„Ausgleichende Gerechtigkeit?“: Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C

Liebe Mitchristen
«Es war einmal ein reicher Mann …»: Damit beginnt Jesus im Lukasevangelium seine Erzählung und schildert sie damit wie ein Märchen. Ja, auch bei den drei Wünschen, die Abraham dem reichen Mann gewähren soll, tönt diese Geschichte sehr märchenhaft. Nur werden diese Wünsche hier nicht erfüllt, sondern verweigert.
Und tatsächlich geht man davon aus, dass hinter dieser Geschichte ein altägyptisches Märchen steckt, resp. dass Jesus seine Erzählung zumindest daran anlehnt oder sie im Hinterkopf gehabt hat.
Es gibt verschiedene ägyptische Märchen, die das Totenreich betreffen. Eines davon erzählt wie ein Gott, der Kind irdischer Eltern wird, seinen Eltern den Hades und das Paradies zeigt. Und darin wird aufgezeigt, dass wer auf Erden böse ist, auch im Totenreich Böses erfährt, und wer auf Erden gut ist, auch im Totenreich Gutes erfahren darf.
Also ganz ähnlich wie die Geschichte mit dem reichen Mann und Lazarus darlegt.
Wenn wir dies so betrachten, können wir m.E. durchaus behaupten, dass damit eine Jenseitsvorstellung geschildert wird, die eine Art «ausgleichende Gerechtigkeit» an den Tag bringt.
Ja, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass dieser Ausgleich eigentlich bei praktisch allen Jenseitsvorstellungen vorhanden ist, resp. bei allen Vorstellungen, die das Leben nach dem Tod betreffen.
So ist dies nicht nur in ägyptischen Erzählungen der Fall, sondern auch in griechischen Mythen. Denken wir z.B. an den Mythos von Sisyphos, der mehrfach Götter und Menschen überlistet und dem Tod entrinnt, danach aber bestraft wird, indem er in der Unterwelt immer wieder einen schweren Stein den Berg hoch rollen muss, der jedoch jedes Mal wieder hinunterrollt, was die Grundlage geworden dafür geworden ist, dass wir nie abgeschlossene, ergebnislose Arbeit als Sisyphusarbeit bezeichnen.
Auch in der späteren christlichen Vorstellung von Himmel und Hölle kommt ganz klar der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit zum Ausdruck, wo der gute Mensch in den Himmel kommt und damit belohnt wird und der schlechte Mensch in die Hölle, wobei da dann wieder die Frage nach unserem Gottesbild ins Spiel kommen würde: Was wäre das für ein Gott, der jemanden in die Hölle verbannen würde?
Auch in der Vorstellung eines Karma in hinduistischen und buddhistischen Glaubensströmungen, in dem unser Handeln stets einem Ursache-Wirkungs-Prinzip unterworfen ist und so mein Verhalten im Hier und Jetzt Auswirkungen hat auf meine weiteren Leben, die folgen werden, trägt für mich diesen Wunsch nach einem Ausgleich und nach einer Art Gerechtigkeit in sich.
Wenn wir diese verschiedenen Vorstellungen betrachten, was nach dem Tod des Menschen geschieht, denke ich, dass es eine grosse Hoffnung von uns Menschen ist, dass das Leben wenn nicht heute, dann doch irgendwann aufgeht, dass alles irgendwann Sinn macht und sowohl Leid wie auch Armut und Unrecht irgendwann ein Ende haben und wieder gut gemacht werden und dass es sowas wie Gerechtigkeit gibt.
So werden m.E. diese Gedanken und diese Hoffnung auch in der Erzählung vom armen Lazarus und dem reichen Mann zum Ausdruck gebracht.
Der Reiche kostet im Leben voll seinen Reichtum aus. Er kleidet sich in Purpur und feine Leinen und feiert täglich glanzvolle Feste.
Als Gegensatz dazu liegt vor der Tür des Reichen der arme Lazarus mit Geschwüren, die ihn plagen und die die Hunde lecken. Er geht leer aus und erhält nicht einmal die Reste, die vom Tisch des Reichen hinunterfallen.
Mit dem Tod jedoch ändert sich dann alles: Lazarus wird von den Engeln in Abrahams Schoss getragen. Und der Reiche wird einfach begraben und gelangt ins Totenreich.
Nun erleidet der Reiche Schmerzen und möchte Linderung seiner Not. Und er äussert in der Folge davon seine drei Wünsche, die er sich herausnimmt.
Und so möchte er sogar, dass Lazarus seine Wunden pflegt.
Doch Abraham legt ihm dar, dass er bereits viele Wohltaten erhalten hat und dass der Abgrund zwischen ihm und Lazarus unüberwindbar und tief ist.
Auch ein Warnen der noch-lebenden Brüder ist nicht möglich. Ebenso wenig dass ein Toter sie bekehrt.
Die Botschaft scheint damit zu sein, dass mit dem Tod nichts mehr möglich ist. Aufs Leben kommt es an. Auf den jetzigen Moment.
Dort, wo der Tod vorherrscht, da lassen sich keine Gräben mehr überwinden, da ist alles erstarrt und nichts mehr lässt sich verändern und bewegen.
Doch jetzt, in dem Moment, wo wir leben, da ist noch vieles möglich, da lassen sich die Abgründe zwischen arm und reich, zwischen gesund und krank, zwischen wohlbehalten und not-leidend noch überwinden.
Und das ist es, was m.E. zählt: der Moment, in dem wir sind und leben!
Und so will uns die heutige Erzählung aus dem Lukasevangelium aufs Heute verweisen und ermutigen, die verschiedenen Lazarusse in unserem Leben wahrzunehmen und uns ihnen zuzuwenden, seien es arme und bedürftige, seien es kranke oder unter Gewalt leidende Menschen oder sei es auch unsere Natur, die leidet.
Alle brauchen unsere Zuwendung und unsere Aufmerksamkeit.
Beide Bibeltexte wollen unseren Blick und auch unser Herz dafür frei machen. Sie wollen uns berühren, uns ansprechen und uns auffordern, dort zu handeln, wo wir Not lindern können.
Die märchenhafte Geschichte rund um Lazarus zeigt uns zwar eine Welt im Jenseits auf, doch will sie m.E. eben gerade nicht aufs Jenseits vertrösten und uns der Verantwortung entziehen, in dem wir denken können, im Jenseits wird’s dann schon gut.
Im Gegenteil: Diese Erzählung weist uns in die Gegenwart und will, dass wir hier und heute Gräben überwinden, Brücken zueinander bauen und miteinander teilen.
Gerne möchte ich meine Gedanken abschliessen mit einem russischen Märchen, das für sich spricht und ebenso unser Handeln in unserem Leben verändern will:
„Ein Rabbi kommt zu Gott: „Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel.“ – „Nimm Elia als Führer“, spricht der Schöpfer, „er wird dir beides zeigen.“ Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand.
Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf Aber die Menschen sehen mager aus, blass, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen.Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.
Die beiden gehen hinaus: „Welch seltsamer Raum war das?“ fragt der Rabbi den Propheten. „Die Hölle“, lautet die Antwort.
Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf.
Aber – ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt, glücklich. „Wie kommt das?“ Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitigin den Mund. Sie geben einander zu essen.
Da weiß der Rabbi, wo er ist.“

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