Bescheidenheit oder Erniedrigung, Demut oder Demütigung? Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C

Liebe Mitfeiernde
Wie ist es nun mit der Bescheidenheit? Ist sie eine Zier, eine Kunst, eine Tugend? Und lebt man besser ohne sie? Wann ist sie hilfreich und wann wird sie ungesund?
Für mich ist Bescheidenheit und auch Demut ganz klar eine Tugend. Doch nicht auf die Art, wie sie besonders oft in religiösem Kontext und auch in unserer Kirche oft gelebt worden ist und manchmal noch immer gelebt wird.
Bescheidenheit ist für mich eine Tugend im Sinne von Jesu Worten, dass man sich nicht den Ehrenplatz aussuchen soll und sich nicht in den Mittelpunkt drängen soll. Ebenso sehe ich auch eine Tugend darin, dass man sich selber nicht erhöht und aufbläht und nicht angibt und «plagiert».
Doch für mich hört Bescheidenheit auf, eine Tugend zu sein, wenn sie bedeutet, sich selber zu erniedrigen und klein zu machen. Auch damit, sich selber zu demütigen, habe ich Mühe.
Denn Bescheidenheit und Demut entspricht für mich, wenn sie gesund bleiben soll, weder einem Sich-Erniedrigen noch einem Sich-Demütigen. Man demütigt ja schliesslich auch nicht andere Menschen!
Doch leider bekomme ich immer wieder den Eindruck, dass in unserer Kirche nach wie vor die Tendenz besteht, dass Bescheidenheit oft im Sinne von Erniedrigung und Selbstdemütigung verstanden und gelebt wird, was ich sehr bedaure.
Ja, ich denke sogar, dass darin ein Grundproblem unserer Kirche besteht, dass nämlich das Klein-Sein und Sich-Klein-Machen oft überwiegt und zu stark die Sündhaftigkeit, die Schlechtigkeit und das Nie-Genügen-Können des Menschen hervorgehoben wird.
Stellen sie sich vor, wie sehr die Kirche hier aufbauend, bestärkend und lebensbejahend wirken könnte, wenn sie mehr auf das Gute im Menschen blicken würde, den göttlichen Kern, der in jeder Person liegt?
Mit dem Überbetonen der Sündhaftigkeit und dem Klein-Sein des Menschen jedoch wird viel Gutes erstickt und viel wirklich Grosses verhindert.
Wäre es nicht schöner, wenn wieder mehr die Schöpfung in Erinnerung gerufen würde, zu der der Mensch gehört und von der Gott gesagt hat, sie sei sehr gut, und zu der auch die schöpferischen, kreativen Kräfte des Menschen gehören?
Und wäre es nicht wünschenswert, wenn wir wegkommen könnten von diesem fragwürdigen Gottesbild, das m.E. dahintersteckt, das einen Gott darstellt, der strafend und rachsüchtig ist und der nur mit einem Opfer besänftigt werden kann und der dieses Opfer, das Jesus ist, benötigt hat, damit er uns unsere Sünden nicht nachträgt?
Wäre es nicht an der Zeit, uns von diesem erstickenden und bedrückenden Gottes- und Menschenbild zu verabschieden und dass wir den Fokus auch in liturgischen, kirchenrechtlichen und lehramtlichen Texten weniger auf die Schlechtigkeit und die Abgründe des Menschen richten, sondern das Gute im Menschen versuchen anklingen zu lassen und an einen Gott glauben und auf einen Gott vertrauen, der keine Opfer benötigt, um besänftigt und uns wohlgesinnt zu werden, sondern der uns wahrhaftig liebt?
Liebe Mitfeiernde
Ich finde es sehr schade, dass nach wie vor in vielen liturgischen Texten «Opfer», «Sühne», «Sünde» und das Ungenügen des Menschen so überbetont wird.
Ich habe persönlich auch Mühe damit, dass dieses Nicht-Genügen-Können oft auch vor dem Kommunionempfang hervorgehoben wird, mit den Worten: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.»
Dies ist ein Satz, der völlig aus dem Zusammenhang herausgerissen worden ist und nun häufig vor dem Kommunionempfang die Niedrigkeit des Menschen aufzeigen soll und die fehlende Würde, die der Begegnung mit Gott vorausgeht. Gesagt wurde er eigentlich von einem heidnischen Hauptmann, einem Mann des Militärs, dem die Sprache von Befehl und Gehorsam, von Unterwerfen vertraut war. Doch wir heute leben in einer anderen Welt und ich würde mir ein mehr partnerschaftliches Verhältnis auch zu Gott wünschen. Andererseits wollte der Kaufmann mit der Betonung des Nicht-Wert-Seins wohl auch hervorheben, dass er Heide ist und Jesus Jude und er damit ein Aussenstehender ist und als unrein angesehen wird.
Seit etwa 1300 Jahren wird mit diesem Satz in fast jedem Gottesdienst unser Ungenügen, unser Nicht-Genügend-Wert-Sein und unser «Unrein-Sein» betont.
Doch man könnte genauso gut einen aufbauenden, bestärkenden Satz wählen, der belebend wirkt und erfrischt und der das Gute in uns anklingen lässt.
Denn Gott hat keine unwürdigen Wesen erschaffen, sondern Abbilder seiner selbst.
Ich muss ehrlich eingestehen: Ich lasse jeweils das «Nicht» im Satz «Herr, ich bin nicht würdig» weg, da es für mich einfach nicht stimmt und ich eine andere Grundhaltung und Glaubenssicht in mir trage.
Denn ich glaube daran, dass Gott uns als aufrechte Wesen erschaffen hat, mit aufrechtem Gang, die auch mit erhobenem Haupt vor Gott stehen dürfen, und sich nicht niederwerfen müssen vor einem angeblich blutrünstigen, rachsüchtigen, strafenden Gott, der in Jesus Christus ein Opfer benötigt hat, um besänftigt zu werden!
Zumindest der Gott, an den ich glaube, braucht keine Opfer und hat auch nie Opfer oder Sühne gebraucht. Und aus meiner Sicht hat dies auch Jesus mehr als deutlich gemacht mit all seinen Taten und Worten.
So sehe ich in Gott ähnlich wie Jesus einen liebenden Vater oder auch eine liebende Mutter.
Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass Gott will, dass wir auf Augenhöhe vor ihm stehen.
Natürlich haben wir Fehler und Grenzen und sicherlich auch einige Abgründe und dennoch denke ich nicht, dass Gott will, dass wir uns klein machen und erniedrigen. Sondern ich glaube daran, dass er will, dass wir uns in unserer ganzen Grösse zeigen und dazu stehen.

Darum wünsche ich mir sehr, dass wir es in unserer Kirche und in unserem je eigenen Glauben schaffen, uns Menschen zu befreien hin zu dieser liebevollen Beziehung mit Gott und auch mit uns selber, und so einen Schritt weiterkommen zu einem Gottes- und Menschenbild, das ermutigt, das aufbaut und stärkt und nicht klein macht und demütigt aufgrund einer übermächtigen Last von Fehlern und Unzulänglichkeiten.
Wahre Bescheidenheit heisst so für mich: Dass ein gesunder Mensch sich weder zu erhöhen noch zu erniedrigen braucht, weil er von Gott geliebt ist, so wie er ist. Er braucht sich nicht zu beweisen oder aufzublähen, da dies bedeuten würde, dass er mit sich selber nicht zufrieden ist und sich selber zu wenig wertschätzt.
Ebenso wenig soll der Mensch sich erniedrigen und sich kleiner machen als er ist, denn auch dies wäre mangelnde Liebe zu sich selber und es wäre eine Demütigung nicht nur von sich selber, sondern auch von Gott, der uns mit all unseren Fähigkeiten erschaffen hat.
Liebe Töchter und Söhne Gottes
Ich wünsche mir deshalb einen Glauben, der den Menschen als aufrechtstehendes, erwachsenes Wesen auf Augenhöhe vor und mit Gott sieht und auf einen Gott baut, der das Gute in uns sieht und stärken will, der wie wir zwar um das Schlechte weiss, aber nicht will, dass wir uns deswegen erniedrigen oder entwürdigen, da sein liebender Blick uns nicht mit verurteilenden Augen ansieht.

Im Gegenteil, die Abgründe und das Zerstörerische in uns lassen sich nicht überwinden durch Selbsterniedrigung, ja sie werden sich noch vielmehr verstärken. Denn was unterdrückt wird und erniedrigt, erhöht sich dann von ganz alleine, und zwar mit umso stärkerer Kraft.
So ist nicht die Erniedrigung der Weg, sondern einzig und allein die Liebe und das nachsichtige Annehmen von dem, was ist, und das stetige Daran-Arbeiten und Sich-Weiterentwickeln.
Und so bedeutet für mich wahre Bescheidenheit: Ich erhöhe mich nicht und erniedrige mich auch nicht, sondern ich weiss um meine Grenzen und Schatten, genauso wie ich auch um das Lichtvolle und Gute weiss.
Vor allem aber versuche ich mit diesem Wissen, einen Weg zu finden, wo wir auf Augenhöhe miteinander unterwegs sind, wo niemand klein gemacht und keiner überhöht wird, sondern sich alle als gleichwertige Töchter und Söhne Gottes sehen und fühlen dürfen.
Und so brauchen wir uns nicht mehr die Frage zu stellen, die uns bedrückt und erstickt, ob wir genügen und ob wir genug würdig sind, sondern wir dürfen wissen und spüren: ich bin trotz allem Dunklen immer noch wertvoll und werde von Gott geliebt. Amen.

„Gott, eine tröstende, beruhigende Mutter»: Predigt zu Jesaja 66,10ff., 14. So JK C

«Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.»

Liebe Frauen, Liebe Männer, Liebe Kinder,

Der Text aus dem Jesajabuch, den wir heute als Lesung gehört haben, trägt wunderschöne Bilder in sich.
Jerusalem wird als stillende Mutter beschrieben, an deren Brust man zur Ruhe kommen kann.
Und auch Gott wird als tröstende Mutter dargestellt und als Quelle, von der Ströme des Friedens ausgehen, von denen man trinken und sich erfrischen kann.
Wie ein Kind, das sich durchs Stillen, durch die Muttermilch an der Brust der Mutter beruhigt, mit Weinen aufhört und bei der Mutter Frieden und Trost, Wärme und Nahrung erhält, wird hier Jerusalem und vor allem auch Gott als nährende, tröstende und friedensspendende Mutter dargestellt.

In Jerusalem nach dem Exil, in der dieser Text entstanden ist, sind diese Worte wie eine Oase gewesen, wie ein Traum, nach dem sich wohl viele gesehnt haben, denn Jerusalem stand auch nach dem Exil immer wieder unter dem Einfluss fremder Mächte und Frieden war wohl damals wie heute genau genommen eher ein Fremdwort.

So sind für mich Jerusalem und Frieden leider eher wie zwei Gewinde, die nicht aufeinander passen.

Und dennoch war damals wie heute die Sehnsucht nach diesem Frieden wohl stets gross.

Traum und Wirklichkeit sind halt eben oft nicht übereinstimmend und manchmal klaffen sie wie im Falle von Jerusalem so auseinander, dass es schon fast lächerlich klingt.

Und dennoch sowohl das Bild von Gott als Mutter und das tiefe Gefühl von Frieden, Trost und Stärkung, aber auch das Bild von den Knochen, die sprossen wie frisches Grün, tragen viel Kraft in sich.

Dieses weibliche Bild von Gott finde ich persönlich sehr berührend und hilfreich, um Gottes Liebe und Es-Mit-Uns-Gut-Meinen zu spüren.

Doch wir alle wissen, dass es sowohl in der Bibel wie auch unter den Menschen ganz unterschiedliche Gottesbilder gibt und auch immer gegeben hat. Und wichtig ist dabei sich bewusst zu haben, es sind alles Bilder von Gott und nicht Gott selber. Und doch können wir nicht anders von Gott sprechen als durch Bilder.

Es ist jedoch für unser Handeln und unser Leben entscheidend, welche Gottesbilder wir in uns tragen, da sie auch unser Bild der Menschen beeinflussen.
Darum ist es m.E. wichtig, dass wir ein Gottesbild in uns tragen, dass wie bei Jesaja erwähnt, Frieden fördert, Trost spendet und Lebenskraft gibt.

Wir wissen nicht, wie Gott wirklich ist, doch wir können uns für ein belebendes, befreiendes, nährendes und friedensspendendes Gottesbild entscheiden und damit auch den Menschen Gutes tun und selber zum Lebensförderer, zur Friedensbotin, zum Befreier und zur Liebenden werden.

Und genauso hat es Jesus getan. Sein Gottesbild hat sein ganzes Leben geprägt und ihn selber zu einem Menschen gemacht, der Frieden verbreitet hat und der andere Menschen geheilt, belebt, bestärkt und getröstet hat.

Und er hat wiederum andere aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Wie die 72, die er zu zweit geschickt hat, um in der Welt Frieden zu verbreiten und Kranke zu heilen.

Mit dem Frieden, dem Heil, das Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger so verbreiten, verbreitet sich auch das Reich Gottes. Und Gottes Reich ist m.E. letztlich nichts anderes als das, was Gott am Herzen liegt, und was die Welt im Sinne von Frieden und Leben bereichert.

Jesus wusste natürlich, dass wie im Bild vom Frieden, der von Jerusalem ausgeht, auch in der Welt Frieden nicht immer mit Frieden beantwortet wird, sondern dass oft auch Unfriede und Ablehnung zurückgegeben werden.

In diesem Fall werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu aufgefordert, den Staub abzuschütteln, das Verstaubte, Abgestorbene, Tote abzustreifen und loszulassen, um sich wieder neu auf das Lebensbejahende und Lebensfördernde einlassen zu können.

Geht es nicht auch uns oft so, wenn wir Unfrieden erleben, Ablehnung oder uns sogar Hass entgegenschlägt, dass wir dann genauso den Staub, die toten Zellen, mit denen wir konfrontiert sind, abstreifen und abschütteln müssen, um uns wieder dem zuwenden zu können, was uns belebt, aufbaut, tröstet und nährt?!

Denn so können wir uns wieder auf die Suche machen nach dem, was nach Leben schmeckt, was grünt und blüht, und von den frischen Strömen des Friedens trinken und uns laben an der Milch des Trostes und der Kraft.

Liebe Mitfeiernde

ich möchte Sie einladen, dieses wunderschöne Bild der tröstenden und nährenden Mutter in sich selber aufzunehmen, um selber wie eine liebende und besänftigende Mutter Frieden und Leben zu verströmen.
Amen.

„Mut zum Anecken“: Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis C

Liebe Mitfeiernde

Da werden uns heute mit den Lesungen zwei kantige und harte Brocken vor die Füsse geworfen!
Es sind Lesungen, die herausfordern, ja auch ein Stück weit provozieren, finde ich.
Im Buch Jeremia begegnen wir einem Propheten, der dem König Zidkija empfiehlt, sich den Babyloniern, die Jerusalem belagern, zu ergeben, um die Menschen zu schützen und Blutvergiessen zu verhindern.
Doch damit macht sich Jeremia unbeliebt. Dies passt Zidkija nicht. Er hofft, dass er von Ägypten Unterstützung erhält, was aber nicht eintrifft.
Jeremia jedoch wird ins Gefängnis geworfen und entkommt nur knapp dem Tod.
Jerusalem wird schliesslich eingenommen und die Bevölkerung nach Babylonien deportiert.
Wenn wir dieses Beispiel nehmen, können wir durchaus sagen: Propheten haben einen schweren Stand.

So ist es auch Jesus nicht anders ergangen. Er selber hat z.B. gesagt, dass ein Prophet in seiner Heimat nichts gilt und somit nicht auf offene Ohren stösst.
Aber auch sonst kann Jesus ein Lied davon singen, was einem Propheten an Ablehnung und Widerstand entgegen schlägt, was ja in seinem Fall schliesslich bis zum Tod geführt hat.
So sind die Worte im Lukasevangelium zwar sehr hart und tönen brutal und müssen sicherlich auch kritisch betrachtet werden. Und doch scheint mir die Beschreibung von Jesus als «Feuerwerfer» und als Person, an dem sich die Geister scheiden und der Spaltung anstatt Frieden auslöst, doch recht zutreffend.
Zumindest als Beschreibung der Reaktionen der Menschen auf seine Botschaft hat es für mich durchaus nachvollziehbare Züge. Denn einerseits hat es ja tatsächlich heftigen und schliesslich auch gewalttätigen Widerstand gegen ihn gegeben und andererseits ist auch seine frohe Botschaft nicht bei allen froh und gut aufgenommen worden. Vielmehr hat es bei einigen Angst und Abwehr hervorgerufen, weil ihre Macht und ihr Glaubensgebäude ins Wanken geraten ist. Und so hat es bestimmt auch innerhalb von Familien geteilte Meinungen zu Jesus gegeben.
Und mit seinem Handeln hat Jesus ja auch viele provoziert. Gewisse haben ihn vielleicht sogar als Spinner bezeichnet.
Und sein Erzählen von einem liebenden Gott und davon, dass z.B. der Sabbat für die Menschen da ist und nicht umgekehrt, dass also die Regeln für die Menschen sind und nicht die Menschen für die Regeln leben, haben viele nicht verstanden oder als Bedrohung gesehen.
So hat er mit seiner ganzen Botschaft und seinem heilvollen Handeln einiges in Frage gestellt, vor allem auch bestehende Machtstrukturen von religiösen und politischen Führungspersonen und Glaubensgebäuden, die vorwiegend aus Angst bestehen.
Dass es damit zu Widerstand und Ablehnung gekommen ist und Jesus damit angeeckt ist, ist m.E. nachvollziehbar.
Und so wie Jesus haben sich auch die früheren Propheten mit Kritik an sozialen und religiösen Strukturen unbeliebt gemacht und geraten auch heute noch Theologinnen und Theologen in heftiges Kreuzfeuer, wenn sie sich politisch positionieren und zu sozial-politischen Fragen Stellung beziehen oder religiöse, kirchliche Strukturen in Frage stellen und kritisieren.
Bei Jesus kam ausserdem eine grosse Leidenschaft hinzu, die sich beispielsweise bei seiner Tempelreinigung gezeigt hat, als er Händler mit der Peitsche hinausgetrieben hat. Damit hat er sich wohl auch nicht wirklich Freunde gemacht.
Und trotzdem hat dieses Feurige auch sehr viel Faszinierendes an sich. So hat mich persönlich dieses leidenschaftliche Auf- und Eintreten für seine Anliegen immer ganz besonders angesprochen und ist damit dieses Feuer auch ein Stück weit auf mich übergegangen.
Und dennoch bin ich selber eher der Typ, der Hemmungen hat, allzu sehr anzuecken. So muss ich mich manchmal eher dazu anspornen, mehr Ecken und Kanten zu zeigen. Aber es gibt durchaus auch Themen und Momente, in denen ich stark spüre, dass etwas einfach gesagt werden muss.
Und so ist es halt auch immer wieder not-wendig, dass wir Kritik äussern und Hindeuten auf Misstände, Unstimmigkeiten und Ungerechtigkeiten und so die eigene Wahrnehmung mitteilen, wenn wir sehen, dass etwas nicht fair läuft, jemand unehrlich ist oder Strukturen und Zustände Menschen einengen und ersticken oder wir Möglichkeiten erkennen, die uns allen helfen weiterzukommen in unserem Glauben, unserer Entwicklung und unserem Umgang miteinander.
Und ich wünsche uns dabei Mut. Denn immer wieder wird dies auch dazu führen, dass wir uns unbeliebt machen, Ablehnung erfahren, angegriffen werden oder uns sogar Feinde machen.
Und, wer nimmt dies schon gerne in Kauf?!
Aber, wenn wir uns treu bleiben und auch äussern, was uns innerlich bewegt, kann dies uns auch mehr Zufriedenheit bringen und mehr Erfüllung und Sinn.
Darum: Getrauen wir uns doch, nicht nur lieb und nett zu sein, sondern auch mal anzuecken und unbequem zu sein wie ein Stein im Schuh und dabei auf unsere Inspirationen, Wahrnehmungen und unser Gewissen zu hören.

Liebe Mitfeiernde
Ein wichtiger Punkt möchte ich zum Schluss noch loswerden, nämlich ein kritischer Blick auf die Worte des heutigen Evangeliums:
Bei aller Ermutigung, leidenschaftlich zu kämpfen für mehr Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Liebe und damit prophetisch zu wirken, finde ich es dennoch entscheidend, auch selbstkritisch zu bleiben und sein eigenes Handeln immer wieder zu hinterfragen und zu schauen, ob es auch wirklich dem Leben dient und erfüllt ist von Liebe.
Denn Jesus hat sich auch immer klar von Gewalt distanziert und auch Petrus aufgehalten, als er zur Waffe gegriffen hat. Und Feuer auf die Erde werfen und Eintreten für eine gerechte, gute Sache: Dies behaupten auch Terroristen und Fanatiker, dass sie dies tun!
So ist es unabdingbar, immer wieder sich selber, seine Beweggründe und sein Handeln zu überprüfen.

Und in dem Sinne möchte auch ich nicht ein Streithahn sein, sondern ein Friedensstifter.
Amen.

„Der Himmel ist in dir“ – Predigt zu Christi Himmelfahrt

Liebe Mitfeiernde

Die Vorstellungen, wie man Christi Himmelfahrt verstehen soll, sind wohl so unterschiedlich wie auch die beiden geschilderten Darstellungen in den biblischen Texten von heute.

So wird in der Apostelgeschichte zwischen Auferstehung und Himmelfahrt eine 40-tägige Zeit der Erscheinungen eingefügt, wobei im Lukasevangelium sich Auferstehung, Erscheinungen und Himmelfahrt alles an einem einzigen Tag ereignet.

In der Apostelgeschichte wiederum findet die Himmelfahrt auf dem Ölberg statt und im Lukasevangelium in Bethanien.

Und diese Unterschiede sind da, obwohl man davon ausgeht, dass Lukas der Verfasser von beiden Texten ist.

Auch die übrigen Evangelien stellen die Zeit nach dem Tod Jesu unterschiedlich dar.

Warum diese Unterschiede bestehen, auch darüber gibt es ganz verschiedene Deutungen.

Was mir jedoch aus dieser Tatsache der bestehenden Unterschiede als sehr wichtig erscheint, ist, dass damit sichtbar wird, dass die biblischen Texte nicht den Anspruch erheben, eine exakte historische Beschreibung davon zu sein, was in Raum und Zeit fotografisch hätte festgehalten werden können. So können wir die Evangelien nicht einfach als eins-zu-eins-Beschreibung der historischen Abläufe sehen, sondern es sind Geschichten, in die auch immer Deutungen von gehörten und erlebten Erfahrungen einfliessen.

Es sind somit literarische Werke, in die die Verfasser ihre eigene Note und Sichtweise einbringen, aber auch verschiedene Stilmittel, die dazu dienen, eine Sichtweise zu betonen. Dies ist m.E. ein wichtiger Punkt im Blick auf das Verständnis der Evangelien und auch der übrigen biblischen und ausserbiblischen Texte.

Und so ist auch die «Himmelfahrtserzählung» keine Beschreibung eines historischen Ereignisses, das hätte fotografiert werden können, sondern vielmehr eine Beschreibung innerer Geschichten und Deutungen des Autors, und ganz besonders ist es auch ein Stilmittel.

Denn solche «Entrückungs-, resp. Himmelfahrtserzählungen» sind auch sonst verbreitet gewesen.

So wurden beispielsweise auch von Henoch, von Elija und auch von Romulus und vielen mehr solche Geschichten erzählt.

Über Henoch heisst es z.B.:

«Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.»

Und über Romulus wurde geschrieben:

«Nachdem Romulus diese unvergesslichen Taten vollbracht hatte, brach … plötzlich mit lautem Getöse und Donnerschlägen ein Sturm los und verbarg den könig in einer Regenwolke, die so dicht war, dass sie der Versammlung die Möglichkeit, ihn zu erblicken, entzog. Und seither war Romulus nicht mehr auf Erden. … Danach grüssten alle den Romulus als Gott, der Sohn eines Gottes ist.»

Wie wir sehen, sind solche Himmelfahrtserzählungen also als Stilmittel benutzt worden. Ebenso können wir erkennen, dass diese Erzählform dazu gedient hat, um die Wichtigkeit, den herausragenden Stellenwert einer Person hervor zu heben und damit zu sagen, dass die in den Himmel emporgehobene Person göttlich ist, resp. in starker Verbindung steht mit Gott.

Bei Jesus hat der Evangelist Lukas diese Verbindung zum Göttlichen zudem nicht nur mit der Himmelfahrt aufgezeigt, sondern auch mit anderen Erzählungen wie z.B. der Geschichte der jungfräulichen Geburt, was ebenso in jener Zeit ein verbreitetes Stilmittel war, bespielsweise bei Alexander dem Grossen.

Damit hat Lukas in seiner Geschichte mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln und Erzählungen seine Deutung vom Leben von Jesus dargelegt und mit literarischen Elementen ausgeschmückt.

So betont Lukas mit seiner Erzählung der Himmelfahrt von Jesus, dass sich über Jesus der Himmel geöffnet hat, dass in Jesus Gott sichtbar geworden ist und in seinem Handeln und Leben der Himmel durchgeschienen ist.

Dies ist m.E. ein wesentlicher Kern der Aussage unseres heutigen Festes. Es soll uns damit aber auch all die Momente in Erinnerung rufen, die wir selber täglich erleben und in denen uns der Himmel aufscheint, sei es in einem Lächeln eines Mitmenschen, einer zärtlichen Umarmung, einer Geste der Wertschätzung oder einem Gespräch, in dem wir uns angenommen und verstanden fühlen, und in vielen anderen Momenten, in denen das Leben fliessen kann.

Himmelfahrt ist damit auch eine Einladung, solchen Momenten immer wieder Raum zu geben.

Aber gleichzeitig ist die Erzählung der Himmelfahrt von Jesus und der anderen in den Himmel emporgehobenen Personen auch ein Ausdruck unserer Hoffnung und unserer Sehnsucht, dass auch wir selber nach unserem Tod eine Zukunft haben, in der wir aufgehoben sind und zurückkehren dürfen zu Gott. Denn Himmel beschreibt ja oft auch einen Ort, der wortwörtlich über uns hinausgeht, der zwar immer wieder in Begegnungen und Momenten im Leben durchscheinen kann, der aber dennoch nicht ganz erreichbar ist und von dem sich viele erhoffen, nach dem Tod darin eingehen zu können.

Und Himmel ist oft auch nichts anderes als ein Ort und ein Zustand, an und in dem wir in Gottes Nähe, bei Gott sind, und drückt unsere Sehnsucht aus, ganz bei Gott und in Gott sein zu dürfen.

Und ich bin davon überzeugt, dass diese Sehnsucht nach dem Himmel und damit nach Gott auch ein Zeichen dafür ist, dass wir alle ursprünglich von Gott ausgegangen sind und uns diese Einheit nun fehlt, uns aber im Herzen immer wieder schmerzlich spürbar wird. Und so hoffe ich auch darauf, dass wir so wie Jesus irgendwann wieder in diese Einheit zurückkehren werden und wir unsere eigene Himmelfahrt erleben werden.

Diese Sehnsucht in uns kann schmerzlich sein, doch sie kann uns auch dabei helfen, dass wir uns nicht nur als Töchter und Söhne der Erde fühlen, sondern auch als Töchter und Söhne des Himmels und dass sich in uns und unserem Sein und Handeln Erde und Himmel berühren können.

Ganz im Sinne des bekanntes Liedes, in dem es u.a. heisst: «Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, da berühren sich Himmel und Erde.»

Liebe Töchter und Söhne des Himmels und der Erde

«Himmel» ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein weiter Begriff. So viele Bedeutungen trägt der Himmel in sich.

Und so führt uns der Himmel zwar ins Jenseits, aber genauso auch ins hier und heute, in unsere Mitte, von der Jesus gesagt hat, dass sie hier das Himmelreich sich zeigen kann, und letztlich führt uns der Himmel auch zu uns, in die Mitte unseres Herzens, unseres Seins und Handelns, ganz im Sinne von Angelus Silesius: « Halt an! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Wer ihn sucht anderswo, verfehlt ihn für und für. »

Der Himmel kann sich also in uns breit und weit machen als eine Erfahrung, als ein Erleben der göttlichen Nähe, aber ebenso unter uns im Göttlichen, das in unseren Beziehungen, in unseren Begegnungen und in unserem Handeln aufscheinen kann, und letztlich auch über uns, als eine Grösse, die über uns hinausgeht, die viel grösser ist als wir. So erzählt uns der Himmel von einem Gott, der in uns ist, unter uns und über uns, als ein Gott, der seine Hände segnend über uns ausbreitet wie auch Jesus, der uns segnend mit seinem Leben, seinem Sterben, seinem Auferstehen und seinem Heimgehn zu Gott den Himmel geöffnet hat und auch heute noch öffnet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie gesegnet sind und dass immer wieder der Himmel in ihnen, unter ihnen und über ihnen aufgeht.

Amen.

Liturgische Texte zu „Welche Kirche wollen wir?“ (6. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C)

Einleitung

Wir werden heute aus der Apostelgeschichte eine Episode hören, bei der es darum gegangen ist, dass sich die frühen christlichen Gemeinden zunächst haben finden müssen. Denn dies war nach dem Tod von Jesus eine grosse Herausforderung.

Auch wir müssen uns in der heutigen Zeit als Kirche immer wieder neu finden und die Frage stellen, wohin soll der Weg weiterführen. Und immer wieder muss sich die Kirche selber im Klaren werden und Entscheide fällen, welche Werte sie leben will.

Doch wir wollen auch darauf vertrauen, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen müssen, sondern gemeinsam miteinander und gemeinsam mit Gott und ganz mit und im Geist von Jesus.

 

Besinnung / Kyrie

Wir stehen immer noch in der Osterzeit.

Jesus Christus,
lass uns auch innerlich mitten drin sein in Ostern.

In unserem Alltag wollen wir uns führen lassen vom Tod zum Leben.
Herr, erbarme dich.

In unseren Begegnungen wollen wir die Liebe siegen lassen.
Christus, erbarme dich.

In unserem Leben wollen wir immer wieder den Weg vom Dunkel ins Licht finden.
Herr, erbarme dich.

 

Jesus Christus,
führe du uns hin zum Leben und zur Liebe,
ins Licht und in die Freiheit.
Und lass uns auch als Kirche den Weg der Auferstehung gehen,
vom Erstarrten hin zum Befreienden.
Lass uns mit unseren Entscheidungen,
nicht ausgrenzen,
sondern Türen öffnen
für unsere Mitmenschen,
für Kreativität,
für Inspirationen.
Lass uns mutig sein, voller Vertrauen und erfüllt von deinem grosszügigen und gütigen Geist.
Amen.

 

Tagesgebet

Jesus Christus,
Dein Leben bietet uns Orientierung, Sinn und Kraft.
So wie du Menschen geliebt hast,
lass auch uns aus dieser Liebe leben.
So wie du Menschen Vertrauen geschenkt hast,
lass auch uns Vertrauen fördern.
So wie du Menschen aufgerichtet hast,
lass auch uns einander aufrichten.
So wie du Menschen an deinen Tisch eingeladen hast,
lass auch uns mit unserer Art und unserem Leben einladend und gewinnend sein.
Wir danken dir für den Weg,
den du vorausgegangen bist.
Und wir danken dir für die Kraft deines Lebens, die auch in unser eigenes Leben hineinwirkt.
Amen.

 

Fürbitten

Guter Gott
Das, was unser Herz bewegt, wollen wir in Bitten in Worte fassen.

Wir bitten für unsere Kirche. Lass sie Wege finden, die nicht in die Enge führen, sondern ins Weite.

Lass die Entscheidungsträger der Kirche sich darum bemühen, dass Menschen unabhängig von Geschlecht und Ansehen mit ihren Fähigkeiten die Kirche mitgestalten und mitleiten können.

Lass in unserer Kirche nicht die Angst vor Erneuerung und Veränderung überhandnehmen, sondern lass in ihr das Vertrauen darauf wachsen, dass Gottes Geist auch heute noch weht, in Glaubenserfahrungen, in Begegnungen, in der Vernunft, in Träumen und in Inspirationen der Menschen des Hier und Jetzt.

Wir bitten für uns selber. Lass uns grossherzig sein und nicht darüber urteilen, wer noch katholisch oder christlich ist, sondern jeden Menschen als Geschöpf Gottes erkennen.

Guter Gott, dein heiliger Atem erfass uns und unsere Kirche jeden Tag neu. Amen.

 

Gabengebet

Barmherziger Gott
Wir danken dir für die Gaben,
die wir selber von dir erhalten haben,
unsere Fähigkeiten und uns selber,
und stellen sie in deinen Dienst.
Wir danken dir auch für Brot und Wein.
Sie verbinden uns mit Jesus Christus,
unserem Bruder und Vorbild.
Im Teilen dieser Gaben wollen wir in seinem Sinn und Geist miteinander unterwegs sein.
Amen.

 

Ausklang

Ich träume von einer Kirche,
in der sich niemand fragen muss,
kann oder darf ich noch dazu gehören.
Ich träume von einer Kirche,
in der Menschen mit ihrer unterschiedlichen Art und ihrer eigenen Art zu glauben Heimat finden.
Ich träume von einer Kirche,
die ihr Potential in den Menschen sieht und sich freut an überfliessender Kreativität,
an Inspirationen, die Erneuerung bringen,
an Ideen, die begeistern.
Ich träume von einer Kirche,
die die Menschen ermutigt,
die eigenen Fähigkeiten zu fördern und einzubringen,
die sie bestärkt, den je eigenen Glaubensweg zu finden und zu gehen,
die den Menschen zuhört und von ihren Erfahrungen lernt,
die den Menschen zutraut,
selber herauszufinden zu können, was ihnen und ihrem Leben Sinn gibt.
Ich träume von einer Kirche,
die in ökumenischer Verbundenheit gemeinsam Glaubens- und Tischgemeinschaft feiert,
die dem Lachen und dem Humor wieder mehr Raum gibt und nicht alles todernst nimmt,
die für Ehrlichkeit, Transparenz und Aufrichtigkeit kämpft und Lügen, Verheimlichungen und Doppelbödigkeit den Gar aus macht.
Ich träume von einer Kirche,
die Ostern lebt,
Erstarrtes loslässt,
Bewegung und Aufbruch zulässt,
Dunkles ans Licht bringt
und Wege in die Lebendigkeit sucht und geht.

 

Segen

Der belebende und befreiende Gott
segne und behüte uns.
Er führe uns immer wieder
an den Puls des Lebens
und
zu den Herzen unserer Mitmenschen
und erfülle uns mit seinem Geist.
So segne uns der gütige Gott,
Vater, Sohn und Hl. Geist.
Amen.

«Welche Kirche wollen wir?» Predigt zur „Heidenfrage“, Apg 15 (6. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C)

Liebe Mitfeiernde

Wir stehen im Kirchenjahr noch in der Osterzeit. Doch in der Kirchengeschichte befinden wir uns dort, wo sich die christliche Botschaft verbreitet, wo christliche Gemeinden gegründet werden und wo sie sich viele offene Fragen klären müssen.

Immer mehr werden nicht nur Juden durch die Botschaft Jesu angesprochen, sondern auch Nicht-Juden, sogenannte Heiden, finden zum christlichen Glauben. So stellen sich plötzlich neue Fragen wie z.B., ob ein Nicht-Jude zuerst Jude werden muss, um Christ werden zu können, oder nicht.
Es hat sich so ganz konkret die Frage gestellt: Muss ein Heide beschnitten werden, um Christ sein zu können?
Um diese sogenannte «Heidenfrage» hat es heftigen Streit gegeben.
Einige Leute von Judäa haben die Beschneidung und das Einhalten aller jüdischen Gesetze als zwingende Bedingung für die Aufnahme in den christlichen Glauben gesehen. Die junge, dynamische Gemeinde von Antiochia, aber auch Petrus, Paulus und andere haben diese Hürde klar abgelehnt.

Um bei diesem Streit eine Lösung zu finden, sind Paulus und Barnabas aus Antiochia nach Jerusalem geschickt worden zu den Aposteln, den Ältesten und der Jerusalemer Gemeinde, um dieses Streitfrage zu klären.
Dort hat man sich darauf geeinigt, dass Menschen, die von der Botschaft Jesu begeistert sind und zum Christentum gehören wollen, keine zusätzlichen Hürden in den Weg gelegt werden sollen. Sie müssen sich nicht an sämtliche jüdischen Gesetze halten, sondern nur an einige Speiseregeln und an die Unzuchtsregel. Von der Forderung der Leute aus Judäa bzgl. der Beschneidung hat man sich in dieser Lösung jedoch klar distanziert, und anderem auch deswegen, da Petrus der Meinung war, dass Gott nicht so kleinlich ist wie diese Forderung vermittelt, sondern grosszügiger ist als wir Menschen, und auch deshalb, weil mit den Heiden-Christen gute Erfahrungen gemacht worden sind.
Dieser Lösungsvorschlag, der auf diese Weise miteinander erarbeitet worden ist, ist dann auch in Antiochia gut aufgenommen worden.

Liebe Mitfeiernde

Diese ganze Geschichte rund um die Frage, was es braucht, um zur christlichen Gemeinschaft dazu zu gehören, hat mich natürlich sofort auf unsere Situation in der Kirche von heute blicken lassen.

Denn dieses Thema ist in der katholischen Kirche ja hoch aktuell und höchst brisant.
So stellt sich einerseits für viele die Frage, kann ich mich noch mit dieser Kirche identifizieren? Gehöre ich noch dazu?
Und andererseits gibt es auch einige Kreise in der Kirche, die gerne anderen unterstellen, dass sie nicht mehr katholisch sind. Einige davon gehen sogar so weit, dass sie dies selbst dem Papst unterstellen.

Auch ich selber habe mir diese Frage seit meiner Jugendzeit immer wieder gestellt. Und auch vor gut 2 Jahren als ich mich für diese Stelle beworben hab, als Seelsorger in Horw, habe ich mir vorher überlegt, ob ich mit meinen Anliegen, mit meinem Glauben und mit meinen Sehnsüchten und Hoffnungen in dieser Kirche noch Platz habe. Und es gibt immer wieder neue solche Momente, in denen diese Frage wieder aktuell wird, v.a. dann, wenn sich Divergenzen zeigen in bestimmten Haltungs- und Glaubensfragen.

Doch: Wer entscheidet, wer katholisch ist oder nicht? Wer entscheidet, wer dazu gehört und wer nicht? Wer setzt Grenzen und erstellt Bedingungen? Wer bestimmt über sogenannt richtig oder falsch?

Es gibt immer wieder Menschen, die meinen, sie sind diejenigen, die dies alles bestimmen können und die genau zu wissen meinen, wer dazu gehört und wer nicht, wer noch katholisch ist und wer nicht. Doch, ganz ehrlich, ich denke, die sind auf dem Holzweg.

Denn wenn wir einen Blick in die Kirchengeschichte machen, merken wir schnell, dass diese Frage der Zugehörigkeit immer ein Prozess gewesen ist und auch immer sein wird. Denn Glauben lebt. Er besteht aus überlieferten Erfahrungen, die in biblischen und anderen religiösen Texten festgehalten sind, aber eben auch aus aktuellen Erfahrungen jeder einzelnen Person. Er besteht aus Traditionen, Richtlinien und Glaubenssätzen, aber eben auch aus der Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Frage, was bewährt sich im Alltag und was ist sinnvoll und vernünftig.

Natürlich gibt es die biblischen Texte, Dogmen, den Katechismus und das Kirchenrecht, mit dem gerne Grenzen gezogen werden und entschieden wird, wer ausserhalb des katholischen Glaubens steht und wer drin. Doch so einfach ist es nicht.

Denn all diese Text sind nicht nur in einer bestimmten Zeit, von bestimmten Menschen, mit bestimmten Ansichten geschrieben worden, sondern diese Texte unterliegen immer auch der Interpretation von Menschen und müssen ihren Wert in der Auseinandersetzung mit dem Leben und den Menschen mit ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Werten beweisen.

Wer dazu gehört und wer nicht, ist also gar nicht so einfach zu beantworten, wenn überhaupt. Doch ist dies wirklich eine Frage, die wir stellen und beantworten wollen? Wollen wir wirklich definieren, wer ausserhalb der Grenzen des katholischen Glaubens steht?
Wärs nicht schöner, anstatt Grenzen zu setzen und auszuschliessen, sich an der Vielfalt der unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Sehnsüchten und Hoffnungen zu freuen und miteinander darüber auszutauschen, welcher Glaube mir persönlich hilft in Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens?
Und wärs nicht wünschenswert, anstatt zu fragen, wer gehört dazu und wer nicht, vielmehr fragen, wie kann sich jemand in der Kirche zuhause fühlen? Wie kann sich jemand zugehörig fühlen und Heimat in der Kirche finden? Und wie können sich Hürden, die dies verhindern, wegräumen?

So wie die einen in den Anfängen des Christentums gefunden haben, dass sich alle Christen an alle jüdischen Regeln halten und beschnitten werden müssen und stur an diesen Traditionen festhalten wollten, und Paulus, Petrus und andere gesagt haben, nein, das sind unnötige Hürden, dies sind Traditionen, die wir nicht brauchen, sondern uns am Leben hindern, stehen wir heute vor ganz ähnlichen Fragen. Und so wie sich dafür entschieden haben, sich auf die Grosszügigkeit Gottes zu beziehen und auf Jesus, der die Menschen über die Gesetze gestellt hat, und somit den Weg für neue Christinnen und Christen zu ebnen und nicht mit Hindernissen vollzupflastern, so gibt es auch heute so viele Fragen, in denen ich mir wünschen würde, dass damit mehr in der Art von Paulus und Petrus umgegangen würde.

So wünsche ich mir dies beispielsweise auch bzgl. dem Anliegen, Frauen in der Kirche mehr Rechte zu geben, dass sie wie die Männer den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern erhalten.

Immer wird da zunächst überprüft, ob dies Tradition gewesen ist oder nicht, und dabei wird m.E. viel zu wenig die Frage gestellt, würde dies nicht der Lebenshaltung und dem Menschenbild von Jesus entsprechen, der die Menschen als gleichwertig angesehen, ihnen etwas zugetraut und sie gestärkt hat, und würde es nicht einfach auch Sinn machen und dem gesunden Menschenverstand entsprechen.

Ich fände es mehr als notwendig, wenn wir uns mehr von diesem vertrauensvollen Geist von Jesus und von den frühen Christengemeinden inspirieren lassen würden. So würde ich mir wünschen, dass nicht nur neuen Ideen, Wegen und Möglichkeiten und der Vernunft Vertrauen geschenkt würde, sondern auch den Menschen, und ihnen, Männern und Frauen, die Chance gegeben wird, Kirche kreativ weiterzuentwickeln.
Und ich wünsche mir auch, dass die Menschen in ihrem eigenen Glauben gestützt und gefördert und wertgeschätzt werden, um ihre für sie passende Spiritualität finden und entfalten zu können und teilen zu können. Ebenso wünsche ich mir auch, dass in der Kirche immer mehr auch Freude sich ausbreiten kann an den vielen wertvollen Erfahrungen, Gedanken und Inspirationen, die Menschen bzgl. Gott und dem Umgang miteinander und dem Leben haben.
Wäre es darum nicht schön, wenn wir mehr auf diese Möglichkeiten und Ressourcen setzen würden, als unser Augenmerk auf die Grenzen zu fokussieren und auszugrenzen?

Das ist das, was ich mir persönlich wünsche, um mir die Frage weniger stellen zu müssen, bin ich in dieser Kirche noch zuhause und darf ich noch dazu gehören. Und ich denke, es ist auch das, was vielen anderen Menschen helfen würde, sich in der katholischen Kirche noch dazugehörig zu fühlen, wenn mehr Vertrauen statt Argwohn, mehr Freude anstatt Angst, mehr Ehrlichkeit statt Doppelbödigkeit und Verheimlichungen, mehr Kreativität und Sich-Öffnen für den Hl. Geist statt Erstarren in Traditionen und mehr Menschlichkeit statt Gesetzlichkeit gelebt wird.

So würde ich gerne unsere Kirche in die Zukunft schreiten sehen. Und dann kommen wir m.E. auch dem Näher, was in Joh-Ev. beschrieben ist mit dem Wohnen in der Einheit mit der Liebe, mit Jesus und mit Gott.
Denn dann bietet auch die Kirche Wohnung und damit Heimat für alle Menschen, die gerne mit ihr auf dem Weg sein möchten, und die Verbundenheit untereinander, mit Jesu Geist und mit Gott, als Ursprung, Quelle und Kern des Lebens wird für alle spürbar.

Amen.

Ohne Auferstehung kein christlicher Glaube?

Immer wieder wird von Christen behauptet, ohne die Auferstehung gäbe es keinen christlichen Glauben.

Für mich ist dies ein Affront gegen die Botschaft und das Leben von Jesus.

Denn sein Leben und seine Liebe, die er sich auch von dem androhenden Tod nicht hat nehmen lassen, hat seinen Wert auch ohne Auferstehung, resp. ist m.E. das Wesentliche an der christlichen Botschaft.

Der Glaube an die Auferstehung ist vielmehr das Vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende von allem ist und der Hass nicht siegen soll.

Die Auferstehung jedoch ist weder bei Jesus noch bei uns etwas, das sich fotografieren oder beweisen liesse, resp. gelassen hätte.

Genauso ist es mit den Erscheinungen. Sie zeigen m.E. v.a. innere Auseinandersetzungen der Jüngerinnen und Jünger Jesu nach seinem Tod auf wie das Entsetzen, das die Frauen hatten, nach dem Auffinden des leeren Grabs. Es sind Trauerverarbeitungen und ein Suchen nach dem „Wie weiter?“.

Den Glauben jedoch an ein Leben nach dem Tode gibt es seit es Menschen gibt.

Darum ist für mich der Kern des christlichen Glaubens Jesu Herzblut und sein Leben, sein befreiendes und ermutigendes Handeln, das den Menschen über das Gesetz stellt im Gegensatz zum Kirchenrecht und zur kath. Obrigkeit. Ebenso hat Jesus hervorgehoben, wie die Schriftgelehrten den Glauben und den Weg zu Gott verwalten wollen, was heute wie damals nach wie vor der Fall ist. Päpste, Kardinäle und Bischöfe meinen auch heute, sie wüssten, was die Wahrheit ist und welcher Glaube der richtige und welches Handeln das richtige ist!! Also hört auf, Jesus als Herr, Gott und Auferstandenen zu ehren, sondern ehrt ihn, indem ihr seine Botschaft ernst nehmt!