„Du bist meine geliebte Tochter / mein geliebter Sohn“: Predigt zur Taufe Jesu (Mt 3,13ff.)

Liebe Mitfeiernde

Heute feiern wir die Taufe von Jesus. Jesus hat sich aber nicht wie heute üblich als Kind taufen lassen, sondern als Erwachsener.
So war es auch in den christlichen Kirchen lange üblich und so hat dies auch Johannes vollzogen.
In den christlichen Kirchen war es damit ein bewusster Schritt hin zum christlichen Glauben und ein bewusstes Ja in der Nachfolge von Jesus.
Bei Johannes wiederum ist die Taufe ein Zeichen des Willens zur Umkehr und ein Ritual zur Vergebung der Sünden.
Wer sich von ihm taufen lässt, will seine Sünden abwaschen und taucht unter als alter Mensch und auf als erneuerter Mensch. So ist zumindest die Hoffnung. Doch wir wissen natürlich, dass dies keineswegs so einfach ist.

Die einen würden jetzt wahrscheinlich sagen: „Jesus hat diese Taufe ja gar nicht nötig“. Doch viele Deutungen sehen darin eine Art Solidarisierung von Jesus mit den Menschen, die Sünde und Schuld erfahren.

Ich selber sehe in der Taufe Jesu vor allem, wie er eine ganz andere Dimension hineinbringt.
Denn bei ihm steht nicht mehr die Sünde und die Reinwaschung davon im Zentrum, sondern die Liebe. Die Taufe wird hier zu einer Art Liebeserweis, zu einem Zeichen der Liebe von Gott zu Jesus.

Sichtbar wird dies mit dem Sich-Öffnenden Himmel und dem Geist Gottes, der wie eine Taube zu Jesus herabkommt.
Bei Matthäus ist dann die Rede von einer Stimme aus dem Himmel, die sagt: «Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.»
Bei Lukas und Markus steht dieser Satz in einer mir sympathischeren, persönlicheren Form. Da lautet die Zusage nämlich: «Du bist mein geliebter Sohn. An Dir hab ich mein Wohlgefallen gefunden.»

Die Taufe in diesem Sinne als Liebeszusage trägt viel Kraft in sich. Und ich bin sicher, dass Jesus dadurch viel zusätzlichen Schub, Motivation und Schwung bekommen hat. Denn es ist wie ein positiver Motor für sein Handeln und Wirken.
So bringt die Taufe von Jesus für mich ein Wechsel des Schwerpunkts mit sich, weg vom Fokus auf Schuld und Sünde hin zur Stärkung des Positiven und Aufbauenden.
Denn m.E. hat ein stärkendes Wort wie «Du bist mein geliebter Sohn» oder «Ich liebe Dich» mehr Kraft als ein Blick auf Sünde und Schuld oder Hinweise auf Fehler und eine Zurechtweisung.
In der Zeit, in der ich selber taufen konnte, habe ich stets diesen positiven Aspekt betont und die Liebe von Gott aufgezeigt und natürlich auch die Freude am neuen Leben sichtbar gemacht, die bei einer Kindertaufe kurz nach der Geburt auf der Hand liegt. Und bei uns heute ist die Taufe ja auch eine Aufnahme in die christliche Gemeinschaft, die ebenso eine tragende und stärkende Kraft haben soll wie eben auch diese Liebeszusage von Gott.
Denn ich habe auch bei meinen Kindern die Erfahrung gemacht, dass es oftmals viel hilfreicher und sinnvoller ist, wenn ich ihnen in Zeiten, in denen vieles schief läuft oder auch wenn sie sich schuldig fühlen, zeige, mitteile und zu spüren gebe, wie sehr ich sie liebe. Vorwürfe zu machen ist dann meist nur kontraproduktiv, denn eigentlich ist in ihnen meist alles da, was sie an Ideen und Optionen brauchen, um die Schwierigkeiten und das eigene Scheitern angehen zu können.
Ich denke schon, dass es im Leben auch Momente gibt, in denen es wichtig ist, Zerstörerisches, Ungerechtigkeit, Gewalt usw. beim Namen zu nennen und zu verurteilen.
Doch ich denke, dass viel Leid und Unrecht verhindert werden könnte, wenn sich mehr Menschen auf dieser Welt geliebt fühlen würden und dieses Gefühl auch anderen weitergeben könnten. Denn ich bin davon überzeugt, dass dieses Gefühl, dieses Wissen dazu beiträgt, weisere, friedvollere und gerechtere Entscheide fällen zu können und besser mit schwierigen Situationen umgehen zu können.
Für mich ist deshalb die Taufe von Jesus ein bildhaftes Beispiel, das die riesige Kraft aufzeigt, die in einer solchen Zusage liegt, die Jesus dort am Jordan zugesprochen bekommen hat.
Denn er hat danach auf seinem weiteren Lebensweg so viele Menschen aufrichten können, sie geheilt, sie befreit aus Verstrickungen und Schuld, sie ermutigt, sie trotz ihrer Fehler angenommen und gezeigt, dass das wichtigste die Liebe ist.

Bei alldem, da bin ich überzeugt, hat er stets die Liebe gespürt, die ihm von Gott zukommt und auch um die Liebe gewusst, die seine Eltern für ihn haben.
Das ist ein Rucksack, der nicht schwer und mühsam ist, sondern der antreibt, der wie ein Motor Kraft gibt. Und dieses Wissen, dieses Gefühl, geliebt zu sein, geht so tief, dass es wie eine stets sprudelnde Quelle ist, aus der in jedem Moment geschöpft werden kann.
Aus dieser Quelle, aus dieser Liebe von Gott, hat Jesus sein ganzes Leben lang geschöpft und konnte so zu einer hoffnungsvollen Person werden, die auch die Evangelisten in ihm gesehen haben.
Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass sie ihn mit der hoffnungsvollen Figur des Gottesknechts verglichen haben, von dem im Jesajabuch steht, dass er den Nationen das Recht bringt und Menschen aus der Gefangenschaft und vom Dunkel ins Licht führt.
Dieser Gottesknecht, diese literarische Figur, die mit vielen verschiedenen Personen in Zusammenhang gebracht worden ist, hat in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft, im Exil, Hoffnung verbreitet.
Und Jesus hat in der Zeit, in der er gelebt hat, ebenso den Menschen Hoffnung sein können, indem er so vielen Menschen Licht und Linderung der Not gebracht hat.
Doch damit Jesus zu dieser hoffnungsvollen und heilvollen Person werden konnte, brauchte es m.E. diese Worte der Liebe, die Jesus in der Taufe gespürt hat, und die Gewissheit, von Gott geliebt zu sein. Und dies hat sein ganzes Leben geprägt, wie wir in seinem Handeln und Wirken erkennen können.

Und ich bin überzeugt, dass eine solche Zusage wie «Du bist mein geliebter Sohn» / «Du bist meine geliebte Tochter» und das tiefe Wissen darum und der tiefe Glaube daran auch uns beschwingt und hilft, das Leben mit mehr Vertrauen, mehr Freude, mit mehr Charme und Zauber, wie wir am Anfang gesungen haben, und mehr positiver Energie gestalten zu können.
Hilfreich ist es natürlich, wenn wir dies vom Elternhaus so zu spüren und sozusagen mit auf den Weg bekommen haben.
Wenn dies aber nicht so erfahren werden konnte, ist es umso wichtiger, dass wir Liebe von unserer Partnerin oder unserem Partner oder von Freunden erfahren können.
Und nicht zuletzt finde ich, dass wie Jesus auch wir darauf vertrauen dürfen, dass uns auch Gott mit ganzem Herzen liebt und dass er auch zu uns sagt: «Du bist mein geliebter Sohn» / «Du bist meine geliebte Tochter».

Liebe Töchter und Söhne Gottes,
ich wünsche Ihnen, dass sie jeden Tag mehr auf der Basis dieser Liebeszusage leben und wirken können und dass sie so über sich selber hinauswachsen und immer wieder aus dieser sprudelnden Quelle schöpfen können.
Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s