„HüterIn-Sein‘: Predigt zur Geschichte von Kain und Abel mit Bezug zur Konzernverantwortungsinitiative

Zugrundeliegende Bibeltexte:

Gen 4,1-9 und Mt 25,31-40

Liebe Mitfeiernde

Der gehörte Text der heutigen Lesung von Kain und Abel ist eine Geschichte der Bibel, die ganz und gar nicht ein Beispiel einer heilen Welt aufzeigt.
Doch wie so viele biblische Erzählungen wird hier ein menschliches Problem dargestellt, resp. ein Einblick gegeben in die menschlichen Abgründe.
Kain und Abel wollen sich übertreffen in dem, was sie Gott darbieten können, in ihrem Opfer an Gott. Doch weil Gott nur auf das Opfer von Abel blickt, fühlt sich Kain nicht wahrgenommen und in ihm kommt Eifersucht hoch, die bis zum Mord führt.
In der Folge davon wird Kain von Gott gefragt, wo sein Bruder ist und ganz scheinheilig antwortet Kain: «Bin ich denn der Hüter meines Bruders?»
Er entzieht sich damit jeglicher Verantwortung und tut so, als ob er mit dem Verschwinden, ja mit dem Mord von Abel rein gar nichts zu tun hat.

Ja, sind wir Hüter unserer Schwestern und Brüder? Sind wir Hüter der Schöpfung, die uns anvertraut ist?
Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand: Es ist zumindest m.E. klar unsere Aufgabe, füreinander Hüter zu sein, aufeinander Sorge zu geben, genauso wie dabei auch die uns anvertraute Schöpfung unserer Achtsamkeit bedarf.

Kain selber fühlt sich wahrscheinlich von Gott zum Spielball gemacht, weil er und sein Opfer nicht beachtet werden. Und tatsächlich kann man hier in dieser Geschichte nicht erklären, wieso Gott so handelt.
Und doch muss Kain für sein Handeln in der Folge davon, die vor einem Mord nicht Halt macht, Verantwortung übernehmen. Bruder- und Schwester-Sein sollte gerade nicht heissen, dass man einander fertig macht, sondern vielmehr dass einem am Geschwistern etwas liegt.
Und so sollte auch unser Mensch-Sein bedeuten, dass wir weder einander noch die Natur ausbeuten oder schädigen. Denn wir sind durch unseren Schöpfer, unsere Schöpferin alle in einer Art Geschwisterschaft, die alles Leben umfasst, miteinander verbunden. Und wir sind, um leben zu können, darauf angewiesen, dass wir in einer Balance leben und dem Leben dienen.

Auch der Text aus dem Matthäusevangelium weist uns darauf hin, wie wichtig es ist, dass wir zueinander Sorge tragen und uns umeinander kümmern. Es ist die starke Kraft der Nächstenliebe, die hier in den Worten von Jesus zum Ausdruck kommt. Und Liebe ist immer grenzen- und bedingungslos und so umfasst sie auch die ganze Schöpfung.

Wir sind aufgefordert, nicht wie Kain, nur den eigenen Vorteil vor Augen zu haben und uns von unserem Neid und dem Gedanken, mehr sein und mehr haben zu wollen, lenken zu lassen, und damit über Leichen zu gehen, sondern wir sollen als erwachsene Menschen leben, die aufrecht voreinander und vor Gott stehen und einstehen für unser Tun und Lassen und sich der eigenen Verantwortung bewusst sind.

Diese Verantwortung stellt auch die Konzernverantwortungsinitiative in den Mittelpunkt. So soll nicht die Ausrede gelten, dass man nicht der Hüter ist für seine Mitmenschen und die Umwelt, sondern es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man für verursachten Schaden aufkommt und dass darauf geachtet wird, dass gar nicht erst Schaden entsteht.

Liebe Mitfeiernde
Ich selber würde behaupten, dass, wenn man die ganze Schöpfung als von Gottes Geist durchflutet anschaut, man gar nicht anders kann, als sich verantwortlich zu fühlen für das Wohlergehen für jedes Geschöpf und die ganze Natur in Bezug auf den Einfluss, den das eigene Handeln darauf hat. Und so macht es einen dann auch betroffen, wenn etwas zerstört wird.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass auch die Schweizer Bischöfe diese Initiative unterstützen und auch dem Papst selber ist die Sorge zur Umwelt ein grosses Anliegen, das er besonders in der Enzyklika «Laudato Si» entfaltet hat.

«Heb Sorg» haben wir letztes Jahr im Herbst als zentrales Motto in den Schöpfungswochen in die Mitte gestellt. Und «Heb Sorg» ist m.E. auch das Grundanliegen, das hinter der Konzernverantwortungsinitiative steht und das auch in den heutigen Bibeltexten eine Hauptbotschaft darstellt.

Und auch wenn die Konzernverantwortungsinitiative nicht weiter verfolgt werden sollte, weil ein Gegenvorschlag zum Zug kommt, ist doch das Verantwortung-Übernehmen und Sorge-Tragen-Zueinander ein Thema, das immer wieder in politischen und sozialen Fragen ein entscheidender Punkt ist. Und so stellt sich auch immer wieder die Frage, wieviel Leid, Schaden und Zerstörung darf man in Kauf nehmen, um den Gewinn zu optimieren oder Arbeitsplätze zu schaffen usw. Gerade das Arbeitsplatz-Argument wird ja sehr gerne als Totschlag-Argument genutzt, um jegliche Kritik auszuschliessen.
Genauso oft wie auch Theologen kritisiert werden, die politisch Stellung beziehen, und ihnen zu Verstehen gegeben wird, dass sie sich aus der Politik fern zu halten haben.
Doch halte ich dem entgegen, dass gerade Jesus Auftreten auch sehr politisch war. Er hat oft klar Stellung bezogen und sich besonders auf sozialer Ebene stark engagiert.
Und für mich gibt es Anliegen, die zutiefst christlich sind, und dazu gehören eindeutig die Sorge zur Natur und auch die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bzgl. Umgang mit eigenen Fehlern, mit selber verursachten Schäden und das dafür einstehen und gerade Stehen. Und somit das Übernehmen der Verantwortung.

Liebe Mitfeiernde

Dieses Thema der Verantwortung, der Konzernverantwortung, ist natürlich auch ein Thema, das jeden einzelnen von uns betrifft.
Und so ist es auch meine eigene tägliche Herausforderung, dass ich dazu stehe, wenn ich selber etwas verursacht habe, was Schaden angerichtet hat, und auch versuche, dies so gut es geht, wieder gut zu machen. Und genauso ist es mir ein Anliegen, Sorge zu tragen zu meinen Mitmenschen, aber auch zur Natur, die unser Leben überhaupt erst möglich macht.

Und so sind wir doch auch jeden Tag neu herausgefordert, auf die Frage «Bin ich der Hüter meines Bruders» mit Ja zu antworten.
Amen.

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