem Herzen gelebte Liebe von Jesus aufgezeigt. Er hat sein Herz, und somit seine Liebe, seine Seele, seine Mitte, ja, sich als Ganzes, verletzlich gemacht und sein Herzblut investiert und hingegeben für uns. Er hat sich im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem ganzen Herzen für seine Botschaft und für uns aufgeopfert.

Liebe Mitfeiernde
Ich habe ihnen nun einige Aspekte aus ägyptischer und jüdisch-christlicher Sicht näher gebracht und es gäbe auch von anderen Kulturen und Religionen noch viel mehr hinzuzufügen.
Doch es reicht, um aufzuzeigen, was Liebe mit ganzem Herzen meint. Denn das Herz steht für die Mitte des Menschen, für seine Seele, seine Gefühle und seinen Verstand und damit eigentlich für den Menschen als Ganzes.
Man könnte somit sagen: Gott, aber auch die Menschen und sich selber mit ganzem Herzen zu lieben, bedeutet: füreinander da zu sein mit ganzer Aufmerksamkeit, als ganze Person, ganz im Hier und Jetzt, und dies auch mit ganzer Liebe, d.h. bedingungs- und grenzenlos.
Mit der ägyptischen Vorstellung des «hörenden» Herzens und dem Ideal, dem Herzen zu folgen, erhält für mich aber auch das «Höre» von «Höre, Israel» noch eine tiefere Bedeutung. Denn es fordert mich damit auch auf, mit dem Herzen zu hören und ihm zu folgen und so zu spüren, was es heisst, im Einklang zu stehen mit Gott und mit der eigenen Mitte. (Vielleicht könnte man sogar sagen, dass da gar kein so grosser Unterschied besteht.)
In diesem Einklang stehend hilft uns unser Herz auch zu vernehmen, was Liebe mit ganzer Seele im Hier und Jetzt für uns bedeuten kann.
In dem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir nicht nur in der Balance stehen zwischen Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, sondern auch in der Balance sind mit der Feder der göttlichen Ordnung und mit uns selber.
Ganz im Sinne von: «Schweige und höre. Neige deines Herzens Ohr. Suche den Frieden.»
Amen.

Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis B: Ehescheidung – Plädoyer für mehr Barmherzigkeit

Mk 10, 2 – 12:

2 Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. 3 Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? 4 Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. 5 Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. 6 Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. 7 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. 9 Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 10 Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. 11 Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. 12 Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.

Liebe Mitfeiernde
Der heutige Evangeliumstext birgt reichlich Zündstoff, denn er ist sehr aktuell und immer wieder, besonders in der Kirche, bietet er auch viel Diskussionsstoff und sorgt für erhitzte Gemüter.
Jesus wird von den Pharisäern gefragt, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann.
Jesus geht auf diese Frage ein, indem er einerseits die Hartherzigkeit anspricht, die zu dieser Scheidungsmöglichkeit geführt hat, aber auch Bezug nimmt zur Erschaffung von Mann und Frau und ihrer Verbindung, ihrem Einssein.
Und genau diese beiden Aspekte, die Hartherzigkeit und das Einssein zwischen Mann und Frau, sind aus meiner Sicht auch Kernpunkte, mit der wir dieses Thema erörtern können.
Jesus weist ausserdem daraufhin, dass aufgrund des Einsseins von Mann und Frau, das auf Gott zurückzuführen ist, eine Ehe nicht vom Menschen aufgelöst werden kann.
«Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.»
Als Grundlage erinnert uns Jesus dabei an den zweiten Schöpfungsbericht. Denn dort wird aufgezeigt, dass der Mensch nicht alleine leben kann, dass er Beziehung braucht. Und so wird aus der Seite, wie das Wort für Rippe normalerweise übersetzt wird, ein zweiter Mensch erschaffen. Und erst dann entsteht aus dem zunächst ungeschlechtlichen Menschen Mann und Frau, die sich miteinander verbinden. Aber ja eigentlich schon vorher eins waren, bevor aus den zwei Seiten, zwei verschiedene Personen geworden sind.
Die neue Verbindung ist nicht mehr eine Einheit im Sinne eines einzelnen Wesen, sondern das Einssein ist nun auch geprägt durch zwei verschiedene Individuen und somit auch durch Unterschiedlichkeiten. Und genau dort liegt auch ein Brennpunkt, der diese Verbindung zu einer grossen Herausforderung werden lässt und manchmal auch zur Überforderung. Die Spannbreite der Erfahrungen damit ist riesig und liegt zwischen tiefer Glückseligkeit und abgrundtiefem Leid.
Auch dies ist m.E. ein wichtiger Aspekt im Blick auf diese Frage bzgl. Ehescheidung. Die Aussage von Jesus auf diese Frage ist später zum Gesetz gemacht worden, obwohl dies bestimmt nicht in seinem Sinne war.
So wird dazu im Kirchenrecht festgehalten:
«Die Wesenseigenschaften der Ehe sind die Einheit und die Unauflöslichkeit.»
«Die gültige und vollzogene Ehe kann durch keine menschliche Gewalt und aus keinem Grunde, außer durch den Tod, aufgelöst werden.»
Allzu oft werden sowohl die Aussage von Jesus wie auch das Kirchenrecht als Begründung dafür herangezogen, um vorschnell Menschen, die sich haben scheiden lassen, zu verurteilen und als sündige Menschen hinzustellen.
Doch wenn wir beachten, was Jesus mit seiner Aussage hat erreichen wollen, müssen wir m.E. diese ganze Thematik mit anderen Augen betrachten. Denn Jesus hat mit dem Hinweis, dass die Ehe nicht von Menschenhand aufgelöst werden kann, resp. dieses Einssein nicht von Menschen entzweit werden darf, einer Willkür entgegentreten wollen, mit der ein Ehemann einfach aus irgendeinem Grund seine Frau aus der Ehe entlassen. Denn diese Diskussionen liefen zwischen versch. jüdischen Strömungen. Die eine Seite ging soweit, dass sie behauptete, dass sogar eine Lapalie wie z.B. ein Anbrennen-Lassen des Essens ein Scheidungsgrund sein kann, und die strengere Seite akzeptierte nur den Ehebruch, resp. das Fremdgehen als Grund.
So war die Frau in Gefahr, einfach als Entehrte, Entrechtete und als Unversorgte auf der Strasse zu stehen.
Somit ist das Anliegen von Jesus v.a. auch der Schutz der Frau vor der Willkür der Männer oder umgekehrt, was jedoch viel weniger der Fall war.
Und so steht auch hier einmal mehr die Hartherzigkeit im Zentrum, die nach Jesus dieses Gesetz ermöglicht hat.
Doch wenn wir den Schutz von Frau und Mann und auch der Kinder in den Blick nehmen und uns von Hartherzigkeit distanzieren möchten, dann müssten wir m.E. anders handeln und urteilen, auch als viele Menschen in der Kirche dies auch heute noch tun.
Oft wird nur der Schmerz gesehen, die Kinder aufgrund einer Scheidung erfahren müssen. Und bestimmt muss dem auch Rechnung getragen werden. Doch es geht grundsätzlich um den Schutz und das Wohl aller.
Und wo bleibt der Schutz von Frau, Mann und Kindern, wenn eine Ehe nur noch aus Konflikten und Gewalt besteht?
Und wo bleibt die Warmherzigkeit, resp. Barmherzigkeit, wenn wir die Menschen verurteilen, durch deren Ehe ein riesiger Spalt geht und die sich aufgrund von tiefem Leid scheiden lassen?
Wo bleibt die Barmherzigkeit, wenn wir Geschiedene und Wiederverheiratete von der Kommunion ausschliessen, obwohl es ihnen ein Anliegen wäre und der Zustand ihrer Ehe nichts über ihr Mensch-Sein aussagt?
Verstehen sie mich nicht falsch: Ich vertrete durchaus die Meinung, dass man für die Paarbeziehung und Ehe kämpfen soll. Und ich finde auch, dass eine solche Beziehung immer auch Arbeit ist. Doch ich bin auch der Überzeugung, dass es nur ganz wenige gibt, die nicht alles dafür tun, um eine Ehe zu retten und, falls Kinder vorhanden sind, nicht auch ihr Wohl stets im Auge behalten.
Und ich denke, wir müssen dazu stehen, dass eine Ehe brüchig werden kann und durch das Einssein ein tiefer Riss gehen kann, der eigentlich schon aufzeigt, dass hier nicht mehr von einem Einssein gesprochen werden kann. Und für all dies kann man nicht einfach die Ehepartner schuldig sprechen. Denn wie viele bemühen sich bis zuletzt um ihre Beziehung und oft sogar mit professioneller Unterstützung?
Und dennoch kann oft nicht verhindert werden, dass die Ehe nicht mehr lebbar ist, oder sogar schon tot und nur noch der Weg der Scheidung übrig bleibt, und dies meist überhaupt nicht aus Willkür, sondern aus einer tiefen Not heraus und letztlich auch zum Schutz und zum Wohle der Frau, des Mannes und der Kinder.
Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir eben neben der Verbundenheit immer auch einzelne, total unterschiedliche Personen sind, kann Schwierigkeiten erzeugen, die nicht mehr überwindbar sind.

Liebe Mitfeiernde
Aufgrund all dieser Überlegungen wünsche ich mir, dass wir Menschen und besonders auch wir Katholiken mitsamt den Obrigkeiten mehr Warmherzigkeit und Liebe leben und einen barmherzigen und verständnisvollen Blick auf die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten haben.
Nicht die Verurteilung und Ausgrenzung von Menschen sollte um sich greifen, sondern vielmehr sollte die gegenseitige Zuwendung und Unterstützung und auch die Einsicht im Mittelpunkt stehen, dass wir alle immer wieder Risse und Brüche erleben müssen im Leben, sogar in uns selber, die wir in keinster Weise so gewollt oder verursacht haben.
Darum: Lassen wir uns doch von der Barmherzigkeit leiten und drehen der Hartherzigkeit, wie Jesus, den Rücken zu.
Amen.

Predigt zu Mk 7,1-23: Was liegt dir am Herzen?

Liebe Mitfeiernde

Haben Sie auch schon einen «Pharisäer» getrunken?

Der «Pharisäer» ist ein Kaffee, den man v.a. in Österreich und an der Nordsee trinken kann.

Wenn wir der Entstehung dieses Kaffees auf die Spur gehen, sind wir mittendrin in der Diskussion rund um die Gruppe der Pharisäer und mitten im Thema des heutigen Evangeliums.

«Der Pharisäer» ist ein Kaffee, der im 19. Jh. in Nordfriesland, auf der Insel Nordstrand entstanden sein soll. Und zwar lebte dort damals ein asketischer Pastor und es war bei den Friesen Brauch, in seiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken.
Sie bedienten sich darauf hin einer List und machten ein Mischgetränk, das aus frisch gebrühtem Kaffee besteht, einem Würfelzucker, einem guten Schuss Rum und dem danach eine Sahnehaube hinzugefügt wird.
Durch die Sahnehaube wird der Kaffee schön warm gehalten und es wird vermieden, dass man den Alkohol riechen kann.
Doch der Pastor soll eines Tages doch der List auf die Schliche gekommen sein und die Anwesenden «Oh, ihr Pharisäer» genannt haben und dadurch ist gemäss dieser Geschichte der Name dieses Kaffees entstanden.

Ein Spruch, der m.E. dazu gut passt, ist: «Wasser predigen und Wein trinken.»

Ein Pharisäer ist damit also Inbegriff für Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit und Listigkeit.

Auch Jesus beschimpft die Pharisäer im Markusevangelium als unehrliche Menschen, nämlich als «Heuchler».

Er wirft ihnen vor, Gottes Gebote zu verfälschen und reine Lippenbekenntnisse zu machen, die jedoch nicht von Herzen kommen.

Jesus hat in allen Evangelien immer wieder Streit mit den Pharisäern. Und im heutigen Evangelium wirft er ihnen vor, eigene Gebote zu erstellen, die nichts mit Gottes Geboten zu tun haben.
Die Pharisäer haben im Gegensatz zu den Sadduzäern wert darauf gelegt, die Thora, die fünf Bücher Mose, praktikabel zu machen und an die damalige Zeit anzupassen, d.h. die Thora so zu deuten, dass sie gelebt werden konnte. Sie haben also neben der Thora auch die eigene Deutung ins Spiel gebracht. Die Sadduzäer hingegen wollten die Bücher Mose jedoch unangetastet lassen, ohne etwas hinzuzufügen.

Jesus hat immer wieder wegen der Deutungen der Pharisäer Auseinandersetzungen mit ihnen gehabt, v.a. weil es seinen eigenen Schwerpunkten und Deutungen widersprochen hat.
Andererseits kann man aufgrund dessen, wie Jesus mit Gleichnissen die Anliegen der Thora und auch der Propheten den Menschen verständlich machen will, auch eine grosse Ähnlichkeit zwischen den Pharisäern und Jesus entdecken. Vielleicht stammt er ursprünglich auch aus diesem Kreis.
Doch Jesus wirft den Pharisäern vor, dass sie sich nicht an Gottes Gebot halten, sondern nur den menschlichen Überlieferungen folgen.

Doch bei diesem Vorwurf hab ich mich gefragt: Kann es Gottes Gebote in Reinform geben, ohne dass bereits menschliche Überlieferung mitdabei ist? Ist nicht alles, was wir wahrnehmen, aufschreiben und erzählen, immer schon Deutung und eigene Überlieferung?

Aus meiner Sicht ist alles Überlieferte und Aufgeschriebene bereits durch die menschliche Brille und Deutung hindurch gegangen.
Und so ist alles menschliche Deutung und Überlieferung und unterliegt den eigenen Interessen und fliessen dabei die eigenen Sehnsüchte und Ängste mit ein.

Darum ist es m.E. auch entscheidend, dass wir bei unseren Interpretationen und Auslegungen stets auch unsere Interessen, unsere Sehnsüchte und unsere Ängste transparent machen, die dahinter stecken.
Meine Interessen sind z.B. immer stark vom Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit geprägt. Aber ebenso liegt auch die Sehnsucht nach gegenseitigem Verstehen und Angenommen-Werden als Mensch, wie man ist, und dies in Gegenseitigkeit zu leben. Aber auch ein tiefer Gerechtigkeitssinn liegt bei meinen Interpretationen dahinter.

Auch mein Gottesbild ist geprägt vom Interessen, angenommen und geliebt zu werden und nicht verurteilt zu werden. So tendiere ich das Bild eines liebenden Gottes zu vertreten, der uns Freiheit schenkt und Kraft, die durch uns fliesst und uns dabei unterstützt, unsere Stärken auszubauen und unsere Schwächen anzunehmen und zu vermindern.

Liebe Mitfeiernde, was sind Ihre Interessen, die sich in Ihrer Spiritualität, in Ihren religiösen Anliegen und in Ihrem Gottesbild zeigen?

Auch Jesus hat seine Anliegen mit Gleichnissen und mit seinem Handeln und Reden transparent gemacht. Und ein Teil dieser Anliegen von Jesus kommen m.E. im gehörten Evangelium ganz gut zum Ausdruck.

Jesus fragt sich m.E.: Was geht im Herzen jedes Einzelnen ab? Was bewegt ihn und stimmt dies überein mit dem, was er sagt?
Ihm ist es ein grosses Anliegen, dass alle Gesetze und Regeln mit der Brille des Hauptgebots «Liebe Gott, deinen Nächsten wie Dich selbst» gelesen werden. Damit steht bei ihm immer das Herz als Zentrum der Liebe im Mittelpunkt.

Sowohl die Gottesliebe wie auch die Liebe zu den Menschen sind tief verwurzelt im jüdischen Glauben. So heisst es z.B. im fünften Buch Mose:
„Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“
Und sowohl im dritten Buch Mose wie auch bei Jesaja und anderen Texten im Alten Testament kommt auch die Liebe zum Mitmenschen zum Ausdruck.
Dieses Hauptgebot von Jesus ist für ihn Dreh- und Angelpunkt aller Gesetze und Gebote.
So wie er jedoch auf die Rüge der Pharisäer bzgl. des unterlassenen Händewaschens reagiert, zeigt sich, dass dies nicht Essentiel ist, das Hände-Waschen ist sozusagen ein „Peanut“ und ist nicht entscheidend.
Viel wichtiger ist es, wie ein Mensch im Innersten ausgerichtet ist. Dies zeigt sich zwar im Äusseren, aber eher darin, wie jemand mit den Mitmenschen umgeht, als darin, ob er seine Hände gewaschen hat oder nicht. Es kommt darauf an, ob sein Handeln und seine Äusserungen von Herzen kommen.
Auch in der Szene, in der Jesus von den Pharisäern kritisiert wird, als er am Sabbat einen Menschen heilt, wird deutlich, dass auch hier das Liebesgebot im Zentrum steht, und v.a. zeigt sich auch, dass die Gesetze dem Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt.
Auch heute, auch in Politik und in Kirche, ist es wichtig, dies vor Augen zu halten: beispielsweise bei Fragen der Ökumene, bei der Behandlung von Menschen mit anderer sexueller Ausrichtung oder auch bei der Zulassung Geschiedener zur Kommunion. Stets sollte da der Mensch im Zentrum stehen, die Regeln, Gebote und Gesetze sollten auch da dem Menschen dienen. Und nicht Verurteilung, sondern Liebe sollte hier im Spiel sein.
Auch hierbei kommt es auf das Herz an und auf die Übereinstimmung dessen, was über die Lippen kommt und was unser Herz bewegt.
Und Enge schadet dem Herzen, es lässt das Herz verkümmern. Herzensweite jedoch lässt uns selber und auch unser Umfeld atmen und spendet Wärme.

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche uns allen, dass wir bei allem, was wir sagen und tun, auf unser Herz hören können und dass wir unser Herz immer mehr öffnen und weit machen können für uns selber, für unsere Mitmenschen und nicht zuletzt auch für Gott.

Amen.

Predigt zu Genesis 1: Macht euch die Erde untertan! Wirklich?

« Bevölkert die Erde und unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. »

Liebe Mitfeiernde

Sind diese Worte des Textes aus dem ersten Schöpfungsbericht im Genesisbuch nicht eine ziemliche Provokation?

Es ist einer von vielen solcher Sätze in der Bibel, bei der ich zumindest ins Schaudern gerate, wenn nicht sogar ins Entsetzen.

Auch im Lesezirkel zur Enzyklika «Laudato si» hat diese Passage viel Diskussionsstoff geboten. V.a. wurde die Problematik dieses Vokabulars von «Unterwerfen» und «Herrschen über die Natur» ins Feld gebracht.
Denn diese Worte können Auslöser und auch eine Begründung sein für ein ausbeuterisches Handeln gegenüber unserer Umwelt. Und wir wissen alle, dass lange Zeit auch im Namen des christlichen Glaubens diese Grundhaltung des Unterwerfens und Beherrschens tonangebend war. Da wurde dieses Unterwerfen in Eroberungs- und Missionszügen zusätzlich auf Menschen ausgedehnt, die man als «Wilde» bezeichnet hat und wie zu zähmende Tiere behandelt hat.

Doch gehen wir zunächst etwas auf die Hintergründe dieses Schöpfungsberichts ein. Wie Sie vielleicht bereits wissen, gibt es in der Bibel zwei verschiedene Schöpfungsberichte.

Der eben gehörte erste Schöpfungsbericht hat eine klare Struktur mit der Aufteilung in sieben Tage und dem jeweiligen Abschluss «Gott sah, es war gut», resp. «sehr gut» und er spricht von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Dieser Text ist etwa 550 v. Chr. entstanden, in einer Zeit, in der ein wesentlicher Teil vom Volk Israel im babylonischen Exil war.

Der zweite Schöpfungsbericht, der vom Garten Eden erzählt und von der Erschaffung des Menschen, der zunächst alleine ist, und später aus einer seiner Rippen, resp. verständlicher übersetzt aus seiner Seite ein zweiter Mensch erschaffen wird. Und aus diesen zwei Hälften entstehen Mann und Frau. Sie erhalten dort den Auftrag, den Garten Eden zu hegen und zu pflegen. Dieser Schöpfungserzählung soll somit im 9./8. Jh. v. Chr. entstanden sein.

Wenn uns durch das Wissen um die Hintergründe nun bewusst wird, dass der erste Schöpfungsbericht in einer schwierigen und durch fremde Macht dominierten Zeit, wird vielleicht auch klar, dass die Schöpfung aus dem Chaos, die Ordnung bringt, wie auch die klare Struktur des Textes und die häufige Bezeichnung der Schöpfung als «gut» auch ein Stück weit Trost und Hoffnung spenden soll. Auch die Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild geht in diese Richtung, in dem es den Menschen Hoffnung macht und ihr Vertrauen stärkt.
Der Satz bzgl. Unterwerfung und Herrschaft über die Tiere ist und bleibt jedoch schwierig, resp. spitzt sich noch zu, wenn wir die hebräischen Wörter genau übersetzen. Denn das Wort «kabasch», das oft mit «Unterwerfen» oder «Untertan machen» übersetzt wird, bedeutet eigentlich «den Fuss setzen auf» und lehnt sich stark an die Beschreibung der altorientalischen Königsherrschaft an. Mit diesem «Den Fuss darauf setzen» ist jedoch nicht ein fürsorgliches Herrschen gemeint, sondern es spricht darauf an, dass der Herrscher darüber verfügen kann, was unter seinen Füssen liegt.
Das Wort «radah», das mit «herrschen» übersetzt wird, meint wörtlich eher «treten», resp. «niedertreten».

Liebe Mitfeiernde

Mich haben diese Übersetzungen eher noch zusätzlich entsetzt. Sie wirken leider nicht aufbauend oder entschärfend.

Die neueren theologischen Deutungen versuche darum meistens diese Passage zu mildern, indem sie festhalten, dass Herrschen auch mit einer Verantwortung verbunden ist und einem fürsorglichen Umgang mit den Untergebenen, die auch ein Hirte gegenüber seiner Herde hat. Dabei wird erwähnt, dass die altorientalische Königsherrschaft mit der Übergabe eines Hirtenstabes verbunden war.

Zur Milderung gibt es auch die Vermutung, dass dieser Herrschaftsauftrag nachträglich hinzugefügt worden ist und nicht zum Kern des ursprünglichen Textes gehört. Als Grund für diesen Satz wird zudem vermutet, dass es um eine Legitimierung von Tieropfern gegangen sein könnte.

Wie wir sehen, gibt es unterschiedliche Ansätze, um diese Passage erträglicher zu machen und in unsere heutige ökologische Sicht zu integrieren.

Doch was tun wir mit diesem Wissen?

Ein wichtiger Aspekt ist m.E., dass wir den Blick über den gehörten Genesistext noch etwas weiten und vorausschauen auf die Sintflut, die aufzeigen wird, dass ein solches ausbeuterisches, eigennütziges und verantwortungsloses Handeln nicht zukunftsfähig ist.

Zudem zeigt uns dieser Bibeltext ganz gut auf, dass wir unsere von Gott geschenkte Vernunft und die geschenkte Inspiration und unser Gewissen nicht ausser Acht lassen dürfen, auch nicht im Blick auf solche Texte.

Und im Wissen um das grosse Unheil, was dieser Herrschaftsauftrag angerichtet hat, sind wir noch viel mehr in der Pflicht, uns von dieser Haltung abzugrenzen.

Dabei können uns durchaus auch andere biblische Texte unterstützen, die die Sorge für die Schöpfung und die Verbundenheit mit ihr mehr ins Zentrum stellen, wie z.B. einige Psalmen, die die Schöpfung preisen, besonders Psalm 104 oder auch der zweite Schöpfungsbericht, der uns zum Hegen und Pflegen der Natur auffordert. Aber auch die Gleichnisse von Jesus zeigen, dass er eine tiefe Verbundenheit mit der Natur hatte, da er wie selbstverständlich immer wieder Bilder der Schöpfung zur Erklärung seiner Botschaft verwendet hat. Und wenn er davon spricht, wie Gott sich um die Vögel des Himmels kümmert, nimmt er uns alle damit eigentlich auch in Pflicht so zu handeln. Denn wenn Gott nicht unser Vorbild sein soll, wer dann?!

Um unser Verhalten gegenüber der Natur fürsorglicher zu gestalten, gibt es auch Vorbilder, die ebenfalls eine Richtungsänderung eingeschlagen haben, wie z.B. Franziskus von Assisi, der mit seinem Lobpreis eine tiefe Verbundenheit zur Schöpfung ausgedrückt hat.

Und auch viele Theologinnen und Theologen und auch Papst Franziskus rufen zu einem Umdenken auf.

Aber ich denke, es braucht noch viele Schritte mehr, um unsere Sichtweise der Welt und unseren Umgang ihr zu verändern, weg von einem Gebrauchen und Benutzen und mehr zu einem freundschaftlichen Miteinander.

So möchte ich uns alle ermutigen, dass wir selber uns von Gottes Geist erfassen lassen und mit unserem Denken und Handeln für einen partnerschaftlichen Umgang mit der ganzen Schöpfung eintreten.

Denn vom Partnerschaftlichen sind wir nach wie vor weit weg. Viele heben nach wie vor die besondere Stellung und den besonderen Wert des Menschen hervor, sogar unser Papst.

Aber, im Ernst, ist es nötig und klug, an dieser Vormachtstellung festzuhalten? Was haben wir zu verlieren, wenn wir uns und alle Geschöpfe als gleichwertig ansehen? Haben wir Angst, dass wir dadurch zu viel von unserem Verhalten in Frage stellen müssen?

Ganz bestimmt werden einige Fragen bzgl. Umgang mit Tieren und Natur noch tiefer diskutiert werden müssen.
Doch würde es uns nicht einen wesentlichen Schritt vorwärts bringen zu einer Einheit mit der ganzen Schöpfung und zu einem freundschaftlichen Miteinander?

Wäre es nicht ein Gewinn, wenn wir davon ausgehen würden, dass in jedem Geschöpf Gottes Schöpfer-Geist fliesst?
Amen.