Predigt zu Joh 6,24-35: Du hast kein Brot gegen mich – Wir haben Brot füreinander.

Liebe Mitfeiernde

Kennen Sie den Satz: «Du hast kein Brot gegen mich»?

Oft sagen dies Menschen zueinander, die sich gegenseitig messen, sei es im Spiel oder in einer Auseinandersetzung.
Und damit wird dem Gegner gesagt, dass er keine Chance hat und nicht genügend Kraft und Stärke, um etwas ausrichten zu können gegen denjenigen, der dies äussert.

Jesus bringt im heutigen Evangelium einen ganz anderen Satz:
Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern,
und wer mir vertraut, wird nie mehr Durst haben.

Jesus sagt damit, dass wir mit ihm Brot haben, d.h. wir haben Chancen und Kraft. Aber bei ihm geht es nicht darum, Brot gegen jemanden zu haben, sondern vielmehr Brot füreinander.
In seinem Leben hat er vielen Menschen Chancen eröffnet hat und viele Menschen gestärkt. Und er möchte, dass wir ebenso in dieser Kraft stehen können. Und der Boden, auf dem wir in dieser Kraft stehen können, ist der Boden des Glaubens und Vertrauens.
Wenn wir Jesus und seiner Kraft Vertrauen und daran glauben, dass sein Leben und seine Botschaft heilsam sind und wir sein Leben in unser Leben einfliessen lassen können, dann spüren wir, dass wir Stärkung erfahren, die anhält.

Aber um diese Kraft spüren zu können, um dieses Brot des Lebens zu haben, braucht es ein Vertrauensverhältnis. Denn Vertrauen wirkt selber stärkend wie Brot und es schafft Frieden und ist der Boden, auf dem Leben gedeihen kann. Und Vertrauen ist auch der Boden, auf dem Liebe und Zufriedenheit wachsen können. Und Liebe wiederum stärkt das Vertrauen.

Wo aber Vertrauen zerstört ist, werden Kräfte entzogen, die Energie wird abgesaugt und wir werden geschwächt. Wir fühlen uns dann kraft- und chancenlos und von der Lebensquelle abgeschnitten. Wir haben dann tatsächlich kein Brot mehr, um etwas ausrichten zu können.

Doch Jesus hat in seinem Leben stets das Vertrauen gefördert, indem er sich seinen Mitmenschen voller Liebe, Friedfertigkeit und Ehrlichkeit zugewendet hat. Er hat mit seinem Leben den Menschen um ihn immer wieder gezeigt: Ich bin da für euch. Und damit hat er eigentlich wortwörtlich im Namen Gottes gelebt. Denn Jahwe, der hebräische Name Gottes, bedeutet: Ich bin der oder die, die da gewesen ist, da ist und da sein wird für euch.

Durch die starke Verbundenheit von Jesus mit Gott hat er dieses Dasein für andere zu seiner Lebensmitte gemacht.

In Anknüpfung an Gottes Namen ist es so auch nicht verwunderlich, dass im Johannesevangelium verschiedene «Ich-Bin-Worte» von Jesus geäussert werden. Beginnend mit «Ich bin das Brot des Lebens» folgen sechs weitere «Ich-Bin-Sätze», z.B. «Ich bin das Licht der Welt», «Ich bin die Tür», «Ich bin der gute Hirt» oder «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben».

Der Name Gottes, sein Dasein für uns Menschen, und das Leben von Jesus, das diese Präsenz und diese Liebe für uns Menschen sichtbar gemacht hat, ist ein grosses Geschenk, aber auch eine Aufgabe.

Der Name von Gott ist Programm, nicht nur für Gott selber, sondern auch für unser Leben. Denn so wie wir als Ebenbild Gottes erschaffen worden sind, könnten wir sagen, ist auch der Kern seines Namens auf uns übergegangen. So sind wir eingeladen, uns das Dasein im Hier und Jetzt und das Dasein auch füreinander nicht nur zum Motto, sondern auch zur Lebensaufgabe zu machen.

Und wir sind eingeladen, füreinander Brot zu sein wie Jesus und einander stärkend zur Seite zu stehen, aber nicht nur im geistig-seelischen Sinne, sondern auch, indem wir dafür sorgen, dass niemand am Hungertuch nagen muss.

Im Johannesevangelium gibt es eine Aussage von Jesus, an der ich hängen geblieben bin: «Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt».

Im ersten Augenblick scheint es hier so, als es ob nicht darum gehen sollte, sich darum zu kümmern, wie man den leiblichen Hunger und Durst stillen kann. Und es wird damit auf den ersten Blick die Sorge ums Überleben in Frage gestellt.

Dies kommt auch in der örtlichen Abgrenzung in dieser Geschichte zum Ausdruck: Denn auf der einen Seite des Sees ging es um die Brotvermehrung und die leibliche Not der hungrigen Menschen und deren Linderung.
Und auf der anderen Seite des Sees zeigt Jesus

den Menschen eine ganz andere Sicht auf, indem er ihnen von einem Brot erzählt, dass über den körperlichen Hunger hinausgeht und über das irdische Leben hinaus satt macht.

Man könnte hier wirklich meinen, dass die Leib-Sorge gegen die Seel-Sorge ausgespielt wird.
Ganz im Sinne von: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und Leben ist mehr als Überleben.

Doch der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagt zu Recht dazu: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagen zumindest die, die es im Überfluß haben.“

Denn wie kann man denken mit leerem Magen? Und wie kann man um Sinn ringen, wenn man ums Überleben kämpfen muss? Wie kann man sich um die Seele kümmern, wenn der Leib verkümmert?

Gerade in der heutigen Zeit wissen wir, wie sehr Leib und Seele miteinander verknüpft sind und dass das leibliche Wohl grossen Einfluss hat auf das seelische und das seelische Wohl ebenso auf das leibliche. Beides geht Hand in Hand.

Und wenn wir das Leben von Jesus betrachten, sehen wir, dass es auch ihm nicht ums Ausspielen dieser beiden Aspekte geht. Vielmehr sind beides Seiten derselben Medaille oder anders gesagt, liegen beide Sichtweisen an einem zwar anderen Ufer aber desselben Sees. Und so hat sich Jesus immer sowohl um körperliche wie um seelische Not gekümmert.

So wie er auch einem toten Mädchen nach seiner Heilung gesagt hat, steh auf und iss, hat er gewusst, dass der Leib grossen Einfluss hat auf die Seele. Aber mit dem Bild des Brotes des Lebens, das er für uns sein möchte, zeigt er auch auf, dass wir neben dem Körper auch die Seele nicht vernachlässigen dürfen.

So sind wir damit aufgefordert, wie Jesus, uns dafür einzusetzen, dass Menschen genügend zu Essen haben, um überleben zu können, und dass die körperlichen Nöte gelindert werden.

Aber wir sind auch aufgefordert, selber Seelsorge zu betreiben und einander zu helfen, Erfüllung und Sinn zu finden im Leben und sich stetig weiterentwickeln zu können.

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche uns, dass wir durch das Leben von Jesus, durch seine Botschaft und durch das gemeinsame Beten und gemeinsame Teilen des Brotes immer wieder Sättigung und Stärkung erfahren dürfen. Und ich wünsche uns auch, dass es uns aus der Kraft von Jesus heraus und mit seinem Vorbild vor Augen und im Herzen immer wieder gelingt, Vertrauen zu fördern, einander zu stärken und füreinander da zu sein ganz im Namen von Gott: Ich bin da für euch.

Amen.

Gottesdienst zum 13. Sonntag im Jahreskreis B: Berühren

Liturg. Gruss, Begrüssung, Einleitung

+++
Der uns berührende Gott sei mit Euch.

Guten Morgen miteinander

Schön, dass Sie hierhergekommen sind, dass wir miteinander Gottesdienst feiern können.

Wir werden heute von zwei Frauen hören, die Heilung erfahren. Eine der beiden hat sich an Jesus herangewagt, weil sie gespürt hat, dass von ihm viel heilvolle Kraft ausgeht. Auch wir wollen heute von dieser Kraft spüren. Und vor allem wollen wir es wagen, heute aber auch sonst in unserem Leben, uns berühren zu lassen von den guten Kräften im Leben, aber auch voneinander.
Denn Sich-Berühren-Lassen-Zu-Können ist praktisch die Essenz des Lebens. Es gibt ihm Inhalt und Würze. Und es kann sehr heilsam sein.
So öffnen wir unser Herz und stimmen ein ins Lied KG 42.

Lied KG 42 «Komm her»

Besinnung

Jesus Christus,
Durch Berührung hast Du Menschen ermutigt.
Herr, erbarme Dich.

Durch Berührung hast Du Menschen geheilt.
Christus, erbarme Dich.

Durch Berührung hast Du Menschen zum Leben erweckt.
Herr, erbarme Dich.

Rühr Du uns an. Berühre uns mit Deiner Kraft und führ Du uns aus Erstickendem, Zermürbendem und Erstarrendem hin zum Leben.
Amen.

Glorialied KG 78 «Es jubelt»

Gebet

Jesus Christus,
Wir wollen uns von Dir berühren lassen.
Wir wagen uns an Dich heran.
Wir möchten die heilvolle Kraft in uns spüren,
die Dich voll und ganz erfüllt hat.
Lass Deine Kraft auch in uns fliessen.
Nimm Du uns mitten hinein ins Leben.
Berühren lassen
möchten wir uns
Vom Leben
Von unseren Mitmenschen
Von ihrem Schicksal
ihrem Weinen
ihrem Lachen
und
von all den guten Kräften,
die Gottes Schöpfung durchströmen.
Amen.

Lesung 2 Kor 8,7.9.13-15

Ruf vor Evangelium KG 359.3

Evangelium Mk 5,21-43

Predigt

(siehe unten, nächster Blogbeitrag)

Musik

Fürbitten

Als Antwortruf auf die Fürbitten singen wir jeweils bei der Nr. 489.

Lebendiger Gott,
Deine heilvolle Kraft, die Jesus erfüllt hat, bringt uns ins Staunen. Wir wünschen uns, dass auch wir uns dieser Kraft ganz öffnen können, darum bitten wir Dich:

Berühre mit Deiner Kraft …

… Menschen, die spüren, wie ihre Kräfte schwinden
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die sich innerlich leer fühlen
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die von Ängsten blockiert sind
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die sich verausgaben für das Leben anderer
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die auf dem Weg sind zum Erwachsen-Werden
«Sende aus deinen Geist» KG489

Guter Gott, wir danken Dir für Deine Kraft, die das Leben und die ganze Schöpfung durchströmt. Amen.

Kommuniongebet

Wir loben Gott mit Gebet und Gesang. Als Zwischengesang singen wir jeweils das «Heilig» bei der Nr. 108.

Gott, Du Quelle des Lebens,
Wir danken Dir für die wundervolle Schöpfung.
Wir danken Dir für die Kraft,
die alles durchfliesst.
Besonders jetzt im Sommer dürfen wir die strotzende Kraft bestaunen,
die sich zeigt,
im Blühen der Alpenrosen, der Kornblumen und des Enzians,
im Plätschern der Bäche,
im Tosen der Flüsse,
im Grünen der Bäume,
in der Süsse der Früchte
im Erstrahlen von Verliebten.

Wir danken Dir von Herzen,
für den Glanz Deiner ganzen Schöpfung
und das Überfliessen des Lebens.

Dankbar loben wir Dich:

«Heilig» KG 108

Jesus Christus,
Du bist unser Vorbild.
Du warst und bist durchflutet
Von der göttlichen Kraft.
Du hast die Menschen berührt
Mit Deiner Botschaft und Deinem ganzen Wesen.

Wir danken Dir
Für Dein Ermutigen
Für Dein Berühren.

Du führst uns hin
Vom Versteinerten zum Grünenden
Vom Erstarrtem zum Fliessenden
Vom Ersticktem zum Atmenden
Vom Tod zum Leben

Voller Dank singen wir Dir unser Lied:

«Heilig» KG 108

Heiliger, heilender Geist,
Fluss, der alles durchströmt,
Kraft, die Heilung bringt,
Liebe, die Beziehung schafft,

Wir danken Dir für Dein Durchfluten
Unserer Herzen,
unserer Freundschaften,
unserer Gespräche,
unserer Träume,
unserem Engagement füreinander.

Wir danken Dir für Dein Durchfluten
Unserer ganzen Welt.

Voll Dankbarkeit lassen wir unsere Stimmen ertönen:

«Heilig» KG 108

Vater Unser

Friedensgruss

Frieden ist nicht nur ein Wort.
Frieden bedeutet,
es gut zu meinen miteinander,
dem anderen gegenüber nicht gleichgültig zu sein,
sondern sich berühren zu lassen von ihm
und dem, was zwischen uns geschieht.

Das Leben fliessen zu lassen.

Gott möchte uns diesen Frieden zuströmen lassen.

«Der Friede Gottes sei allezeit mit Euch.»

Einladung zur Kommunion

Jesus Christus, berühr uns, rühr uns an mit Deiner Kraft. Erfülle uns mit Deiner Liebe. Durchflute unser Leben mit Deinem Geist. Amen

Kommunion mit Musik

Schlussgebet

Kraftvoller Gott
Wir danken Dir für Deine Gegenwart.
Wir danken Dir für die Gemeinschaft untereinander.
Wir danken Dir für die Stärkung durch Jesu Geist und Leben.
Wir möchten den heilvollen Kräften Raum geben.
Lass uns einander gegenseitig Stütze sein.
Lass Deine Liebe durch uns fliessen,
damit wir einander ermutigen können.
Deine Liebeskraft möge uns bestärken,
aufzustehen und einzustehen für alles,
was dem Leben dient,
und wach zu sein füreinander und die Schönheit Deiner ganzen Schöpfung.
Amen.

Schlusslied RU 017 «Herr, wir bitten»

Segen

Herr,
wir bitten:
Komm und segne uns.
Lege auf uns Deinen Frieden.
Segnend halte Hände über uns.
Berühr uns.
Rühr uns an mit Deiner Kraft.

So sei Du unser Segen als dreeiniger Gott,
Vater, Sohn und Heilig, heilender Geist.
Amen.

Predigt zu Mk 5,21-43: Berühren – Sich berühren lassen

Die Auferweckung der Tochter eines Synagogenvorstehers und die Heilung einer kranken Frau

21 Jesus fuhr wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
22 kam einer der Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
23 und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt!
24 Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
25 Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt.
26 Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
27 Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand.
28 Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
29 Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
30 Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
31 Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
32 Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
33 Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
34 Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
35 Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
36 Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur!
37 Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten,
39 trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
40 Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag.
41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
42 Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen.
43 Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Predigtgedanken:

Liebe Mitfeiernde

Wir haben zwei Geschichten gehört, die der Evangelist Markus miteinander verbunden hat: die Geschichte von der Frau, die seit zwölf Jahren dauernd Menstruationsblutungen hat, und dadurch als kultisch unrein gilt, und die Geschichte vom zwölfjährigen Mädchen, das gestorben ist, bevor es zur Frau werden konnte.

In beiden Erzählungen spielt die Zahl 12 eine wichtige Rolle und in beiden Erzählungen geht es um die Herausforderung, eine Frau zu sein, resp. seinen eigenen Wert zu entdecken.

Die Zahl 12 steht für Ganzheit und Fülle, denken wir nur an die zwölf Monate, die ein Jahr ergeben, die zwölf Stämme, die das Volk Israel bilden, oder die zwölf Jünger.

Doch bei beiden Frauen fehlt diese Fülle noch, diese Ganzheit. Sie sind erst auf dem Weg, ganz zu werden. Und lustigerweise geht es in beiden Geschichten um Heilung. Und das Wort «heil» bedeutet eigentlich «ganz».

Die blutflüssige Frau, die wohl seit sie 12 ist, diese Blutungen hat, und somit 2 mal 12 Jahre, also 24 Jahre alt sein muss, muss aufgrund ihrer Unreinheit praktisch isoliert leben, muss sich von jeglicher Berührung in Acht nehmen und leidet wohl nicht nur unter ihrer Krankheit und der damit verbundenen Beziehungslosigkeit, sondern wohl auch an Berührungsängsten. Aber auch das Frauenbild, das die Blutungen als etwas Unreines taxiert, ist ebenso krankmachend und eines der Grundprobleme, das hinter dieser Krankheit und der damit verbundenen Berührungslosigkeit steckt. Denn die Frau sehnt sich bestimmt danach, berührt zu werden.
Und sie rennt von Pontius bis Pilatus um gesund zu werden, nimmt jegliche ärztliche Hilfe in Anspruch, die sie haben kann, und dennoch wird ihr Zustand nicht besser, im Gegenteil. Sie verliert Hab und Gut. Sie verliert nicht nur ihr Blut, sondern damit auch viel von ihrer Lebensenergie. Ihr Leben wird damit im wahrsten Sinne des Wortes leer, blutleer.

Doch ihr Glaube, ihr Vertrauen in Jesus ist so stark, dass sie sich getraut, ihn zu berühren und die Kraft spürt, die von ihm ausgeht und sie heilt. Durch die Berührung mit Jesus, auch wenn es nur sein Gewand ist, kommt das Leben in ihr wieder ins Fliessen, kommt sie wieder in den Lebensfluss und das Ausfliessen ihres Blutes hört auf. Sie kann nun ihren Platz als Frau finden und muss nicht mehr isoliert leben. Ihr Versteckspiel hat ein Ende. Sie wird aufgefordert, Jesus in der Menge alles zu erzählen. Sie soll und darf für sich einstehen und muss sich nicht für sich selbst schämen.

Berührung ist das, was ihr durch Jesus Heilung ermöglicht.

Auch bei der Geschichte der Tochter des Jairus geht es darum, berührt zu werden, sich berühren zu lassen.

Doch wir finden auch das Gegenteil. Denn die jammernden und weinenden Frauen, die sich um das tote Mädchen scheren, schwenken ihre gespielte Stimmung gleich nach der hoffnungsvollen Aussage von Jesus, dass das Mädchen nur schläft, gleich um und brechen in Gelächter aus.

Es ist dabei wichtig zu wissen, dass in jener Zeit schon lange nicht mehr Angehörige wie dies früher der Fall war, lauthals trauerten, sondern dass es Klageweiber gab, Schauspielerinnen, die extra bezahlt wurden, um der Trauer ein Gesicht zu geben. Doch eben genau diese Klageweiber spielen die Trauer nur. Sie sind nicht wirklich berührt vom Leid, das sich hier ausgebreitet hat.

So wirft Jesus diese verlogene Bande hochkant hinaus. Denn so würde die korrekte Übersetzung aus dem Griechischen lauten. Genauso wie er später die Händler aus dem Tempel hinauswerfen wird.
Und wenn Jesus etwas wütend macht, ist es diese geheuchelte Anteilnahme, dieses gespielte Berührt-Sein.
Jesus selbst, der sich wirklich durch die Not des Mädchens und ihrer Eltern berühren lässt, kann durch seine Berührung wieder das Leben in den Adern des Mädchens fliessen lassen.

Das Mädchen wird ermutigt, aufzustehen, als Frau auf den eigenen Beinen zu stehen, aufzuwachen und wach zu sein für die Regungen des Lebens.

Solche Schicksale, die hier beschrieben sind, ereilen auch heute noch Menschen.
Wie viele Menschen gehen von einem Arzt zum nächsten und dennoch wird alles nur noch schlimmer? Wie viele Menschen sind oder fühlen sich isoliert und ausgegrenzt, behandelt wie Unreine? Wie viele Menschen schaffen es nicht, eine Beziehung eingehen zu können? Wie viele Menschen schämen sich für sich selber, sehen sich nur als Last und als Zumutung für alle und möchten so oft am liebsten im Erdboden versinken?
Und doch, haben nicht all diese Menschen, ja wir alle die tiefe Sehnsucht, wahrgenommen zu werden, kein Versteck-Spiel spielen zu müssen, berührt zu werden und berühren zu können, vielmehr noch, in die Arme genommen zu werden?

Und wie schwer ist es für viele Jugendliche, die im Begriff sind eine Frau, ein Mann zu werden, mit all den Gefühlen, Gedanken und Anforderungen umzugehen, die auf einen einprasseln?
Dass, das Mädchen gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden vom Tod eingeholt worden ist, ist m.E. kein Zufall. Denn diese Schwelle kann für viele zu einem scheinbar unüberwindbaren Berg werden.
Und so wie die Tochter des Jairus wohl unter den kritischen Augen aller gestanden ist, da gerade sie als Tochter des Synagogen-vorstehers genauso Vorbild sein musste wie ihr Vater und ihrem Vater ja keine Schande machen durfte, lastet auch auf vielen Jugendlichen heute ein grosser Druck, der auch erstickend sein kann und die Lebensenergie rauben kann.

Und genau in solchen Momenten kann eine Ermutigung Gold wert sein und die Zusage:
Du darfst zu Dir stehen. Du bist in Deiner ganzen Grösse – nicht am Boden liegend, sondern aufrecht – wertvoll und Du hast das Recht, auf den eigenen Beinen zu stehen und Deinen Weg zu gehen.

Amen.

Predigt zu Mk 3,20-35: Streiten will gelernt sein

Liebe Kinder
Liebe Erwachsene

Habt ihr auch schon Streit gehabt?
Streitet ihr gerne?
Ist streiten etwas schlechtes?

Es wäre jetzt sehr spannend darüber zu diskutieren.

Und ich denke, da kann jede und jeder von uns mitreden.

Ich möchte und kann auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort geben. Aber gerne möchte ich ein paar Gedanken dazu äussern.

Streiten gehört m.E. zum Leben und somit auch zur besten Familie, ja sogar zur Familie von Jesus.

Streit ist aus meiner Sicht nicht etwas Schlechtes. Vielmehr kommt es darauf an, wie man streitet. Man könnte sagen: „Streiten will gelernt sein.“

Sogar Jesus selber hatte Streit, wie wir im Evangeliumstext von heute gehört haben und zwar nicht mal so harmlosen.

Denn die Szene im Markusevangelium ist ziemlich deftig:

Die Familie von Jesus sagt von ihm, dass er spinnt, dass er von Sinnen ist. Sie wollen ihn mit Gewalt heim holen, von seinem Vorhaben, einen Menschen zu heilen, abbringen.
Man könnte auch sagen, sie glauben nicht an ihn.
Jesus sagt es so und wischt damit seiner Familie eins aus: Wer nicht an den Geist glaubt, der in Jesus wirkt, macht einen grossen Fehler.

Und er betont, dass eine gespaltene Familie keinen Bestand hat. Sie gibt nämlich keinen Halt.

Und er gibt noch eins oben drauf. Als ihm gesagt wird, draussen ist deine Familie, deine Mutter und deine Geschwister, hält er fest, dass seine Familie diejenigen sind, die den Willen Gottes tun und die ihm nachfolgen.

Seine leibliche Familie wird bei diesen Worten bestimmt nicht in Freudenjubel ausgebrochen sein.

Diese Auseinandersetzung, von der wir da gehört haben, steht ganz am Anfang vom öffentlichen Auftreten von Jesus. Denn erst kurz zuvor hat er seine zwölf Jünger ausgewählt und sein heilendes Wirken begonnen.

Dieser Weg, den Jesus da eingeschlagen hat, wird wohl bei der Familie keine Begeisterung ausgelöst haben, sondern eher Angst, Verwirrung, Unverständnis. Dass sie von ihm behauptet haben, dass er spinnt und nicht mehr ganz bei Trost ist, zeigt das eindeutig auf.

Dass man in der Familie, aber auch unter Kolleginnen und Kollegen sich nicht immer versteht und gleicher Meinung ist, kennt ihr, liebe Kinder, wahrscheinlich genauso gut wie wir Erwachsenen.

Doch diese Auseinandersetzungen gehören zum Leben und besonders im Jugendalter kommen sie noch häufiger vor als sonst und zeigen auch den Wunsch des Jugendlichen auf, den eigenen Weg durchs Leben zu gehen.

Eigentlich ist dies ja ein lebenslanger Prozess.

Und so stehen wir im Leben immer wieder vor der Herausforderung: Bringen wir unsere Meinung ein und stossen damit auf Widerstand oder halten wir uns zurück? Und wenn wir unsere Meinung mitteilen, wie tun wir dies?

Und wenn wir zu unserer eigenen Meinung stehen und nicht ständig nachgeben oder uns unterordnen, werden wir kaum ganz ohne Streit auskommen können.

Und man kann sogar dem Streiten durchaus Positives abgewinnen.

Denn einander nur zuzustimmen, bringt niemanden weiter.

Ich selber hab besonders in meiner Kindheit und Pubertät gemerkt, wie wichtig es für mich war, zu streiten, meine eigene Meinung zu vertreten und in der Diskussion immer mehr zu entdecken, was mir persönlich echte Herzensanliegen sind, wofür ich mich einsetzen möchte und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich würde sagen, in der Diskussion und im Streitgespräch bin ich ein Stück mehr zu dem geworden, wer ich im Innersten bin. Und bzgl. Glauben hab ich so entdeckt, woran ich persönlich glaube und was für mich stimmig ist und «verhebt».

Miteinander streiten kann so im besten Fall allen beteiligten Personen helfen, mehr sich selber zu finden und zu erkennen, was einem wichtig ist, aber es kann auch helfen, gemeinsam weiter zu kommen, indem man gegenseitig etwas dazulernt und die eigene Sicht etwas erweitert wird.

Aber gut zu streiten, ist schwierig.

Oft geraten wir in Gefahr, dass wir auf unserer Sichtweise stur beharren, dass wir uns gegenseitig verletzen oder dass die Emotionen einen regelrechten Sturm auslösen, bei dem wir zu ertrinken drohen.

Darum ist es m.E. wichtig, dass wir beim Streiten darauf achten, dass wir dem anderen auch zuhören können, dass wir respektvoll bleiben und die andere Person wertschätzen trotz der unterschiedlichen Meinung.

Zudem finde ich es auch wichtig, dass wir versuchen zu erkennen, was die Hintergründe für die Meinung des Gegenübers sind, was z.B. das Anliegen, die Sehnsucht, die Angst, die Begeisterung usw. ist, die hinter der Meinung steckt.

Doch im guten Sinne miteinander streiten zu können ist und bleibt schwierig. Denn es ist ein Balance-Akt zwischen Festhalten und Loslassen. So ist ein zu starkes Festhalten, ein stures Beharren auf seiner Ansicht ebenso hinderlich, wie ein völliges Loslassen und Aufgeben jeglicher Meinung.

Gleichzeitig ist es auch eine grosse Herausforderung, nach einem Streit wieder loslassen zu können. Kindern fällt dies m.E. oft leichter als Erwachsenen.

So kann meine Tochter einen Streit mit einer Kollegin haben und am Tag darauf schon wieder ein Herz und eine Seele sein mit dieser Kollegin. Ich merke, dass ich selber damit schon mehr Mühe habe.

Besonders wenn die Emotionen hoch gegangen sind und es zu Verletzungen gekommen ist, wird das Loslassen eine echte Herausforderung und braucht viel Geduld mit sich und den anderen.

Liebe Kinder
Liebe Erwachsene

Ich wünsch uns allen sehr, dass wir immer wieder den Mut haben, unsere Meinung mitzuteilen und uns dafür einzusetzen, was uns am Herzen liegt, und so versuchen, miteinander im guten Sinne zu streiten.

Ich wünsche uns aber auch, dass es uns dabei gelingt, trotz allem sorgsam und respektvoll zu bleiben, immer wieder auch loslassen zu können und auch bereit zu sein, voneinander zu lernen.

Amen.

Mein Credo

Ich glaube
an Gott als Schöpfer oder Schöpferin der Welt
an Gott als Geist und Kraft in und um uns
an Gott als Frage des Menschen
an Gott als unser Ursprung und unsere Heimat

Ich glaube
an Jesus von Nazareth als Menschensohn und Sohn Gottes
an Jesus Menschensohn als Mensch,
der aufs Äußerste von Gottes Geist und Liebe ergriffen war,
der sich bedingungslos für das Leben und den Menschen eingesetzt hat.

Ich glaube
an den Geist Gottes als inspirierende, Lebens fördernde und heilende Kraft,
der uns immer wieder neu belebt,
der begeistern kann für Lebendigkeit und Leben,
der uns Situationen klarer wahrnehmen und Gefahren erkennen lässt.

Ich glaube
an die Menschen als Töchter und Söhne Gottes
und dass dies sowohl Zusage als auch Auftrag ist.
Zusage, weil uns als Töchter und Söhne Gottes viel zugetraut und viel Selbstverantwortung übergeben wird und weil wir so a priori (= von vornherein) Beziehungswesen und somit getragen sind. Auftrag, weil dieses In-Beziehung-Stehen und dieses Zutraun von Gott her uns zu bedingungslosem Einsatz für das Leben und unsere Mitmenschen auffordert.

Ich glaube
dass wir somit Gemeinschaft und Heil leben,
Gerechtigkeit anstreben, Leben fördern,
Zerstörerischem widerstehen, von Angst und Unterdrückung befreien, einander schätzen und lebensfeindliche Strukturen bekämpfen sollen.

Ich glaube
dass Todes- und Existenzangst, Separierung und Egozentrierung der Grund allen Übels ist und zu Selbstverminderung oder Selbstüberhöhung führt.

Ich vertraue darauf,
dass der Mensch mehr ist, als er sich meist zutraut,
und dass er eine gesunde Mitte zwischen Selbstüberhöhung und Selbstverminderung finden kann.

Ich glaube
dass wir immer mehr ganz werden sollen, indem wir unsere dunklen Seiten integrieren, und durch Annahme in ein heilvolles Ganzes verwandeln.

Ich glaube
dass wir Menschen hier und jetzt leben sollen, und dass uns hierbei der Tod als unser Begleiter helfen kann.

Ich vertraue darauf,
dass nichts und niemand verloren geht, dass alle in ihrem Leben oder am Ende ihres Lebens durch ein Feuer der Liebe geläutert werden, durch Tränen der Trauer über all das, was schief lief.

So wird sich Zorn, Wut, Angst und Hass wandeln zu Vertrauen und Frieden.

Ich glaube
dass der Mensch seine noch verborgenen Kräfte fördern und mehr in seine inner- und zwischenmenschlichen Ressourcen investieren könnte anstatt alle Energie in technische Errungenschaften und Fortschritte zu stecken.

Ich glaube
dass zwischenmenschlich mehr auf unsichtbarer und energetischer Ebene geschieht als auf sichtbarer.

Ich glaube
dass der Mensch sein Potenzial bzgl. Konflikt- und Beziehungsfähigkeit, seine Hellhörigkeit und Wahrnehmungsfähigkeit, seine Sensibilität für die Natur, sein Gespür für Gerechtigkeit und Friedensförderung, seine prophetische Fähigkeiten bei Ungerechtigkeiten und auch seine Heilkräfte fördern kann.

Muttertag: Behütende Mütter und Väter (Predigt zu Joh. 17,6a.11b-19)

„Ich habe sie behütet, und keiner ging verloren.“

Liebe Mitfeiernde / Liebe Leser

Dieser Satz könnte wohl so manche Mutter oder mancher Vater über die eigenen Kinder sagen.
Jesus sagt dies im Johannesevangelium zu seinen Jüngern, zu denen nicht nur die Zwölf zählen, sondern alle Menschen, die ihm aus der Welt gegeben worden sind.
In einer Abschiedsrede hebt er hervor, wie sehr ihm seine Jünger und Jüngerinnen am Herzen liegen, und er bittet Gott, dieses Behüten und Bewahren nach seinem Weggang zu übernehmen.

Und er möchte, dass sie eins sind, so wie er sich immer eins gefühlt hat mit Gott.

Es ist damit eine Einheit geschildert, die auch im gehörten Text aus dem Johannesbrief wunderbar geschildert wird mit den Worten: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“

Diese tiefe Verbundenheit und Einheit, dieses Ineinander-Übergehen ist ein Gefühl, das wohl viele von uns kennen. So können wir dies in einer Paarbeziehung erfahren, aber auch im harmonischen Miteinander in einer Familie.

So kann ich auch die Verbundenheit von Mutter, Vater und Kind so stark sein, dass sie eine Einheit bildet.

Und man kann wohl manchmal auch das Gefühl bekommen, dass gerade diese tiefe Liebe, die eine solch starke Einheit bildet, nicht von dieser Welt ist.

Der Sänger Xavier Naidoo schreibt in seinem Lied „Nicht von dieser Welt“ dazu:
“Sie ist nicht von dieser Welt
Die Liebe, die mich am Leben hält
Ohne dich wär’s schlecht um mich bestellt
Denn Sie ist nicht von dieser Welt.”

Jesus sagt dies von sich und seinen Jüngern:
Ich bin nicht von dieser Welt. Sie sind nicht von dieser Welt.

Gerade die Verbundenheit mit der Liebe und das Leben von Werten der Solidarität können uns manchmal das Gefühl geben, dass sie mit der Welt nicht vereinbar sind, wenn uns in der Welt Werte entgegengebracht werden, die nicht der Liebe, sondern dem Profit und dem Machtgewinn und persönlichen Ruhm und Ansehen dienen.

Doch wir leben in der Welt und wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen.

So muss auch Jesus seine Jünger dieser Welt überlassen. Er bittet nicht darum, dass sie aus der Welt genommen werden, sondern dass sie von Gott vor Schaden bewahrt bleiben.

Geht es nicht auch Müttern und Vätern immer wieder so, dass sie loslassen müssen, die Kinder der Welt überlassen müssen und darauf vertrauen und hoffen müssen, dass sie darin keinen Schaden nehmen, sondern bewahrt bleiben?

Und doch ist es wichtig, die Kinder in die Selbständigkeit zu führen und ihren eigenen Weg machen zu lassen in dieser Welt, mit alle ihren Herausforderungen und Hürden, aber auch allem Schönen und Bereichernden.

Denn ich denke, dass wir uns zwar oft als nicht von dieser Welt fühlen können und dennoch ist es auch zentral, ganz im Hier und Jetzt zu leben, den Moment wahrzunehmen und die Möglichkeiten zu nutzen, um Menschen zu begegnen und auch in den alltäglichen Begegnungen etwas von dieser Einheit und Verbundenheit untereinander zu spüren. Und dies wiederum weist uns oft auch auf eine Ebene, die das sichtbare übersteigt.

Denn wenn Gott Liebe ist, wird immer dort, wo Liebe gelebt wird, auch Gott spürbar und der Himmel öffnet sich. So treffen sich gerade dort: Gott und die Welt.

Dass die Welt im Johannesevangelium so negativ geschildert wird und von Jesus darin gesagt wird, dass die Welt Jesus und seine Jünger hasse, ist wohl mit darin begründet, dass Johannes in einer Zeit lebte, in der sich die ersten Christen allmählich finden mussten und sich zu christlichen Gemeinden zusammenschlossen. Und gerade in dieser Zeit gab es auch sehr viele Auseinandersetzungen, besonders auch mit jüdischen Gemeinden, die jedoch gegenseitig waren. Ich hab mich im Studium mal intensiver diesem Thema gewidmet und erkennen müssen, dass leider die Gewalttätigkeiten, die es damals gab sowohl von christlicher wie auch von jüdischer Seite erfolgt sind.

Nichts desto trotz zeigt diese Situation auf, dass es den ersten Christen nicht leicht hatten und viele Anfeindungen in Kauf nehmen mussten, ganz ähnlich wie es auch heute noch in einigen Regionen dieser Welt der Fall ist und leider auch heute noch auf Gegenseitigkeit beruht.

Ich persönlich möchte aber davor warnen, die Welt einfach als übel zu bezeichnen oder verteufeln zu wollen. Denn gerade bei solchen Tendenzen, die das Christentum durchaus in sich trägt, mit seiner oft verachtenden Sicht der Welt und der übermässigen Betonung der Sünde der Welt, sollten wir nicht ausser Acht lassen, dass die Schöpfungsgeschichte uns erzählt, wie alles sehr gut erschaffen worden ist und mit göttlichem Atem erfüllt ist.

Bildlich, symbolisch gesprochen könnten wir sagen, dass die Welt zwischen Unterwelt und Himmel liegt und dass in ihr somit beides durchleuchten kann, sowohl Zerstörendes wie auch Aufbauendes und Verbindendes.

Unsere Aufgabe besteht somit darin, behütend zu wirken, stärkend und ermutigend, liebend und verbindend.

Wenn wir heute Muttertag feiern, werden damit eigentlich gerade auch diese Eigenschaften und Werte gefeiert.

Und mit unserem Dank an unsere Mütter und auch Väter danken wir somit auch für alles Behütende, Ermutigende, Verstrauensfördernde und Liebende, das wir von unseren Müttern und Vätern erfahren durften, aber auch von Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begleiten.

Darum wünsche ich uns allen, dass wir immer wieder mütterlich und väterlich füreinander dasein können und einander helfen, unser Leben in der Welt zu einem Leben machen zu können, bei dem der Himmel durchscheinen kann und uns die Nähe von Gott spürbar wird.
Amen.

Dreifaltigkeit oder Gott als Beziehung

Liebe Leser

Ich weiss nicht, wie es ihnen mit der Dreieinigkeit ergeht. Aber ich habe, besonders mit den theologischen Wortklaubereien, die die Dreieinigkeit betreffen, immer meine liebe Mühe gehabt.

Solche Begrifflichkeiten sind z.B. „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, unvermischt, ungetrennt und wesensgleich mit dem Vater“.

Solche Definitionen sind ab dem 4.Jh. entstanden und haben sich u.a. gegen den Glauben von Arius und seinen Anhängern gerichtet, der die Meinung vertreten hat, dass Jesus genauso wie wir alle Geschöpf Gottes ist und somit nicht wesensgleich mit Gott selber.

In dieser Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Jesus, dem Heiligen Geist und Gott sind in der Folge davon systematische und dogmatische Definitionen und Lehrmeinungen der Dreifaltigkeit entstanden.

Auch im Matthäusevangelium werden Gott, der Sohn und der Heiligen Geist zusammen erwähnt, nämlich im Zusammenhang mit der Taufe, die wohl zur Lebenszeit von Matthäus in seiner Gemeinde im Raum Syrien so praktiziert worden ist. Doch von einer systematischen Lehre der Dreifaltigkeit ist hier noch überhaupt keine Rede.

Diese hat sich wie erwähnt erst ab dem 4.Jh. so ergeben und wurde im Anschluss daran auch von verschiedenen Theologen wie z.B. Augustinus oder Thomas von Aquin weiterentwickelt.

Doch, was können wir für uns heute als Kernbotschaft eines dreieinen Gottes mitnehmen?

Für mich ist v.a. ein Aspekt faszinierend an diesem Gottesbild, nämlich dass Gott ganz und gar auf Beziehung ausgerichtet ist.

Ein wundervolles Buch, das m.E. einen beeindruckenden Neuzugang zur Dreieinigkeit von Gott bildet, ist das Buch von Richard Rohr „Der göttliche Tanz“.

Auch Richard Rohr hebt darin die grosse Wichtigkeit des Beziehungsaspekts heraus und unterstreicht, welch grosser Wert diesem Gottesbild gerade in heutiger Zeit zukommt. Denn er erwähnt, dass viele Übel der heutigen Zeit wie Krieg, Umweltzerstörung, Korruption und Hass gegen andere wegen Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung auf ein Gefühl der Trennung zurückzuführen sind.
Diesem Gefühl der Trennung setzt er die Gemeinschaft der drei göttlichen Wesen gegenüber. Und er beschreibt diese Gemeinschaft als einen Tanz.

Diese Beschreibung wiederum ist nicht eine Erfindung von Richard Rohr, sondern geht auf kappadozische Wüstenväter zurück, die im 4.Jh. im Osten der heutigen Türkei gelebt haben.

Sie haben die Dreieinigkeit als Rundtanz beschrieben und als endlose Strömung der Liebe, die unablässig in Bewegung ist.

Ein Aspekt, der mich bei der Beschreibung von Richard Rohr bzgl. der Dreieinigkeit Gottes besonders fasziniert hat, steht im Zusammenhang mit folgendem Bild:

(Quelle: Wikipedia; Dreifaltigkeit von Andrei Rubljow)

Dieses Bild zeigt, wie drei Personen um einen Tisch sitzen mit einer kelchförmigen Schale auf dem Tisch.

Das Bild ist gemalt worden vom russischen Ikonenmaler Andrei Rubljow und stammt aus dem 15.Jahrhundert.

Drei Grundfarben (Gold, Blau und Grün) dominieren das Bild.

Richard Rohr beschreibt dieses Bild wie folgt: „Rubljow wählte Gold für den Vater. Es symbolisiert Vollkommenheit, Fülle, Ganzheitlichkeit und die ultimative Quelle. Blau – die Farbe von Meer und Himmel, die einander spiegeln -, nahm er für den Menschensohn: Gott, der in Jesus Christus die Welt und die Menschlichkeit annimmt. Deshalb sieht Rubljow Jesus blau. Mit seinen ausgestreckten zwei Fingern sagt er uns, dass er Geist und Materie, Göttlichkeit und Menschlichkeit vereint – für uns.
Und dann gibt es das Grün, das den Geist repräsentiert. Hildegard von Bingen, die drei Jahrhunderte vor Rubljow lebte, nannte die endlose Fruchtbarkeit des Geistes Grünkraft, und meinte damit die göttliche Lebendigkeit, die alles erblühen und ergrünen lässt.
Rubljow wählte somit, in ebenso tiefer Ehrerbietung für die Natur, Grün als Farbe des Heiligen Geistes.

Das ganze Bild zeigt, wie der eine Gott in dreifacher Gestalt isst und trinkt in unendlicher Gastfreundschaft und reiner Freude mit- und aneinander.

Wenn wir die Darstellung Gottes in der Ikone „Die Dreifaltigkeit“ ernst nehmen, müssen wir sagen: „Im Anfang war Beziehung.“

Man könnte nun meinen, mit dieser Beschreibung ist bereits alles gesagt. Doch Richard Rohr legt noch eine Schippe drauf und weist darauf hin, dass der Heilige Geist mit seiner rechten Hand auf den freien Platz zeigt an der Front des Tisches. Denn dort besteht eigentlich eine Lücke. Und vorne am Tisch hat es eine Art viereckiges Loch, wo anscheinend Klebstoffreste festgestellt worden sind. Und dies deutet gemäss Kunsthistorikern darauf hin, dass dort ein Spiegel angebracht sein könnte.

Und diese Tatsache wäre einzigartig und würde uns eine theologisch geniale Sichtweise eröffnen.

Vor allem aber öffnet es die göttliche Dreieinigkeit und bildet eine Einladung an uns, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Denn die vierte Person im Spiegel, die somit ebenso am Tisch sitzt, sind wir.

Wir werden eingeladen, zur Mahlgemeinschaft mit dem dreieinen Gott. Gott ist somit nicht eine sich selbst genügende Grösse, eine geschlossene Gesellschaft oder ein geschlossener Kreis von drei Tanzenden. Nein, er nimmt uns mithinein in diesen Kreistanz, den Kreistanz der Liebe.
Zudem ist der Spiegel auch ein Hinweis darauf, dass wir als Ebenbild Gottes erschaffen worden sind und wie Gott selber von Grund auf, Wesen der Beziehung sind.

Dies ist für mich der ansprechendste Gedanke und Aspekte der Dreieinigkeit Gottes.

Denn mit diesem Beziehungsangebot sind wir auch eingeladen, jeden Tag neu auch uns selber immer wieder zu öffnen für neue Beziehungen. Und wir sind auch eingeladen, an unseren bestehenden Beziehungen zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass sie nicht erstarren, sondern in Bewegung bleiben wie ein Tanz, und dass in ihnen Leben fliesst, sodass sie nicht wie ein schwarzes Loch alles in sich verschlucken, sondern wie eine Quelle stets neue Energie spenden.
So dient uns der dreifaltige und dreieine Gott ganz und gar als Vorbild.

Mit poetischen Worten von Richard Rohr zur Dreifaltigkeit Gott möchte ich meine Gedanken abschliessen:

„Drei:
Von Angesicht zu Angesicht zu Angesicht
Gemeinschaft
Mehrdeutigkeit
Geheimnis

Liebe füreinander
und Liebe für die Liebe der anderen

Ineinander
Auf die anderen bezogen
Sich hingebend
Liebend
Singend
Lachend

Etwas Viertes wird erschaffen
immer geliebt und voller Liebe.“

Predigt zu Lk 24,35-48: Vom Absurden zum Wesentlichen od. Der Kern der Auferstehungsbotschaft

Liebe Mitfeiernde

Ich weiss nicht, wie es Ihnen mit dem heutigen Evangeliumstext geht. Aber bei mir ist er zuerst ziemlich schräg angekommen. Mit der demonstrativen Vorführung vom auferstandenen Jesus mit Fleisch und Knochen und seiner Demonstration des Essens von Fisch vor den Augen der Jünger wird m.E. alles sehr absurd.

Es kommt wirklich schräg rein.

Doch um dieses Schräge verstehen zu können, müssen wir wahrnehmen, in welcher Situation Lukas gestanden ist.
Wir können davon ausgehen, dass er sich mit dieser Erzählung von Einwänden und Zweifeln von seinen Zeitgenossen hat distanzieren wollen. Er ist damit den Behauptungen entgegentreten, dass Jesus nicht auferstanden ist oder nur in einem Scheinleib oder dass die Erscheinungen nur Einbildungen seien.

Lukas scheint in diesem Text dem Einhalt gebieten zu wollen. Doch im Ernst: Welcher Zweifler würde eine solche Erzählung wirklich als Beweis gelten lassen und sich nicht vielmehr ab der grossen Absurdität amüsieren?

Ich denke, wir müssen ehrlich sein und eingestehen: Es gibt keine Beweise für die Auferstehung Jesu und man hätte sie auch nicht fotografieren können.

Doch ich kann mir gut vorstellen, dass Lukas gar keine Beweisführung im Sinn hatte, sondern vielleicht gerade durch diese schräge Erzählung aufzeigen wollte, dass Auferstehung nicht irdischen Kategorien unterworfen ist. So schreibt Lukas nämlich auch an einer anderen Stelle, als Jesus nach der Auferstehung gefragt worden ist, dass die Auferstandenen den Engeln gleich seien, sich körperlich also klar von Menschen unterscheiden.

Und auch Paulus zeigt im 1.Korintherbrief mit schönen Bilder und auch mit dem Bild des Samenkorns klar auf, dass der himmlische oder überirdische Leib stark vom irdischen Leib unterschieden werden muss.

Die Auferstehung zeigt somit eine Wirklichkeit auf, die nicht so leicht vorstellbar ist. Und dennoch können wir Menschen bzgl. Jenseitsvorstellungen nicht anders, als es uns auszumalen mit den Möglichkeiten, die wir haben.

Die griechische Vorstellung, die wohl Lukas auch kannte, und von der er sich mit seiner Beschreibung wahrscheinlich zusätzlich abgrenzen wollte, war, dass beim Tod sich die Seele vom Körper trennt. Der Körper verwest und die Seele lebt weiter.

Auch heute ist diese Vorstellung stark verbreitet. Doch die Jenseitsvorstellungen sind so vielfältig wie die Zahl der Menschen auf der Erde.

Die einen glauben an einen Himmel und eine Hölle, andere wiederum an eine Rückkehr zu Gott, wieder andere, dass wir als Engel weiterexistieren, weitere glauben, dass wir wieder zur Erde zurückkehren als neue Person, die neue Herausforderungen zu meistern hat. Ich könnte hier noch zig Vorstellungen aufzählen.

Doch meine provozierende Frage dazu lautet: Spielt es überhaupt eine Rolle, was wir bzgl. Jenseits glauben? Macht dieser oder jener Glaube uns zu einem besseren Menschen?

Aus meiner Sicht sind die Jenseitsvorstellungen eher zweitrangig, ausser sie beeinflussen unser Handeln im Hier und Jetzt.
Zum Beispiel: Wenn wir an einen Himmel und eine Hölle glauben und bereits meinen zu wissen, wer wo landen wird, oder an Reinkarnation glauben und bereits meinen ein Urteil bilden zu können, wer noch viel zu lernen hat und eher noch auf einer unteren Stufe der Entwicklung steht und wer dem Nirvana schon nahe ist.

Ehrlich gesagt, in solchen Fällen wäre es m.E. besser, wenn diese Menschen bzgl. Jenseits alles offen lassen würden und dafür auch offen bleiben würden den Menschen gegenüber.

Liebe Mitfeiernde

Ich denke, dass die wesentliche Aussage, der Kern der Auferstehungsbotschaft uns nicht zu einer ganz bestimmten Jenseitsvorstellung hinführt, sondern uns die Hoffnung gibt auf ein Leben nach dem Tod. V.a. aber weist die Auferstehung uns auf das Leben von Jesus hin. Denn die Auferstehung ist eine Bestätigung und Erhöhung seines Lebens.

Und die Botschaft der Auferstehung weist uns somit nicht ins Morgen oder Übermorgen oder ins Jenseits, sondern ins Hier und Jetzt.

So sind auch die drei Frauen am leeren Grab von einem Engel aufgefordert worden, Jesus in Galiläa zu suchen, dort, wo er sein Leben gelebt hat. Und so sind auch wir aufgefordert, mitten ins Leben zu gehen und im Hier und Jetzt den Kern von Jesu Leben in unser Leben zu integrieren.
So sind wir aufgefordert, nach seinem Hauptgebot zu leben: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie Dich selbst.“

Auferstehung bedeutet so auch, dass wir mitten im Leben aufstehen und einstehen füreinander, für Gerechtigkeit, für Barmherzigkeit und Liebe. Und dass wir so miteinander an einer Welt bauen, die Inbegriff ist von Solidarität und Frieden.

Und wenn wir dies gemeinsam leben und gemeinsam dafür beten, dann ist Jesus, der Auferstandene, der lebt, unter uns.

Ganz im Sinne von Jesus: Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Amen.

Predigt zu Joh. 20,19-31 (Version 2): Den Finger auf die Wunden legen

Liebe Mitfeiernde

Wir haben am Anfang von unserem Gottesdienst bereits gehört, dass es für die Jünger und Jüngerinnen von Jesus nach seinem Tod eine schwierige Zeit war.

So wie es auch für uns schwierig ist, wenn wir eine geliebte Person verlieren, war natürlich auch bei ihnen Traurigkeit in ihren Herzen. Vielleicht aber auch noch Verzweiflung und Wut, da ihre Hoffnungen sich in Rauch aufgelöst haben, ihre Träume verflogen sind und ihr Glaube und ihr Vertrauen tief erschüttert worden ist, besonders auch durch die grosse Gewalt, die sie mitansehen mussten.

In den Evangelien sind ganz unterschiedliche Erfahrungen beschrieben, die Jüngerinnen und Jünger von Jesus nach seinem Tod gemacht haben. So wurden drei Frauen Zeuginnen eines leeren Grabes und wurden aufgefordert, Jesus in Galiläa zu suchen, beim Ausgangspunkt, wo das Leben von Jesus seinen Anfang genommen hat.

Zwei Jünger wiederum sind voller Entsetzen und Verzweiflung aus Jerusalem geflohen richtung Emmaus und haben dort Jesus erkannt, als ein Fremder Brot mit ihnen geteilt hat. Sie haben die Gegenwart von Jesus erkannt in einer Liebeshandlung, die ein zunächst Fremder vor ihren Augen vollzogen hat.

Und Johannes beschreibt in der gehörten Lesung aus seinem Evangelium, wie Thomas und andere Jünger sich verbarrikadiert haben und sich aus Angst hinter verschlossenen Türen aufgehalten haben.

Aus Angst vor den Juden, heisst es. Vor was sie genau Angst gehabt haben, ist nicht beschrieben. Doch es ist davon auszugehen, dass sie Angst davor gehabt haben könnten, dasselbe Schicksal wie Jesus zu erleiden oder auch sich vor den Augen anderer Juden zu blamieren, da ihr Hoffnungsträger ausgelöscht worden ist und sich damit ihre Hoffnungen und Träume verflüchtigt haben.

Wir können davon ausgehen, dass nicht nur ihre Angst gross war, sondern auch ihre Verzweiflung, ihre Trauer und die Erschütterung ihres Vertrauens.

Johannes beschreibt, wie die Jünger trotz dem Auftreten und der Friedenszusage von Jesus und trotz seinem Anhauchen der Jünger mit Lebensatem auch acht Tage später noch immer in Furcht sich hinter verschlossenen Türen zurückgezogen haben. Noch nichts hat sich verändert.

Erst als Thomas seinen Wunsch äussert, die Wunden berühren zu dürfen, kommt Bewegung ins Spiel.

Wir können sagen, dass die Wunden sowohl bei Jesus aber auch bei den Jüngern gross waren, aber wir sehen, dass sich erst durch das Berühren der Wunden etwas von der Angst und dem erschütterten Vertrauen lösen kann.

Liebe Mitfeiernde

Ich würde behaupten, dass gerade dieses Berühren der Wunden, dieses im wahrsten Sinne des Wortes Begreifen-Wollen der Wunden und ihrer Tiefe, d.h. der Gründe und Hintergründe, ein Prozess ist, der zur Heilung führen kann.

Es ist m.E. ein Trauerprozess und ein Verarbeitungsschritt, um mit Krisen umgehen zu können.

Denn wenn wir selber Wunden erleiden müssen, v.a. seelische, dann ist es oft hilfreich, wenn wir versuchen können, zu begreifen, wo der Ursprung liegt und warum sie uns zugefügt worden sind. Erst so ist es uns oft erst möglich, loslassen und wieder neue Lebenskraft gewinnen zu können.

Auch in der Trauer gibt es nichts anderes, als sich von ihr in ihrer ganzen Tiefe berühren zu lassen. Aber gerade in dieser Trauer können wir auch etwas entdecken, das uns zum Leben führt, nämlich die Liebe, die wir durch die verstorbene Person erfahren durften, und die uns miteinander verbunden hat.

Und so ist es auch bei Jesus. Seine Wunden zu berühren bedeutet mit dem in Berührung zu kommen, was sein Leben ausgemacht hat. Es bedeutet, seine Liebe, die er gelebt hat bis zum Tod und für die er sich verletzlich und verwundbar gemacht hat, wieder zu spüren.

Johannes hat diesen Prozess in einer einzigen Szene zusammengefasst. Wir können jedoch davon ausgehen, dass dieser Prozess der Verarbeitung und der Trauer bzgl. des Todes von Jesus vermutlich Monate bis Jahre gedauert hat. Und erst mit der Zeit haben die Jünger, aber auch andere Menschen gesehen und gespürt, dass gerade die Wunden und der Tod von Jesus Zeichen seiner Liebe waren. So haben sie auch mit der Zeit begreifen können, und dass Jesus unter ihnen spürbar gegenwärtig ist, wenn sie sich wie im Johannesevangelium beschrieben von seinem Geist inspirieren lassen, den Frieden spüren, den sein Leben in sich getragen hat, und sich berühren lassen von seiner Verwundbarkeit, die den Namen der Liebe trägt.

So können auch wir heute sagen, 2000 Jahre später, dass wenn wir selber verwundbar bleiben durch die Liebe und wir die Wunden von Jesus als Vorbild nehmen, so durch die Wunden zum Wunder der Liebe gelangen können.

In diesem Sinne schreibt auch Walter Achermann zu einem Bild von Thomas, gemalt von Emil Nolde: „Nicht den Unverletzbaren ist das Leben versprochen, sondern denen, die verletzlich bleiben für andere.“

Liebe Mitfeiernde

Vielleicht gelingt es auch uns trotz des Schmerzes der Wunden, die wir im Leben immer wieder erfahren, verwundbar zu bleiben und somit offen für andere Menschen, nicht verbarrikadiert, zurückgezogen und abgeschottet, sondern im Kontakt mit den Menschen und dem Leben.
Denn so wird es uns auch möglich sein, immer wieder neu den Hauch des Lebens spüren zu dürfen und in Berührung und Verbindung zu bleiben zu unseren Mitmenschen und uns selber und uns selber von anderen und dem Leben mit seinen Höhen und Tiefen berühren zu lassen. So können wir uns auch heute noch vom Geist von Jesus berühren lassen in unseren Beziehungen untereinander, auch wenn wir ihn heute nicht mehr selber berühren, sondern nur noch erahnen können und auf ihn vertrauen und an ihn glauben können.

Amen.

Predigt zu Joh. 20,19-31: Den Finger auf die Wunden legen

Joh. 20,19-31:

„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du.Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.
Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“

Liebe Mitfeiernde

Wie muss es wohl den Jüngern und Jüngerinnen nach Jesu Tod ergangen?

Dass sie sich aus Angst vor den Juden hinter verschlossenen Türen zurückgezogen und sich verbarrikadiert haben, sagt ja schon einiges.

Wovor hatten sie Angst? Hatten sie Angst, von den Juden ausgelacht zu werden, da ihr Hoffnungsträger verschwunden ist? Hatten sie Angst aufgrund des Todes von Jesus eine Bankrotterklärung abgeben zu müssen? Oder hatten sie Angst, dasselbe Schicksal wie Jesus erleiden zu müssen?

Wir wissen es nicht genau. Dass sie sich selber in ihrem Glauben und ihrer Hoffnung auf Jesus jedoch als gescheitert und entmutigt gefühlt haben und sich darum nicht mehr unter die kritischen Augen anderer Juden getraut haben, ist durchaus plausibel. Aber auch die Angst, selber getötet zu werden, scheint möglich.

Vor allem aber denke ich, dass es den Jüngern von Jesus wohl ähnlich ergangen ist wie es uns ergeht, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren. So waren sie sicherlich aufgewühlt und traurig, vielleicht aber auch erzürnt und wütend, dass ihre Hoffnungen so rasch in Rauch aufgegangen sind und das heilvolle Wirken von Jesus so jäh beendet worden ist.

Sie sind durch seinen Tod selber verwundet worden und diese Wunden schmerzten sie sehr. So sehr, dass sie nichts anderes mehr zu tun wussten, als sich zurück zu ziehen. Und auch die Nachrichten, dass Jesus nicht tot ist, sondern lebt, sind wohl am Anfang nicht wirklich zu ihnen durchgedrungen, zumindest nicht bis in ihre Herzen.

Thomas ist hier im Johannesevangelium der einzige, der schliesslich zur Sprache bringt, was wohl die meisten von ihnen beschäftigte und bedrückte. Er kann es nicht fassen, dass Jesus tot war und nun lebendig vor ihnen stehen soll. Er will seine Finger auf die Wunden von Jesus legen und so erkennen, dass der gekreuzigte Jesus als auferstandener wirklich mitten unter ihnen ist. Denn die Wunden sind auch Zeichen vom Leben und Sterben von Jesus und somit zeigen sie, dass wirklich Jesus vor ihm steht.
Mit der Äusserung seines Wunsches legt er aber damit auch seine Finger auf die Wunden der Jünger. Denn ihr Glaube und ihr Vertrauen ist durch den Tod von Jesus und all die Gewalt erschüttert worden. Sie haben alle tiefe Wunden davon getragen und einen tiefen Riss in ihrem Herzen durch diesen enormen Verlust, den sie erlitten haben.

Thomas will mit dem Berühren der Wunden einerseits Gewissheit erfahren, dass wirklich Jesus vor ihm steht und nicht irgendein Hirngespinst. Und er macht mit diesem Berühren der Wunden etwas, das m.E. bei jeder Verarbeitung von Verletzungen und von Trauer notwendig ist oder zumindest hilfreich ist: Er will nämlich genau hinschauen und die Wunden / Verletzungen unter die Lupe nehmen und begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Oft ist es in der Verarbeitung von einem Verlust und einer tiefen Verletzung wichtig, dass wir nochmals genau hinschauen, sehen und begreifen können, wo die Wunden sind und was dazu geführt hat, dass diese Wunden entstanden sind. Und so ist es meist erst möglich, zu trauern, loslassen zu können und wieder neue Lebenskraft zu schöpfen und auch neues Vertrauen zu finden, wenn wir die Finger in die Wunden gelegt haben und die Tiefen dieser Wunden, d.h. auch die Gründe und Hintergründe ausgelotet haben.

Denn dort, wo Wunden sind und Verletzungen ist oft auch das Leben zu finden. Da ist Blut geflossen, auch Herzblut.

So wie uns bei einem Verlust eines geliebten Menschen oft der Schmerz und die Trauer hinführt zu dem, was diesen Menschen ausgemacht hat, was ihn begeistert und belebt hat und wo er seine Liebe gelebt hat.
So mussten auch die Jünger von Jesus die Wunden von Jesus zuerst betrachten und begreifen und verstehen, dass diese Wunden Zeichen seiner grossen Liebe und seines Lebens waren, um zu spüren, dass sein Lebensgeist über seinen Tod hinaus weiterwirkt.

Als Thomas spürt, dass Jesus weiterlebt unter ihnen, sieht er in ihm wieder die menschgewordene Liebe von Gott und Gott selber und kann aus tiefstem Herzen sagen: „Mein Herr und mein Gott“.

Erst dann kommt die Liebes- und Lebenskraft Gottes, die Jesus gelebt hat, wieder zum Vorschein. Erst dann wirkt der Lebensatem, mit dem sie Jesus angehaucht hat, in ihnen und der Friede, den er ihnen zugesprochen hat, kann sich unter ihnen ausbreiten.

Jesus hat sich mit seiner Liebe verwundbar und verletzlich gemacht und die Jünger von Jesus haben schliesslich in dieser Verwundbarkeit, in seinen Wunden die Liebe und das Leben von Jesus wieder neu entdecken und spüren können. Die Wunden sind so zu einem Wunder geworden.

In diesem Sinne schreibt auch Walter Achermann zu einem Bild von Thomas, gemalt von Emil Nolde: „Nicht den Unverletzbaren ist das Leben versprochen, sondern denen, die verletzlich bleiben für andere.“

Liebe Mitfeiernde

Vielleicht gelingt es auch uns trotz des Schmerzes der Wunden, die wir im Leben immer wieder erfahren, verwundbar zu bleiben und somit offen für andere Menschen, nicht verbarrikadiert, zurückgezogen und abgeschottet, sondern im Kontakt mit den Menschen und dem Leben.
Denn so wird es uns auch möglich sein, immer wieder neu den Hauch des Lebens spüren zu dürfen und in Berührung und Verbindung zu bleiben zu unseren Mitmenschen und uns selber und uns selber von anderen und dem Leben mit seinen Höhen und Tiefen berühren zu lassen. So können wir uns auch heute noch vom Geist von Jesus berühren lassen in unseren Beziehungen untereinander, auch wenn wir ihn heute nicht mehr selber berühren, sondern nur noch erahnen können und auf ihn vertrauen und an ihn glauben können.

Amen.