Lucifer

tief hinab

haben sie mich gestürzt

vom Himmel in die Hölle

 

schwer verwundet

verachtet

verschmäht

bespuckt

gefoltert

 

doch

ich trotze euch

erhebe mich aus der Gosse

entsteige der Hölle

breite aus meine Flügel

 

bringe Licht

ich, Lucifer

ich, Lichtträger

 

lass mich nicht mehr unterkriegen

von machthungrigen Göttern

erdrückenden Gottesbildern

rechthaberischen Gottesdienern

herzlosen Götzengläubigen

 

ich fliege empor

zum Himmel

trage Licht

 

richte auf

die geknickten

die zermürbten

 

bringe ihnen das Fliegen bei

mache ihre Herzen frei

durchschneide das Korsett

der Schuldgefühle

der Erniedrigung

der Religion

die sie klein und im Zaum halten

die sie beherrschen und manipulieren

 

gekommen bin ich

nicht um Schein-Frieden zubringen

der fordert

den Mund zu halten

der mitschwingt

im bitter-süssen Weihnachtsrausch

 

gekommen bin ich

um Ketten zu sprengen

um die Menschen zu entlassen

in die Freiheit

sei frei und lebe

Engelsgleich

hier bin ich nun

erkenn mich wieder

strecke aus meine müden Glieder

ein leises Ahnen führt mich sanft dorthin

wer ich einmal war und wer ich bin

 

engelsgleich

breit ich nun meine Flügel aus

vom Leben gezeichnet, gestutzt und mitgenommen sehen sie aus

doch du machst sie heil und wieder ganz

und lässt sie erstrahlen in neuem Glanz

 

zögerlich versuch ich den ersten Flügelschlag

jetzt weiss ich, dass dies all die Jahre brachlag

erheb mich nun, gleite dir entgegen

du gibst mir Kraft, du lässt mich leben

 

bin wieder frei, weiss wer ich bin

kein Ringen mehr und Fragen

denn jetzt macht alles wieder Sinn

bin jetzt zuhaus

kann mich an dir erlaben

„Mit ganzem Herzen“ (Predigt zu Mk 12,28ff.)

In jener Zeit ging
28 ein Schriftgelehrter zu Jesus hin
und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete:
Das erste ist: Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister!
Ganz richtig hast du gesagt:
Er allein ist der Herr,
und es gibt keinen anderen außer ihm,
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben
und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte,
und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Liebe Mitfeiernde
Welches Gebot ist das erste von allen?
Mit dieser Frage wird Jesus von einem Schriftgelehrten konfrontiert und gibt darauf anschl. eigentlich Antwort auf die Frage: Was ist das Herzstück der jüdisch-christlichen Botschaft?
Jesus zitiert nämlich das zentrale Gebet der Jüdinnen und Juden, das Sch`ma Israel, «Höre, Israel».
Es wird von Jüdinnen und Juden täglich zweimal gebetet, einmal am Morgen und einmal am Abend. Zudem wird es dabei in kleinen Behältern an Hand und Arm und am Kopf getragen und in Kapseln an den Türpfosten festgemacht.
Genau dieses Gebet gehört für Jesus zum Herzstück. Aber er hält auch fest, dass noch ein weiterer Teil dazu gehört. Für ihn ist neben der Liebe zu Gott genauso wichtig, dass die Liebe auch die Mitmenschen und sich selber umfasst. Es braucht eine Balance zwischen diesen drei Adressaten. Denn sind die drei nicht im Gleichgewicht, wird es rasch ungesund. Man könnte auch sagen, wahre Liebe kann gar nicht auf jemanden bestimmten beschränkt werden.
Zudem soll sie Herz, Seele, Verstand und Kraft umfassen. Die Redensart jemanden «mit ganzem Herzen oder aus tiefstem Herzen» zu lieben, ist uns geläufig. Doch was das Herz alles umfasst, ist uns oft nicht bewusst oder auch nicht bekannt.
So bin ich der Bedeutung des Herzens ein bisschen nachgegangen und bin sozusagen in die Tiefe des Herzens hinabgestiegen, zumindest ein Stück weit.
Und ich habe in der Kulturgeschichte des Herzens nachgeforscht und habe besonders in der ägyptischen Sicht des Herzens einige interessante Aspekte entdeckt.
Denn auch das biblische Gedankengut hat starke Einflüsse durch ägyptische Herzens-Vorstellungen erhalten.
Doch ein grosser Unterschied zwischen dem ägyptischen und dem biblischen war u.a., dass bei den Ägyptern ein hartes Herz oder ein Herz aus Stein als etwas Positives galt. Denn ein hartes Herz war ein Symbol der Selbstbeherrschung, der Stabilität und eines besonnenen Verhaltens.
Beeindruckend ist, dass die altägyptischen Ärzte bereits die biologische Funktion des Herzens kannten. Sie konnten u.a. den Puls messen und wussten, dass er vom Herzschlag abhing. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass die Ägypter das Herz als die Mitte und der innere Kern des Menschen betrachteten. Und es war für sie auch das Zentrum der Gedanken und aller intellektuellen Aktivitäten. So dachte und urteilte der Ägypter mit dem Herzen.
Zudem war in der ägyptischen Vorstellung die Seele innig mit dem Herzen verbunden. So wurde nach dem Tod einer Person besonders auf das Herz geachtet. Es wurde zusammen mit dem Leichnam balsamiert. Das Herz war das einzige Organ, das bei der Mumifizierung wieder in den Leichnam hineingelegt wurde. Alle anderen Organe und Eingeweide wurden in separate Gefässe gelegt und neben der Mumie im Grab platziert. Das Gehirn galt sogar als unwichtig und wurde weggeworfen.
Zudem wurde dem Verstorbenen ein schön ausgearbeitetes Modell des Skarabäus, des Herzenskäfers, auf die Brust gelegt, damit das Herz – also die Seele – auferstehen, die Flügel ausbreiten und ins Jenseits fliegen konnte.
Das Herz war aber auch eine Art «Fürsprecherin» oder «Gewissen» beim Totengericht. Dort legt es für den Verstorbenen Zeugnis ab und setzte sich für ihn ein. Ausserdem wurde das Herz beim Totengericht auf eine Waage gelegt und gegen eine Feder der Rechtsgöttin Maat, die für die göttliche Weltordnung steht, ausgewogen. Wenn es in Balance war zu dieser Feder stand, also in der Balance mit dieser Weltordnung, durfte der Tote auch im Jenseits in harmonischem Gleichgewicht weiterleben.
Und so war es auch im Leben wichtig, dass der Mensch sich nach dieser göttlichen Ordnung richtet und im Einklang damit steht. Und mit dem Herzen kann er die göttliche Weltordnung erkennen. So kommt auch die Vorstellung des «hörenden» Herzens von den Ägyptern. Durch das Hören mit dem Herzen kann der Mensch den göttlichen Willen erfahren und damit im Einklang stehen mit dem Göttlichen. Denn das Herz ist auch eine Art Zugangstür des Menschen zum Göttlichen, resp. sogar der Sitz des Göttlichen zum Menschen.
Um 1900 bis 1600 v.Chr. entwickelte sich zudem bei den Ägyptern auch das Ideal, dem Herzen zu folgen, d.h. mit dem eigenen Inneren überein zu stimmen.
Optimal wäre also aus ägyptischer Perspektive, dass der Mensch in Einklang lebt mit der göttlichen Ebene, indem er auf mit seinem Herzen hört, und auch in Einklang ist mit der eigenen Seele, dem eigenen Inneren und dem eigenen Verstand, indem er seinem Herzen folgt.
Auch in der Bibel ist das Herz sehr wichtig. So finden wir bereits im Alten Testament über 900 Erwähnungen des Herzens. Und die meisten sind auch stark beeinflusst durch ägyptische Vorstellungen, abgesehen vom erwähnten harten Herz oder Herz aus Stein.
So ist auch in der Bibel das Herz mit der Seele verbunden und gilt als Sitz der Seele. Und auch im alten Israel ist es ebenso Sitz des Verstands, zusätzlich aber auch der Gefühle. Hinzukommt, dass in der Bibel das Herz wie bei den Ägyptern die Mitte des Menschen darstellt.
Auch im neuen Testament und in der ganzen christlichen Glaubensgeschichte ist das Herz immer wieder ein wichtiges Symbol. So hat u.a. Hildegard von Bingen im 12. Jh. viel zum «Herzen» geschrieben. Sie hat es als «Haus, in dem die Seele wohnt» bezeichnet und als Hort der Vernunft, in dem jedes Wort geordnet, bevor es nach aussen dringt.
Im 17.Jh. hat das Herz in der christlichen Glaubens- und Kulturgeschichte sozusagen seinen zugespitzten Höhepunkt erreicht mit dem Herz-Jesu-Kult.
Dieser Kult ging teilweise in seinen Darstellungen stark ins Makabre und ins Geschmacklose.
Dennoch kann man diesem Kult einiges inhaltlich abgewinnen. Denn es wurde auf intensive Weise die mit ganzem Herzen gelebte Liebe von Jesus aufgezeigt. Er hat sein Herz, und somit seine Liebe, seine Seele, seine Mitte, ja, sich als Ganzes, verletzlich gemacht und sein Herzblut investiert und hingegeben für uns. Er hat sich im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem ganzen Herzen für seine Botschaft und für uns aufgeopfert.

Liebe Mitfeiernde
Ich habe ihnen nun einige Aspekte aus ägyptischer und jüdisch-christlicher Sicht näher gebracht und es gäbe auch von anderen Kulturen und Religionen noch viel mehr hinzuzufügen.
Doch es reicht, um aufzuzeigen, was Liebe mit ganzem Herzen meint. Denn das Herz steht für die Mitte des Menschen, für seine Seele, seine Gefühle und seinen Verstand und damit eigentlich für den Menschen als Ganzes.
Man könnte somit sagen: Gott, aber auch die Menschen und sich selber mit ganzem Herzen zu lieben, bedeutet: füreinander da zu sein mit ganzer Aufmerksamkeit, als ganze Person, ganz im Hier und Jetzt, und dies auch mit ganzer Liebe, d.h. bedingungs- und grenzenlos.
Mit der ägyptischen Vorstellung des «hörenden» Herzens und dem Ideal, dem Herzen zu folgen, erhält für mich aber auch das «Höre» von «Höre, Israel» noch eine tiefere Bedeutung. Denn es fordert mich damit auch auf, mit dem Herzen zu hören und ihm zu folgen und so zu spüren, was es heisst, im Einklang zu stehen mit Gott und mit der eigenen Mitte. (Vielleicht könnte man sogar sagen, dass da gar kein so grosser Unterschied besteht.)
In diesem Einklang stehend hilft uns unser Herz auch zu vernehmen, was Liebe mit ganzer Seele im Hier und Jetzt für uns bedeuten kann.
In dem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir nicht nur in der Balance stehen zwischen Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, sondern auch in der Balance sind mit der Feder der göttlichen Ordnung und mit uns selber.
Ganz im Sinne von: «Schweige und höre. Neige deines Herzens Ohr. Suche den Frieden.»
Amen.

Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis B: Ehescheidung – Plädoyer für mehr Barmherzigkeit

Mk 10, 2 – 12:

2 Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. 3 Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? 4 Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. 5 Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. 6 Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. 7 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. 9 Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 10 Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. 11 Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. 12 Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.

Liebe Mitfeiernde
Der heutige Evangeliumstext birgt reichlich Zündstoff, denn er ist sehr aktuell und immer wieder, besonders in der Kirche, bietet er auch viel Diskussionsstoff und sorgt für erhitzte Gemüter.
Jesus wird von den Pharisäern gefragt, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann.
Jesus geht auf diese Frage ein, indem er einerseits die Hartherzigkeit anspricht, die zu dieser Scheidungsmöglichkeit geführt hat, aber auch Bezug nimmt zur Erschaffung von Mann und Frau und ihrer Verbindung, ihrem Einssein.
Und genau diese beiden Aspekte, die Hartherzigkeit und das Einssein zwischen Mann und Frau, sind aus meiner Sicht auch Kernpunkte, mit der wir dieses Thema erörtern können.
Jesus weist ausserdem daraufhin, dass aufgrund des Einsseins von Mann und Frau, das auf Gott zurückzuführen ist, eine Ehe nicht vom Menschen aufgelöst werden kann.
«Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.»
Als Grundlage erinnert uns Jesus dabei an den zweiten Schöpfungsbericht. Denn dort wird aufgezeigt, dass der Mensch nicht alleine leben kann, dass er Beziehung braucht. Und so wird aus der Seite, wie das Wort für Rippe normalerweise übersetzt wird, ein zweiter Mensch erschaffen. Und erst dann entsteht aus dem zunächst ungeschlechtlichen Menschen Mann und Frau, die sich miteinander verbinden. Aber ja eigentlich schon vorher eins waren, bevor aus den zwei Seiten, zwei verschiedene Personen geworden sind.
Die neue Verbindung ist nicht mehr eine Einheit im Sinne eines einzelnen Wesen, sondern das Einssein ist nun auch geprägt durch zwei verschiedene Individuen und somit auch durch Unterschiedlichkeiten. Und genau dort liegt auch ein Brennpunkt, der diese Verbindung zu einer grossen Herausforderung werden lässt und manchmal auch zur Überforderung. Die Spannbreite der Erfahrungen damit ist riesig und liegt zwischen tiefer Glückseligkeit und abgrundtiefem Leid.
Auch dies ist m.E. ein wichtiger Aspekt im Blick auf diese Frage bzgl. Ehescheidung. Die Aussage von Jesus auf diese Frage ist später zum Gesetz gemacht worden, obwohl dies bestimmt nicht in seinem Sinne war.
So wird dazu im Kirchenrecht festgehalten:
«Die Wesenseigenschaften der Ehe sind die Einheit und die Unauflöslichkeit.»
«Die gültige und vollzogene Ehe kann durch keine menschliche Gewalt und aus keinem Grunde, außer durch den Tod, aufgelöst werden.»
Allzu oft werden sowohl die Aussage von Jesus wie auch das Kirchenrecht als Begründung dafür herangezogen, um vorschnell Menschen, die sich haben scheiden lassen, zu verurteilen und als sündige Menschen hinzustellen.
Doch wenn wir beachten, was Jesus mit seiner Aussage hat erreichen wollen, müssen wir m.E. diese ganze Thematik mit anderen Augen betrachten. Denn Jesus hat mit dem Hinweis, dass die Ehe nicht von Menschenhand aufgelöst werden kann, resp. dieses Einssein nicht von Menschen entzweit werden darf, einer Willkür entgegentreten wollen, mit der ein Ehemann einfach aus irgendeinem Grund seine Frau aus der Ehe entlassen. Denn diese Diskussionen liefen zwischen versch. jüdischen Strömungen. Die eine Seite ging soweit, dass sie behauptete, dass sogar eine Lapalie wie z.B. ein Anbrennen-Lassen des Essens ein Scheidungsgrund sein kann, und die strengere Seite akzeptierte nur den Ehebruch, resp. das Fremdgehen als Grund.
So war die Frau in Gefahr, einfach als Entehrte, Entrechtete und als Unversorgte auf der Strasse zu stehen.
Somit ist das Anliegen von Jesus v.a. auch der Schutz der Frau vor der Willkür der Männer oder umgekehrt, was jedoch viel weniger der Fall war.
Und so steht auch hier einmal mehr die Hartherzigkeit im Zentrum, die nach Jesus dieses Gesetz ermöglicht hat.
Doch wenn wir den Schutz von Frau und Mann und auch der Kinder in den Blick nehmen und uns von Hartherzigkeit distanzieren möchten, dann müssten wir m.E. anders handeln und urteilen, auch als viele Menschen in der Kirche dies auch heute noch tun.
Oft wird nur der Schmerz gesehen, die Kinder aufgrund einer Scheidung erfahren müssen. Und bestimmt muss dem auch Rechnung getragen werden. Doch es geht grundsätzlich um den Schutz und das Wohl aller.
Und wo bleibt der Schutz von Frau, Mann und Kindern, wenn eine Ehe nur noch aus Konflikten und Gewalt besteht?
Und wo bleibt die Warmherzigkeit, resp. Barmherzigkeit, wenn wir die Menschen verurteilen, durch deren Ehe ein riesiger Spalt geht und die sich aufgrund von tiefem Leid scheiden lassen?
Wo bleibt die Barmherzigkeit, wenn wir Geschiedene und Wiederverheiratete von der Kommunion ausschliessen, obwohl es ihnen ein Anliegen wäre und der Zustand ihrer Ehe nichts über ihr Mensch-Sein aussagt?
Verstehen sie mich nicht falsch: Ich vertrete durchaus die Meinung, dass man für die Paarbeziehung und Ehe kämpfen soll. Und ich finde auch, dass eine solche Beziehung immer auch Arbeit ist. Doch ich bin auch der Überzeugung, dass es nur ganz wenige gibt, die nicht alles dafür tun, um eine Ehe zu retten und, falls Kinder vorhanden sind, nicht auch ihr Wohl stets im Auge behalten.
Und ich denke, wir müssen dazu stehen, dass eine Ehe brüchig werden kann und durch das Einssein ein tiefer Riss gehen kann, der eigentlich schon aufzeigt, dass hier nicht mehr von einem Einssein gesprochen werden kann. Und für all dies kann man nicht einfach die Ehepartner schuldig sprechen. Denn wie viele bemühen sich bis zuletzt um ihre Beziehung und oft sogar mit professioneller Unterstützung?
Und dennoch kann oft nicht verhindert werden, dass die Ehe nicht mehr lebbar ist, oder sogar schon tot und nur noch der Weg der Scheidung übrig bleibt, und dies meist überhaupt nicht aus Willkür, sondern aus einer tiefen Not heraus und letztlich auch zum Schutz und zum Wohle der Frau, des Mannes und der Kinder.
Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir eben neben der Verbundenheit immer auch einzelne, total unterschiedliche Personen sind, kann Schwierigkeiten erzeugen, die nicht mehr überwindbar sind.

Liebe Mitfeiernde
Aufgrund all dieser Überlegungen wünsche ich mir, dass wir Menschen und besonders auch wir Katholiken mitsamt den Obrigkeiten mehr Warmherzigkeit und Liebe leben und einen barmherzigen und verständnisvollen Blick auf die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten haben.
Nicht die Verurteilung und Ausgrenzung von Menschen sollte um sich greifen, sondern vielmehr sollte die gegenseitige Zuwendung und Unterstützung und auch die Einsicht im Mittelpunkt stehen, dass wir alle immer wieder Risse und Brüche erleben müssen im Leben, sogar in uns selber, die wir in keinster Weise so gewollt oder verursacht haben.
Darum: Lassen wir uns doch von der Barmherzigkeit leiten und drehen der Hartherzigkeit, wie Jesus, den Rücken zu.
Amen.

Predigt zu Mk 7,1-23: Was liegt dir am Herzen?

Liebe Mitfeiernde

Haben Sie auch schon einen «Pharisäer» getrunken?

Der «Pharisäer» ist ein Kaffee, den man v.a. in Österreich und an der Nordsee trinken kann.

Wenn wir der Entstehung dieses Kaffees auf die Spur gehen, sind wir mittendrin in der Diskussion rund um die Gruppe der Pharisäer und mitten im Thema des heutigen Evangeliums.

«Der Pharisäer» ist ein Kaffee, der im 19. Jh. in Nordfriesland, auf der Insel Nordstrand entstanden sein soll. Und zwar lebte dort damals ein asketischer Pastor und es war bei den Friesen Brauch, in seiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken.
Sie bedienten sich darauf hin einer List und machten ein Mischgetränk, das aus frisch gebrühtem Kaffee besteht, einem Würfelzucker, einem guten Schuss Rum und dem danach eine Sahnehaube hinzugefügt wird.
Durch die Sahnehaube wird der Kaffee schön warm gehalten und es wird vermieden, dass man den Alkohol riechen kann.
Doch der Pastor soll eines Tages doch der List auf die Schliche gekommen sein und die Anwesenden «Oh, ihr Pharisäer» genannt haben und dadurch ist gemäss dieser Geschichte der Name dieses Kaffees entstanden.

Ein Spruch, der m.E. dazu gut passt, ist: «Wasser predigen und Wein trinken.»

Ein Pharisäer ist damit also Inbegriff für Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit und Listigkeit.

Auch Jesus beschimpft die Pharisäer im Markusevangelium als unehrliche Menschen, nämlich als «Heuchler».

Er wirft ihnen vor, Gottes Gebote zu verfälschen und reine Lippenbekenntnisse zu machen, die jedoch nicht von Herzen kommen.

Jesus hat in allen Evangelien immer wieder Streit mit den Pharisäern. Und im heutigen Evangelium wirft er ihnen vor, eigene Gebote zu erstellen, die nichts mit Gottes Geboten zu tun haben.
Die Pharisäer haben im Gegensatz zu den Sadduzäern wert darauf gelegt, die Thora, die fünf Bücher Mose, praktikabel zu machen und an die damalige Zeit anzupassen, d.h. die Thora so zu deuten, dass sie gelebt werden konnte. Sie haben also neben der Thora auch die eigene Deutung ins Spiel gebracht. Die Sadduzäer hingegen wollten die Bücher Mose jedoch unangetastet lassen, ohne etwas hinzuzufügen.

Jesus hat immer wieder wegen der Deutungen der Pharisäer Auseinandersetzungen mit ihnen gehabt, v.a. weil es seinen eigenen Schwerpunkten und Deutungen widersprochen hat.
Andererseits kann man aufgrund dessen, wie Jesus mit Gleichnissen die Anliegen der Thora und auch der Propheten den Menschen verständlich machen will, auch eine grosse Ähnlichkeit zwischen den Pharisäern und Jesus entdecken. Vielleicht stammt er ursprünglich auch aus diesem Kreis.
Doch Jesus wirft den Pharisäern vor, dass sie sich nicht an Gottes Gebot halten, sondern nur den menschlichen Überlieferungen folgen.

Doch bei diesem Vorwurf hab ich mich gefragt: Kann es Gottes Gebote in Reinform geben, ohne dass bereits menschliche Überlieferung mitdabei ist? Ist nicht alles, was wir wahrnehmen, aufschreiben und erzählen, immer schon Deutung und eigene Überlieferung?

Aus meiner Sicht ist alles Überlieferte und Aufgeschriebene bereits durch die menschliche Brille und Deutung hindurch gegangen.
Und so ist alles menschliche Deutung und Überlieferung und unterliegt den eigenen Interessen und fliessen dabei die eigenen Sehnsüchte und Ängste mit ein.

Darum ist es m.E. auch entscheidend, dass wir bei unseren Interpretationen und Auslegungen stets auch unsere Interessen, unsere Sehnsüchte und unsere Ängste transparent machen, die dahinter stecken.
Meine Interessen sind z.B. immer stark vom Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit geprägt. Aber ebenso liegt auch die Sehnsucht nach gegenseitigem Verstehen und Angenommen-Werden als Mensch, wie man ist, und dies in Gegenseitigkeit zu leben. Aber auch ein tiefer Gerechtigkeitssinn liegt bei meinen Interpretationen dahinter.

Auch mein Gottesbild ist geprägt vom Interessen, angenommen und geliebt zu werden und nicht verurteilt zu werden. So tendiere ich das Bild eines liebenden Gottes zu vertreten, der uns Freiheit schenkt und Kraft, die durch uns fliesst und uns dabei unterstützt, unsere Stärken auszubauen und unsere Schwächen anzunehmen und zu vermindern.

Liebe Mitfeiernde, was sind Ihre Interessen, die sich in Ihrer Spiritualität, in Ihren religiösen Anliegen und in Ihrem Gottesbild zeigen?

Auch Jesus hat seine Anliegen mit Gleichnissen und mit seinem Handeln und Reden transparent gemacht. Und ein Teil dieser Anliegen von Jesus kommen m.E. im gehörten Evangelium ganz gut zum Ausdruck.

Jesus fragt sich m.E.: Was geht im Herzen jedes Einzelnen ab? Was bewegt ihn und stimmt dies überein mit dem, was er sagt?
Ihm ist es ein grosses Anliegen, dass alle Gesetze und Regeln mit der Brille des Hauptgebots «Liebe Gott, deinen Nächsten wie Dich selbst» gelesen werden. Damit steht bei ihm immer das Herz als Zentrum der Liebe im Mittelpunkt.

Sowohl die Gottesliebe wie auch die Liebe zu den Menschen sind tief verwurzelt im jüdischen Glauben. So heisst es z.B. im fünften Buch Mose:
„Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“
Und sowohl im dritten Buch Mose wie auch bei Jesaja und anderen Texten im Alten Testament kommt auch die Liebe zum Mitmenschen zum Ausdruck.
Dieses Hauptgebot von Jesus ist für ihn Dreh- und Angelpunkt aller Gesetze und Gebote.
So wie er jedoch auf die Rüge der Pharisäer bzgl. des unterlassenen Händewaschens reagiert, zeigt sich, dass dies nicht Essentiel ist, das Hände-Waschen ist sozusagen ein „Peanut“ und ist nicht entscheidend.
Viel wichtiger ist es, wie ein Mensch im Innersten ausgerichtet ist. Dies zeigt sich zwar im Äusseren, aber eher darin, wie jemand mit den Mitmenschen umgeht, als darin, ob er seine Hände gewaschen hat oder nicht. Es kommt darauf an, ob sein Handeln und seine Äusserungen von Herzen kommen.
Auch in der Szene, in der Jesus von den Pharisäern kritisiert wird, als er am Sabbat einen Menschen heilt, wird deutlich, dass auch hier das Liebesgebot im Zentrum steht, und v.a. zeigt sich auch, dass die Gesetze dem Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt.
Auch heute, auch in Politik und in Kirche, ist es wichtig, dies vor Augen zu halten: beispielsweise bei Fragen der Ökumene, bei der Behandlung von Menschen mit anderer sexueller Ausrichtung oder auch bei der Zulassung Geschiedener zur Kommunion. Stets sollte da der Mensch im Zentrum stehen, die Regeln, Gebote und Gesetze sollten auch da dem Menschen dienen. Und nicht Verurteilung, sondern Liebe sollte hier im Spiel sein.
Auch hierbei kommt es auf das Herz an und auf die Übereinstimmung dessen, was über die Lippen kommt und was unser Herz bewegt.
Und Enge schadet dem Herzen, es lässt das Herz verkümmern. Herzensweite jedoch lässt uns selber und auch unser Umfeld atmen und spendet Wärme.

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche uns allen, dass wir bei allem, was wir sagen und tun, auf unser Herz hören können und dass wir unser Herz immer mehr öffnen und weit machen können für uns selber, für unsere Mitmenschen und nicht zuletzt auch für Gott.

Amen.

Predigt zu Genesis 1: Macht euch die Erde untertan! Wirklich?

« Bevölkert die Erde und unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. »

Liebe Mitfeiernde

Sind diese Worte des Textes aus dem ersten Schöpfungsbericht im Genesisbuch nicht eine ziemliche Provokation?

Es ist einer von vielen solcher Sätze in der Bibel, bei der ich zumindest ins Schaudern gerate, wenn nicht sogar ins Entsetzen.

Auch im Lesezirkel zur Enzyklika «Laudato si» hat diese Passage viel Diskussionsstoff geboten. V.a. wurde die Problematik dieses Vokabulars von «Unterwerfen» und «Herrschen über die Natur» ins Feld gebracht.
Denn diese Worte können Auslöser und auch eine Begründung sein für ein ausbeuterisches Handeln gegenüber unserer Umwelt. Und wir wissen alle, dass lange Zeit auch im Namen des christlichen Glaubens diese Grundhaltung des Unterwerfens und Beherrschens tonangebend war. Da wurde dieses Unterwerfen in Eroberungs- und Missionszügen zusätzlich auf Menschen ausgedehnt, die man als «Wilde» bezeichnet hat und wie zu zähmende Tiere behandelt hat.

Doch gehen wir zunächst etwas auf die Hintergründe dieses Schöpfungsberichts ein. Wie Sie vielleicht bereits wissen, gibt es in der Bibel zwei verschiedene Schöpfungsberichte.

Der eben gehörte erste Schöpfungsbericht hat eine klare Struktur mit der Aufteilung in sieben Tage und dem jeweiligen Abschluss «Gott sah, es war gut», resp. «sehr gut» und er spricht von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Dieser Text ist etwa 550 v. Chr. entstanden, in einer Zeit, in der ein wesentlicher Teil vom Volk Israel im babylonischen Exil war.

Der zweite Schöpfungsbericht, der vom Garten Eden erzählt und von der Erschaffung des Menschen, der zunächst alleine ist, und später aus einer seiner Rippen, resp. verständlicher übersetzt aus seiner Seite ein zweiter Mensch erschaffen wird. Und aus diesen zwei Hälften entstehen Mann und Frau. Sie erhalten dort den Auftrag, den Garten Eden zu hegen und zu pflegen. Dieser Schöpfungserzählung soll somit im 9./8. Jh. v. Chr. entstanden sein.

Wenn uns durch das Wissen um die Hintergründe nun bewusst wird, dass der erste Schöpfungsbericht in einer schwierigen und durch fremde Macht dominierten Zeit, wird vielleicht auch klar, dass die Schöpfung aus dem Chaos, die Ordnung bringt, wie auch die klare Struktur des Textes und die häufige Bezeichnung der Schöpfung als «gut» auch ein Stück weit Trost und Hoffnung spenden soll. Auch die Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild geht in diese Richtung, in dem es den Menschen Hoffnung macht und ihr Vertrauen stärkt.
Der Satz bzgl. Unterwerfung und Herrschaft über die Tiere ist und bleibt jedoch schwierig, resp. spitzt sich noch zu, wenn wir die hebräischen Wörter genau übersetzen. Denn das Wort «kabasch», das oft mit «Unterwerfen» oder «Untertan machen» übersetzt wird, bedeutet eigentlich «den Fuss setzen auf» und lehnt sich stark an die Beschreibung der altorientalischen Königsherrschaft an. Mit diesem «Den Fuss darauf setzen» ist jedoch nicht ein fürsorgliches Herrschen gemeint, sondern es spricht darauf an, dass der Herrscher darüber verfügen kann, was unter seinen Füssen liegt.
Das Wort «radah», das mit «herrschen» übersetzt wird, meint wörtlich eher «treten», resp. «niedertreten».

Liebe Mitfeiernde

Mich haben diese Übersetzungen eher noch zusätzlich entsetzt. Sie wirken leider nicht aufbauend oder entschärfend.

Die neueren theologischen Deutungen versuche darum meistens diese Passage zu mildern, indem sie festhalten, dass Herrschen auch mit einer Verantwortung verbunden ist und einem fürsorglichen Umgang mit den Untergebenen, die auch ein Hirte gegenüber seiner Herde hat. Dabei wird erwähnt, dass die altorientalische Königsherrschaft mit der Übergabe eines Hirtenstabes verbunden war.

Zur Milderung gibt es auch die Vermutung, dass dieser Herrschaftsauftrag nachträglich hinzugefügt worden ist und nicht zum Kern des ursprünglichen Textes gehört. Als Grund für diesen Satz wird zudem vermutet, dass es um eine Legitimierung von Tieropfern gegangen sein könnte.

Wie wir sehen, gibt es unterschiedliche Ansätze, um diese Passage erträglicher zu machen und in unsere heutige ökologische Sicht zu integrieren.

Doch was tun wir mit diesem Wissen?

Ein wichtiger Aspekt ist m.E., dass wir den Blick über den gehörten Genesistext noch etwas weiten und vorausschauen auf die Sintflut, die aufzeigen wird, dass ein solches ausbeuterisches, eigennütziges und verantwortungsloses Handeln nicht zukunftsfähig ist.

Zudem zeigt uns dieser Bibeltext ganz gut auf, dass wir unsere von Gott geschenkte Vernunft und die geschenkte Inspiration und unser Gewissen nicht ausser Acht lassen dürfen, auch nicht im Blick auf solche Texte.

Und im Wissen um das grosse Unheil, was dieser Herrschaftsauftrag angerichtet hat, sind wir noch viel mehr in der Pflicht, uns von dieser Haltung abzugrenzen.

Dabei können uns durchaus auch andere biblische Texte unterstützen, die die Sorge für die Schöpfung und die Verbundenheit mit ihr mehr ins Zentrum stellen, wie z.B. einige Psalmen, die die Schöpfung preisen, besonders Psalm 104 oder auch der zweite Schöpfungsbericht, der uns zum Hegen und Pflegen der Natur auffordert. Aber auch die Gleichnisse von Jesus zeigen, dass er eine tiefe Verbundenheit mit der Natur hatte, da er wie selbstverständlich immer wieder Bilder der Schöpfung zur Erklärung seiner Botschaft verwendet hat. Und wenn er davon spricht, wie Gott sich um die Vögel des Himmels kümmert, nimmt er uns alle damit eigentlich auch in Pflicht so zu handeln. Denn wenn Gott nicht unser Vorbild sein soll, wer dann?!

Um unser Verhalten gegenüber der Natur fürsorglicher zu gestalten, gibt es auch Vorbilder, die ebenfalls eine Richtungsänderung eingeschlagen haben, wie z.B. Franziskus von Assisi, der mit seinem Lobpreis eine tiefe Verbundenheit zur Schöpfung ausgedrückt hat.

Und auch viele Theologinnen und Theologen und auch Papst Franziskus rufen zu einem Umdenken auf.

Aber ich denke, es braucht noch viele Schritte mehr, um unsere Sichtweise der Welt und unseren Umgang ihr zu verändern, weg von einem Gebrauchen und Benutzen und mehr zu einem freundschaftlichen Miteinander.

So möchte ich uns alle ermutigen, dass wir selber uns von Gottes Geist erfassen lassen und mit unserem Denken und Handeln für einen partnerschaftlichen Umgang mit der ganzen Schöpfung eintreten.

Denn vom Partnerschaftlichen sind wir nach wie vor weit weg. Viele heben nach wie vor die besondere Stellung und den besonderen Wert des Menschen hervor, sogar unser Papst.

Aber, im Ernst, ist es nötig und klug, an dieser Vormachtstellung festzuhalten? Was haben wir zu verlieren, wenn wir uns und alle Geschöpfe als gleichwertig ansehen? Haben wir Angst, dass wir dadurch zu viel von unserem Verhalten in Frage stellen müssen?

Ganz bestimmt werden einige Fragen bzgl. Umgang mit Tieren und Natur noch tiefer diskutiert werden müssen.
Doch würde es uns nicht einen wesentlichen Schritt vorwärts bringen zu einer Einheit mit der ganzen Schöpfung und zu einem freundschaftlichen Miteinander?

Wäre es nicht ein Gewinn, wenn wir davon ausgehen würden, dass in jedem Geschöpf Gottes Schöpfer-Geist fliesst?
Amen.

Predigt zu Joh 6,24-35: Du hast kein Brot gegen mich – Wir haben Brot füreinander.

Liebe Mitfeiernde

Kennen Sie den Satz: «Du hast kein Brot gegen mich»?

Oft sagen dies Menschen zueinander, die sich gegenseitig messen, sei es im Spiel oder in einer Auseinandersetzung.
Und damit wird dem Gegner gesagt, dass er keine Chance hat und nicht genügend Kraft und Stärke, um etwas ausrichten zu können gegen denjenigen, der dies äussert.

Jesus bringt im heutigen Evangelium einen ganz anderen Satz:
Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern,
und wer mir vertraut, wird nie mehr Durst haben.

Jesus sagt damit, dass wir mit ihm Brot haben, d.h. wir haben Chancen und Kraft. Aber bei ihm geht es nicht darum, Brot gegen jemanden zu haben, sondern vielmehr Brot füreinander.
In seinem Leben hat er vielen Menschen Chancen eröffnet hat und viele Menschen gestärkt. Und er möchte, dass wir ebenso in dieser Kraft stehen können. Und der Boden, auf dem wir in dieser Kraft stehen können, ist der Boden des Glaubens und Vertrauens.
Wenn wir Jesus und seiner Kraft Vertrauen und daran glauben, dass sein Leben und seine Botschaft heilsam sind und wir sein Leben in unser Leben einfliessen lassen können, dann spüren wir, dass wir Stärkung erfahren, die anhält.

Aber um diese Kraft spüren zu können, um dieses Brot des Lebens zu haben, braucht es ein Vertrauensverhältnis. Denn Vertrauen wirkt selber stärkend wie Brot und es schafft Frieden und ist der Boden, auf dem Leben gedeihen kann. Und Vertrauen ist auch der Boden, auf dem Liebe und Zufriedenheit wachsen können. Und Liebe wiederum stärkt das Vertrauen.

Wo aber Vertrauen zerstört ist, werden Kräfte entzogen, die Energie wird abgesaugt und wir werden geschwächt. Wir fühlen uns dann kraft- und chancenlos und von der Lebensquelle abgeschnitten. Wir haben dann tatsächlich kein Brot mehr, um etwas ausrichten zu können.

Doch Jesus hat in seinem Leben stets das Vertrauen gefördert, indem er sich seinen Mitmenschen voller Liebe, Friedfertigkeit und Ehrlichkeit zugewendet hat. Er hat mit seinem Leben den Menschen um ihn immer wieder gezeigt: Ich bin da für euch. Und damit hat er eigentlich wortwörtlich im Namen Gottes gelebt. Denn Jahwe, der hebräische Name Gottes, bedeutet: Ich bin der oder die, die da gewesen ist, da ist und da sein wird für euch.

Durch die starke Verbundenheit von Jesus mit Gott hat er dieses Dasein für andere zu seiner Lebensmitte gemacht.

In Anknüpfung an Gottes Namen ist es so auch nicht verwunderlich, dass im Johannesevangelium verschiedene «Ich-Bin-Worte» von Jesus geäussert werden. Beginnend mit «Ich bin das Brot des Lebens» folgen sechs weitere «Ich-Bin-Sätze», z.B. «Ich bin das Licht der Welt», «Ich bin die Tür», «Ich bin der gute Hirt» oder «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben».

Der Name Gottes, sein Dasein für uns Menschen, und das Leben von Jesus, das diese Präsenz und diese Liebe für uns Menschen sichtbar gemacht hat, ist ein grosses Geschenk, aber auch eine Aufgabe.

Der Name von Gott ist Programm, nicht nur für Gott selber, sondern auch für unser Leben. Denn so wie wir als Ebenbild Gottes erschaffen worden sind, könnten wir sagen, ist auch der Kern seines Namens auf uns übergegangen. So sind wir eingeladen, uns das Dasein im Hier und Jetzt und das Dasein auch füreinander nicht nur zum Motto, sondern auch zur Lebensaufgabe zu machen.

Und wir sind eingeladen, füreinander Brot zu sein wie Jesus und einander stärkend zur Seite zu stehen, aber nicht nur im geistig-seelischen Sinne, sondern auch, indem wir dafür sorgen, dass niemand am Hungertuch nagen muss.

Im Johannesevangelium gibt es eine Aussage von Jesus, an der ich hängen geblieben bin: «Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt».

Im ersten Augenblick scheint es hier so, als es ob nicht darum gehen sollte, sich darum zu kümmern, wie man den leiblichen Hunger und Durst stillen kann. Und es wird damit auf den ersten Blick die Sorge ums Überleben in Frage gestellt.

Dies kommt auch in der örtlichen Abgrenzung in dieser Geschichte zum Ausdruck: Denn auf der einen Seite des Sees ging es um die Brotvermehrung und die leibliche Not der hungrigen Menschen und deren Linderung.
Und auf der anderen Seite des Sees zeigt Jesus

den Menschen eine ganz andere Sicht auf, indem er ihnen von einem Brot erzählt, dass über den körperlichen Hunger hinausgeht und über das irdische Leben hinaus satt macht.

Man könnte hier wirklich meinen, dass die Leib-Sorge gegen die Seel-Sorge ausgespielt wird.
Ganz im Sinne von: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und Leben ist mehr als Überleben.

Doch der österreichische Dichter Ernst Ferstl sagt zu Recht dazu: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagen zumindest die, die es im Überfluß haben.“

Denn wie kann man denken mit leerem Magen? Und wie kann man um Sinn ringen, wenn man ums Überleben kämpfen muss? Wie kann man sich um die Seele kümmern, wenn der Leib verkümmert?

Gerade in der heutigen Zeit wissen wir, wie sehr Leib und Seele miteinander verknüpft sind und dass das leibliche Wohl grossen Einfluss hat auf das seelische und das seelische Wohl ebenso auf das leibliche. Beides geht Hand in Hand.

Und wenn wir das Leben von Jesus betrachten, sehen wir, dass es auch ihm nicht ums Ausspielen dieser beiden Aspekte geht. Vielmehr sind beides Seiten derselben Medaille oder anders gesagt, liegen beide Sichtweisen an einem zwar anderen Ufer aber desselben Sees. Und so hat sich Jesus immer sowohl um körperliche wie um seelische Not gekümmert.

So wie er auch einem toten Mädchen nach seiner Heilung gesagt hat, steh auf und iss, hat er gewusst, dass der Leib grossen Einfluss hat auf die Seele. Aber mit dem Bild des Brotes des Lebens, das er für uns sein möchte, zeigt er auch auf, dass wir neben dem Körper auch die Seele nicht vernachlässigen dürfen.

So sind wir damit aufgefordert, wie Jesus, uns dafür einzusetzen, dass Menschen genügend zu Essen haben, um überleben zu können, und dass die körperlichen Nöte gelindert werden.

Aber wir sind auch aufgefordert, selber Seelsorge zu betreiben und einander zu helfen, Erfüllung und Sinn zu finden im Leben und sich stetig weiterentwickeln zu können.

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche uns, dass wir durch das Leben von Jesus, durch seine Botschaft und durch das gemeinsame Beten und gemeinsame Teilen des Brotes immer wieder Sättigung und Stärkung erfahren dürfen. Und ich wünsche uns auch, dass es uns aus der Kraft von Jesus heraus und mit seinem Vorbild vor Augen und im Herzen immer wieder gelingt, Vertrauen zu fördern, einander zu stärken und füreinander da zu sein ganz im Namen von Gott: Ich bin da für euch.

Amen.

Gottesdienst zum 13. Sonntag im Jahreskreis B: Berühren

Liturg. Gruss, Begrüssung, Einleitung

+++
Der uns berührende Gott sei mit Euch.

Guten Morgen miteinander

Schön, dass Sie hierhergekommen sind, dass wir miteinander Gottesdienst feiern können.

Wir werden heute von zwei Frauen hören, die Heilung erfahren. Eine der beiden hat sich an Jesus herangewagt, weil sie gespürt hat, dass von ihm viel heilvolle Kraft ausgeht. Auch wir wollen heute von dieser Kraft spüren. Und vor allem wollen wir es wagen, heute aber auch sonst in unserem Leben, uns berühren zu lassen von den guten Kräften im Leben, aber auch voneinander.
Denn Sich-Berühren-Lassen-Zu-Können ist praktisch die Essenz des Lebens. Es gibt ihm Inhalt und Würze. Und es kann sehr heilsam sein.
So öffnen wir unser Herz und stimmen ein ins Lied KG 42.

Lied KG 42 «Komm her»

Besinnung

Jesus Christus,
Durch Berührung hast Du Menschen ermutigt.
Herr, erbarme Dich.

Durch Berührung hast Du Menschen geheilt.
Christus, erbarme Dich.

Durch Berührung hast Du Menschen zum Leben erweckt.
Herr, erbarme Dich.

Rühr Du uns an. Berühre uns mit Deiner Kraft und führ Du uns aus Erstickendem, Zermürbendem und Erstarrendem hin zum Leben.
Amen.

Glorialied KG 78 «Es jubelt»

Gebet

Jesus Christus,
Wir wollen uns von Dir berühren lassen.
Wir wagen uns an Dich heran.
Wir möchten die heilvolle Kraft in uns spüren,
die Dich voll und ganz erfüllt hat.
Lass Deine Kraft auch in uns fliessen.
Nimm Du uns mitten hinein ins Leben.
Berühren lassen
möchten wir uns
Vom Leben
Von unseren Mitmenschen
Von ihrem Schicksal
ihrem Weinen
ihrem Lachen
und
von all den guten Kräften,
die Gottes Schöpfung durchströmen.
Amen.

Lesung 2 Kor 8,7.9.13-15

Ruf vor Evangelium KG 359.3

Evangelium Mk 5,21-43

Predigt

(siehe unten, nächster Blogbeitrag)

Musik

Fürbitten

Als Antwortruf auf die Fürbitten singen wir jeweils bei der Nr. 489.

Lebendiger Gott,
Deine heilvolle Kraft, die Jesus erfüllt hat, bringt uns ins Staunen. Wir wünschen uns, dass auch wir uns dieser Kraft ganz öffnen können, darum bitten wir Dich:

Berühre mit Deiner Kraft …

… Menschen, die spüren, wie ihre Kräfte schwinden
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die sich innerlich leer fühlen
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die von Ängsten blockiert sind
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die sich verausgaben für das Leben anderer
«Sende aus deinen Geist» KG489

… Menschen, die auf dem Weg sind zum Erwachsen-Werden
«Sende aus deinen Geist» KG489

Guter Gott, wir danken Dir für Deine Kraft, die das Leben und die ganze Schöpfung durchströmt. Amen.

Kommuniongebet

Wir loben Gott mit Gebet und Gesang. Als Zwischengesang singen wir jeweils das «Heilig» bei der Nr. 108.

Gott, Du Quelle des Lebens,
Wir danken Dir für die wundervolle Schöpfung.
Wir danken Dir für die Kraft,
die alles durchfliesst.
Besonders jetzt im Sommer dürfen wir die strotzende Kraft bestaunen,
die sich zeigt,
im Blühen der Alpenrosen, der Kornblumen und des Enzians,
im Plätschern der Bäche,
im Tosen der Flüsse,
im Grünen der Bäume,
in der Süsse der Früchte
im Erstrahlen von Verliebten.

Wir danken Dir von Herzen,
für den Glanz Deiner ganzen Schöpfung
und das Überfliessen des Lebens.

Dankbar loben wir Dich:

«Heilig» KG 108

Jesus Christus,
Du bist unser Vorbild.
Du warst und bist durchflutet
Von der göttlichen Kraft.
Du hast die Menschen berührt
Mit Deiner Botschaft und Deinem ganzen Wesen.

Wir danken Dir
Für Dein Ermutigen
Für Dein Berühren.

Du führst uns hin
Vom Versteinerten zum Grünenden
Vom Erstarrtem zum Fliessenden
Vom Ersticktem zum Atmenden
Vom Tod zum Leben

Voller Dank singen wir Dir unser Lied:

«Heilig» KG 108

Heiliger, heilender Geist,
Fluss, der alles durchströmt,
Kraft, die Heilung bringt,
Liebe, die Beziehung schafft,

Wir danken Dir für Dein Durchfluten
Unserer Herzen,
unserer Freundschaften,
unserer Gespräche,
unserer Träume,
unserem Engagement füreinander.

Wir danken Dir für Dein Durchfluten
Unserer ganzen Welt.

Voll Dankbarkeit lassen wir unsere Stimmen ertönen:

«Heilig» KG 108

Vater Unser

Friedensgruss

Frieden ist nicht nur ein Wort.
Frieden bedeutet,
es gut zu meinen miteinander,
dem anderen gegenüber nicht gleichgültig zu sein,
sondern sich berühren zu lassen von ihm
und dem, was zwischen uns geschieht.

Das Leben fliessen zu lassen.

Gott möchte uns diesen Frieden zuströmen lassen.

«Der Friede Gottes sei allezeit mit Euch.»

Einladung zur Kommunion

Jesus Christus, berühr uns, rühr uns an mit Deiner Kraft. Erfülle uns mit Deiner Liebe. Durchflute unser Leben mit Deinem Geist. Amen

Kommunion mit Musik

Schlussgebet

Kraftvoller Gott
Wir danken Dir für Deine Gegenwart.
Wir danken Dir für die Gemeinschaft untereinander.
Wir danken Dir für die Stärkung durch Jesu Geist und Leben.
Wir möchten den heilvollen Kräften Raum geben.
Lass uns einander gegenseitig Stütze sein.
Lass Deine Liebe durch uns fliessen,
damit wir einander ermutigen können.
Deine Liebeskraft möge uns bestärken,
aufzustehen und einzustehen für alles,
was dem Leben dient,
und wach zu sein füreinander und die Schönheit Deiner ganzen Schöpfung.
Amen.

Schlusslied RU 017 «Herr, wir bitten»

Segen

Herr,
wir bitten:
Komm und segne uns.
Lege auf uns Deinen Frieden.
Segnend halte Hände über uns.
Berühr uns.
Rühr uns an mit Deiner Kraft.

So sei Du unser Segen als dreeiniger Gott,
Vater, Sohn und Heilig, heilender Geist.
Amen.

Predigt zu Mk 5,21-43: Berühren – Sich berühren lassen

Die Auferweckung der Tochter eines Synagogenvorstehers und die Heilung einer kranken Frau

21 Jesus fuhr wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
22 kam einer der Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
23 und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt!
24 Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
25 Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt.
26 Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
27 Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand.
28 Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
29 Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
30 Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
31 Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
32 Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
33 Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
34 Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
35 Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
36 Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur!
37 Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten,
39 trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
40 Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag.
41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
42 Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen.
43 Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Predigtgedanken:

Liebe Mitfeiernde

Wir haben zwei Geschichten gehört, die der Evangelist Markus miteinander verbunden hat: die Geschichte von der Frau, die seit zwölf Jahren dauernd Menstruationsblutungen hat, und dadurch als kultisch unrein gilt, und die Geschichte vom zwölfjährigen Mädchen, das gestorben ist, bevor es zur Frau werden konnte.

In beiden Erzählungen spielt die Zahl 12 eine wichtige Rolle und in beiden Erzählungen geht es um die Herausforderung, eine Frau zu sein, resp. seinen eigenen Wert zu entdecken.

Die Zahl 12 steht für Ganzheit und Fülle, denken wir nur an die zwölf Monate, die ein Jahr ergeben, die zwölf Stämme, die das Volk Israel bilden, oder die zwölf Jünger.

Doch bei beiden Frauen fehlt diese Fülle noch, diese Ganzheit. Sie sind erst auf dem Weg, ganz zu werden. Und lustigerweise geht es in beiden Geschichten um Heilung. Und das Wort «heil» bedeutet eigentlich «ganz».

Die blutflüssige Frau, die wohl seit sie 12 ist, diese Blutungen hat, und somit 2 mal 12 Jahre, also 24 Jahre alt sein muss, muss aufgrund ihrer Unreinheit praktisch isoliert leben, muss sich von jeglicher Berührung in Acht nehmen und leidet wohl nicht nur unter ihrer Krankheit und der damit verbundenen Beziehungslosigkeit, sondern wohl auch an Berührungsängsten. Aber auch das Frauenbild, das die Blutungen als etwas Unreines taxiert, ist ebenso krankmachend und eines der Grundprobleme, das hinter dieser Krankheit und der damit verbundenen Berührungslosigkeit steckt. Denn die Frau sehnt sich bestimmt danach, berührt zu werden.
Und sie rennt von Pontius bis Pilatus um gesund zu werden, nimmt jegliche ärztliche Hilfe in Anspruch, die sie haben kann, und dennoch wird ihr Zustand nicht besser, im Gegenteil. Sie verliert Hab und Gut. Sie verliert nicht nur ihr Blut, sondern damit auch viel von ihrer Lebensenergie. Ihr Leben wird damit im wahrsten Sinne des Wortes leer, blutleer.

Doch ihr Glaube, ihr Vertrauen in Jesus ist so stark, dass sie sich getraut, ihn zu berühren und die Kraft spürt, die von ihm ausgeht und sie heilt. Durch die Berührung mit Jesus, auch wenn es nur sein Gewand ist, kommt das Leben in ihr wieder ins Fliessen, kommt sie wieder in den Lebensfluss und das Ausfliessen ihres Blutes hört auf. Sie kann nun ihren Platz als Frau finden und muss nicht mehr isoliert leben. Ihr Versteckspiel hat ein Ende. Sie wird aufgefordert, Jesus in der Menge alles zu erzählen. Sie soll und darf für sich einstehen und muss sich nicht für sich selbst schämen.

Berührung ist das, was ihr durch Jesus Heilung ermöglicht.

Auch bei der Geschichte der Tochter des Jairus geht es darum, berührt zu werden, sich berühren zu lassen.

Doch wir finden auch das Gegenteil. Denn die jammernden und weinenden Frauen, die sich um das tote Mädchen scheren, schwenken ihre gespielte Stimmung gleich nach der hoffnungsvollen Aussage von Jesus, dass das Mädchen nur schläft, gleich um und brechen in Gelächter aus.

Es ist dabei wichtig zu wissen, dass in jener Zeit schon lange nicht mehr Angehörige wie dies früher der Fall war, lauthals trauerten, sondern dass es Klageweiber gab, Schauspielerinnen, die extra bezahlt wurden, um der Trauer ein Gesicht zu geben. Doch eben genau diese Klageweiber spielen die Trauer nur. Sie sind nicht wirklich berührt vom Leid, das sich hier ausgebreitet hat.

So wirft Jesus diese verlogene Bande hochkant hinaus. Denn so würde die korrekte Übersetzung aus dem Griechischen lauten. Genauso wie er später die Händler aus dem Tempel hinauswerfen wird.
Und wenn Jesus etwas wütend macht, ist es diese geheuchelte Anteilnahme, dieses gespielte Berührt-Sein.
Jesus selbst, der sich wirklich durch die Not des Mädchens und ihrer Eltern berühren lässt, kann durch seine Berührung wieder das Leben in den Adern des Mädchens fliessen lassen.

Das Mädchen wird ermutigt, aufzustehen, als Frau auf den eigenen Beinen zu stehen, aufzuwachen und wach zu sein für die Regungen des Lebens.

Solche Schicksale, die hier beschrieben sind, ereilen auch heute noch Menschen.
Wie viele Menschen gehen von einem Arzt zum nächsten und dennoch wird alles nur noch schlimmer? Wie viele Menschen sind oder fühlen sich isoliert und ausgegrenzt, behandelt wie Unreine? Wie viele Menschen schaffen es nicht, eine Beziehung eingehen zu können? Wie viele Menschen schämen sich für sich selber, sehen sich nur als Last und als Zumutung für alle und möchten so oft am liebsten im Erdboden versinken?
Und doch, haben nicht all diese Menschen, ja wir alle die tiefe Sehnsucht, wahrgenommen zu werden, kein Versteck-Spiel spielen zu müssen, berührt zu werden und berühren zu können, vielmehr noch, in die Arme genommen zu werden?

Und wie schwer ist es für viele Jugendliche, die im Begriff sind eine Frau, ein Mann zu werden, mit all den Gefühlen, Gedanken und Anforderungen umzugehen, die auf einen einprasseln?
Dass, das Mädchen gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden vom Tod eingeholt worden ist, ist m.E. kein Zufall. Denn diese Schwelle kann für viele zu einem scheinbar unüberwindbaren Berg werden.
Und so wie die Tochter des Jairus wohl unter den kritischen Augen aller gestanden ist, da gerade sie als Tochter des Synagogen-vorstehers genauso Vorbild sein musste wie ihr Vater und ihrem Vater ja keine Schande machen durfte, lastet auch auf vielen Jugendlichen heute ein grosser Druck, der auch erstickend sein kann und die Lebensenergie rauben kann.

Und genau in solchen Momenten kann eine Ermutigung Gold wert sein und die Zusage:
Du darfst zu Dir stehen. Du bist in Deiner ganzen Grösse – nicht am Boden liegend, sondern aufrecht – wertvoll und Du hast das Recht, auf den eigenen Beinen zu stehen und Deinen Weg zu gehen.

Amen.