Ostergedanken zu Lk 24,13-32 (Weg nach Emmaus)

Liebe Leserinnen und Leser

Ist es Ihnen auch schon so ergangen, dass eine ganz bestimmte Situation in ihnen starke Erinnerungen an eine geliebte, verstorbene Person geweckt hat und diese Person für sie dann sehr präsent war?
Vielleicht war der Auslöser hierfür z.B. ein Ort, bestimmte Bilder, Gerüche oder ein Musikstück?

Die beiden Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus haben aus meiner Sicht nach dem Tod Jesu wohl eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht.

Beim Brotbrechen mit einem in diesem Moment noch Fremden wird für sie im Laufe des Abends plötzlich Jesus sichtbar, ja man könnte vielleicht auch sagen, dass in dieser Begegnung mit dem Fremden, seinem Mitgehen auf dem Weg, seinem Dasein für die Jünger und seinem Beten und seinem Teilen des Brotes Jesus durchscheint. Das gemeinsame Reden unterwegs, das gemeinsame Beten und Essen hat in ihnen wohl Erinnerungen anklingen lassen an die gemeinsame Zeit mit ihrem verstorbenen Freund, und hat Jesus für sie auf einmal ganz präsent und auch spür- und sichtbar werden lassen.

Dies ist m.E. nicht nur eine Erfahrung, die diese beiden Jünger mit Jesus gemacht haben, sondern eine Erfahrung, die ganz ähnlich von verschiedenen Menschen, die eine geliebte Person verloren haben, immer wieder gemacht wird.

So steigen bei einer Person vielleicht beim Backen von Osterfladen, mit dieser Handlung und dem damit verbundenen Geruch Erinnerungen auf ans gemeinsame Backen mit der verstorbenen Mutter. So ist sie dann plötzlich ganz nah und scheint einen Moment lang wirklich spürbar zu sein. Und vielleicht ist sie das ja auch, so wie auch die Jünger bei Jesus davon überzeugt gewesen sind.

Genauso wie eben auch bei Jesus hör ich auch immer wieder von Angehörigen, die von Augenblicken berichten, in denen sie wirklich so fest die Nähe der verstorbenen Person spüren, dass sie überzeugt sind, dass die geliebte Person, die sie verloren haben, da ist. Und diese Möglichkeit ist m.E. keineswegs auszuschliessen, denn ich bin davon überzeugt, dass es mehr gibt, als wir sehen und mit äusserlichen „Fakten“ belegen können.

Doch vielfach gehen solchen Erfahrungen Gefühle, Gerüche, Bilder voraus, die Erinnerungen wachrufen und wie ein wertvoller Schatz sind. Diese Erinnerungen schliesslich bilden dann eine Art Brücke zur verstorbenen Person und holen diese Person sozusagen wieder in die Gegenwart.

Ganz ähnlich erscheint es mir wie bereits erwähnt im gehörten Bibeltext aus dem Lukasevangelium.

Für mich ist diese gesamte Erzählung vom Weg der Jünger nach Emmaus, weg von Jerusalem, wo sie den Tod von ihrem Freund erleben mussten, wie ein Weg der Trauerbewältigung mit den vielen Facetten und Aspekten, die sich dabei zeigen können.

Die beiden Jünger, die in tiefer Trauer sind, spüren zunächst wohl, dass sie in diesem Moment nicht allein sein möchten und gehen darum gemeinsam nach Emmaus. So hab ich auch schon bei vielen trauernden Menschen erfahren, wie sie froh sind, wenn sie jemanden haben, der / die sie begleitet, obwohl es natürlich auch Menschen gibt, die dann lieber allein sein möchten.

Die Jünger haben Schmerz, Verzweiflung und Leere durch diesen Verlust erfahren und halten es nicht mehr aus in Jerusalem. Sie brauchen Distanz. Auch dies kann eine Erfahrung sein, die der eine oder die andere als Bedürfnis in dieser Zeit wahrnimmt.
Nach einem Verlust eines geliebten Menschen machen viele sowohl hilfreiche und tröstende Erfahrungen mit ihren Mitmenschen wie auch irritierende und unpassende, vielleicht sogar verletzende.
Oft sind gutgemeinte Ratschläge oder fromme Sprüche eher abträglich. Was aber eher helfen kann, ist, wenn Menschen einem zuhören, einen zu verstehen versuchen und einfach da sind und dabei spürbar wird, dass sie innerlich mitgehen. Ebenso unterstützend kann sein, wenn Menschen für einen da sind, die nachfragen und sich wirklich für einen interessieren, Menschen vielleicht sogar, die mit einem gemeinsam danach suchen, was in diesem schwierigen Moment Halt geben kann und die auch bei einem bleiben, wenn es Nacht wird, wenn die Dunkelheit spürbar wird.
Das sind alles Elemente, die ich bei dem Fremden wahrnehme, der die Jünger begleitet und den sie schliesslich als ganz Vertraut, als ihren verstorbenen Freund Jesus wahrnehmen, nachdem sie mit ihm all ihren Schmerz teilen konnten.

Jesus wird ihnen dann mit seinem Leben und Handeln so stark in Erinnerung gerufen, dass er greifbar da ist mit ihnen am gemeinsamen Tisch.
Er, der mit ihnen zunächst ganz still mitgegangen ist und ihren Gedanken gelauscht hat, die sie ausgetauscht haben. Er, der nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich mitgegangen ist, der sich für sie und das, was sie beschäftigt, interessiert hat. Er, der ihnen geholfen hat, wieder Sinn im Leben zu finden.

Dies hat die Jünger berührt und es hat ihnen gut getan, dass sie auch am Abend, als es dunkel geworden ist, nicht alleine waren.

Dann haben sie gemeinsam gebetet und auch Gott gelobt und gedankt und das Brot geteilt so wie sie vorher auch all das geteilt haben, was sie in ihrem Herzen bewegt und beschäftigt hat.
Bestimmt haben sie auch gedankt für all die lichtvollen Momente, die sie zusammen mit Jesus erlebt haben, mit diesem Menschen, den sie nun so sehr vermissen.
Doch genau in diesem dichten Augenblick des
wohltuenden Zusammenseins und der Erinnerung an ihren geliebten Freund gehen ihnen die Augen auf und sie sehen, wer da bei ihnen gewesen ist und wie er ihnen eigentlich nicht nur Brot, sondern wie er ihnen so vieles gegeben hat, sowohl im Leben wie auch darüber hinaus, auf diesem Weg, den sie gegangen sind.
Und sie spüren, wie sehr es ihnen gut getan hat, wie sehr ihr Herz beim Unterwegs-Sein mit Jesus gebrannt hat.

Ich denke, dass diese spürbare Liebe, die da im Raum war, ein Auslöser dafür war, dass sie wahrgenommen haben, wie ihr geliebter Freund da in ihrer Mitte ist, ganz lebendig, ganz präsent.

Doch dann beginnen sie vielleicht darüber nachzusinnen und damit entschwindet Jesus vor ihren Augen wieder und dieser Moment ist wieder vorbei.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

Ich weiss nicht, wie es Ihnen mit dieser Erzählung geht, aber mich berührt dieser Text jedes Mal wieder neu und wie bei den Jüngern fängt auch mein Herz dabei an zu brennen. Denn es ist so, wie ich mir auch selber in Zeiten der Trauer, der Not und des Leids wünsche, von Mitmenschen begleitet zu werden und für mich selber ist es auch das, was ich als Seelsorger für meine Mitmenschen sein möchte: ein Begleiter, ein Mensch, der zuhört,
der ganz mitgeht mit dem Gegenüber, der ihn oder sie wahrnimmt mit allem, was sie oder ihn beschäftigt. Zudem ist es mir ein Anliegen mit Nachfragen verstehen zu können, was mein Gegenüber bewegt und welche Fragen und Gefühle da sind.
Und wie Jesus bei den Jüngern Sinn ins Ganze gebracht hat, möchte auch ich mit meinen Mitmenschen gemeinsam auf der Suche sein, nach dem, was Sinn und Halt geben kann und versuchen, Zusammenhänge zu erkennen, wo welche gegeben sind.
Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst, dass es im Leben auch immer wieder Momente gibt, in denen nichts anderes bleibt, als auch Sinnlosigkeit auszuhalten. Gerade dann bin ich als Mitmensch meist aufgefordert, das Bedürfnis, die Sehnsucht und den Wunsch wahrzunehmen, der im Raum ist. Oft ist dann auch der Wunsch da, den die Jünger gegenüber Jesus geäussert haben: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Dann geht es einfach nur darum, dabei zu bleiben, da zu sein, oft einfach nur zuzuhören und manchmal gemeinsam zu ringen mit den Fragen, die sich dann stellen, und so etwas Trost zu bieten.

Wir alle stehen in einer momentan sehr schwierigen Zeit, in der wohl viele von uns grosse Sehnsucht haben nach Begegnungen und dass jemand da ist, der uns zuhört und uns begleitet.
So wünsche ich uns allen, dass wir uns in dieser Zeit beistehen und begleiten können, auch wenn es nur am Telefon oder mit den Worten in einem Brief oder dem Denken an die andere Person ist.
Gleichzeitig wünsche ich uns aber auch, dass wir in dieser schwierigen Zeit, in der wir stehen und die für viele eine persönliche Fasten- und Passionszeit darstellt, möglichst bald Lichtblicke und Anzeichen neuen Lebens spüren und so sozusagen „Auferstehung“ erfahren dürfen in unserem Alltag, körperlich, psychisch und finanziell.
So hoffe ich für uns alle, dass wir einander bald wieder in die Arme nehmen können und wieder mehr physische Nähe möglich wird.
Und ganz im Sinne der Erfahrung der Jünger auf dem Weg nach Emmaus wünsche ich Ihnen auch auf ihrem eigenen Weg immer wieder Menschen, die für Sie da sind, die Ihnen vertraut sind oder vertraut werden und mit Ihnen mitgehen, innerlich wie äusserlich.
Mögen Sie sich immer wieder getragen fühlen dürfen, sei es durch diese vertrauten Personen, durch die Liebe, die sie miteinander verbindet, aber auch durch Gott und die Lebenskraft, die in Ihnen fliesst.
Amen.

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