Bescheidenheit oder Erniedrigung, Demut oder Demütigung? Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C

Liebe Mitfeiernde
Wie ist es nun mit der Bescheidenheit? Ist sie eine Zier, eine Kunst, eine Tugend? Und lebt man besser ohne sie? Wann ist sie hilfreich und wann wird sie ungesund?
Für mich ist Bescheidenheit und auch Demut ganz klar eine Tugend. Doch nicht auf die Art, wie sie besonders oft in religiösem Kontext und auch in unserer Kirche oft gelebt worden ist und manchmal noch immer gelebt wird.
Bescheidenheit ist für mich eine Tugend im Sinne von Jesu Worten, dass man sich nicht den Ehrenplatz aussuchen soll und sich nicht in den Mittelpunkt drängen soll. Ebenso sehe ich auch eine Tugend darin, dass man sich selber nicht erhöht und aufbläht und nicht angibt und «plagiert».
Doch für mich hört Bescheidenheit auf, eine Tugend zu sein, wenn sie bedeutet, sich selber zu erniedrigen und klein zu machen. Auch damit, sich selber zu demütigen, habe ich Mühe.
Denn Bescheidenheit und Demut entspricht für mich, wenn sie gesund bleiben soll, weder einem Sich-Erniedrigen noch einem Sich-Demütigen. Man demütigt ja schliesslich auch nicht andere Menschen!
Doch leider bekomme ich immer wieder den Eindruck, dass in unserer Kirche nach wie vor die Tendenz besteht, dass Bescheidenheit oft im Sinne von Erniedrigung und Selbstdemütigung verstanden und gelebt wird, was ich sehr bedaure.
Ja, ich denke sogar, dass darin ein Grundproblem unserer Kirche besteht, dass nämlich das Klein-Sein und Sich-Klein-Machen oft überwiegt und zu stark die Sündhaftigkeit, die Schlechtigkeit und das Nie-Genügen-Können des Menschen hervorgehoben wird.
Stellen sie sich vor, wie sehr die Kirche hier aufbauend, bestärkend und lebensbejahend wirken könnte, wenn sie mehr auf das Gute im Menschen blicken würde, den göttlichen Kern, der in jeder Person liegt?
Mit dem Überbetonen der Sündhaftigkeit und dem Klein-Sein des Menschen jedoch wird viel Gutes erstickt und viel wirklich Grosses verhindert.
Wäre es nicht schöner, wenn wieder mehr die Schöpfung in Erinnerung gerufen würde, zu der der Mensch gehört und von der Gott gesagt hat, sie sei sehr gut, und zu der auch die schöpferischen, kreativen Kräfte des Menschen gehören?
Und wäre es nicht wünschenswert, wenn wir wegkommen könnten von diesem fragwürdigen Gottesbild, das m.E. dahintersteckt, das einen Gott darstellt, der strafend und rachsüchtig ist und der nur mit einem Opfer besänftigt werden kann und der dieses Opfer, das Jesus ist, benötigt hat, damit er uns unsere Sünden nicht nachträgt?
Wäre es nicht an der Zeit, uns von diesem erstickenden und bedrückenden Gottes- und Menschenbild zu verabschieden und dass wir den Fokus auch in liturgischen, kirchenrechtlichen und lehramtlichen Texten weniger auf die Schlechtigkeit und die Abgründe des Menschen richten, sondern das Gute im Menschen versuchen anklingen zu lassen und an einen Gott glauben und auf einen Gott vertrauen, der keine Opfer benötigt, um besänftigt und uns wohlgesinnt zu werden, sondern der uns wahrhaftig liebt?
Liebe Mitfeiernde
Ich finde es sehr schade, dass nach wie vor in vielen liturgischen Texten «Opfer», «Sühne», «Sünde» und das Ungenügen des Menschen so überbetont wird.
Ich habe persönlich auch Mühe damit, dass dieses Nicht-Genügen-Können oft auch vor dem Kommunionempfang hervorgehoben wird, mit den Worten: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.»
Dies ist ein Satz, der völlig aus dem Zusammenhang herausgerissen worden ist und nun häufig vor dem Kommunionempfang die Niedrigkeit des Menschen aufzeigen soll und die fehlende Würde, die der Begegnung mit Gott vorausgeht. Gesagt wurde er eigentlich von einem heidnischen Hauptmann, einem Mann des Militärs, dem die Sprache von Befehl und Gehorsam, von Unterwerfen vertraut war. Doch wir heute leben in einer anderen Welt und ich würde mir ein mehr partnerschaftliches Verhältnis auch zu Gott wünschen. Andererseits wollte der Kaufmann mit der Betonung des Nicht-Wert-Seins wohl auch hervorheben, dass er Heide ist und Jesus Jude und er damit ein Aussenstehender ist und als unrein angesehen wird.
Seit etwa 1300 Jahren wird mit diesem Satz in fast jedem Gottesdienst unser Ungenügen, unser Nicht-Genügend-Wert-Sein und unser «Unrein-Sein» betont.
Doch man könnte genauso gut einen aufbauenden, bestärkenden Satz wählen, der belebend wirkt und erfrischt und der das Gute in uns anklingen lässt.
Denn Gott hat keine unwürdigen Wesen erschaffen, sondern Abbilder seiner selbst.
Ich muss ehrlich eingestehen: Ich lasse jeweils das «Nicht» im Satz «Herr, ich bin nicht würdig» weg, da es für mich einfach nicht stimmt und ich eine andere Grundhaltung und Glaubenssicht in mir trage.
Denn ich glaube daran, dass Gott uns als aufrechte Wesen erschaffen hat, mit aufrechtem Gang, die auch mit erhobenem Haupt vor Gott stehen dürfen, und sich nicht niederwerfen müssen vor einem angeblich blutrünstigen, rachsüchtigen, strafenden Gott, der in Jesus Christus ein Opfer benötigt hat, um besänftigt zu werden!
Zumindest der Gott, an den ich glaube, braucht keine Opfer und hat auch nie Opfer oder Sühne gebraucht. Und aus meiner Sicht hat dies auch Jesus mehr als deutlich gemacht mit all seinen Taten und Worten.
So sehe ich in Gott ähnlich wie Jesus einen liebenden Vater oder auch eine liebende Mutter.
Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass Gott will, dass wir auf Augenhöhe vor ihm stehen.
Natürlich haben wir Fehler und Grenzen und sicherlich auch einige Abgründe und dennoch denke ich nicht, dass Gott will, dass wir uns klein machen und erniedrigen. Sondern ich glaube daran, dass er will, dass wir uns in unserer ganzen Grösse zeigen und dazu stehen.

Darum wünsche ich mir sehr, dass wir es in unserer Kirche und in unserem je eigenen Glauben schaffen, uns Menschen zu befreien hin zu dieser liebevollen Beziehung mit Gott und auch mit uns selber, und so einen Schritt weiterkommen zu einem Gottes- und Menschenbild, das ermutigt, das aufbaut und stärkt und nicht klein macht und demütigt aufgrund einer übermächtigen Last von Fehlern und Unzulänglichkeiten.
Wahre Bescheidenheit heisst so für mich: Dass ein gesunder Mensch sich weder zu erhöhen noch zu erniedrigen braucht, weil er von Gott geliebt ist, so wie er ist. Er braucht sich nicht zu beweisen oder aufzublähen, da dies bedeuten würde, dass er mit sich selber nicht zufrieden ist und sich selber zu wenig wertschätzt.
Ebenso wenig soll der Mensch sich erniedrigen und sich kleiner machen als er ist, denn auch dies wäre mangelnde Liebe zu sich selber und es wäre eine Demütigung nicht nur von sich selber, sondern auch von Gott, der uns mit all unseren Fähigkeiten erschaffen hat.
Liebe Töchter und Söhne Gottes
Ich wünsche mir deshalb einen Glauben, der den Menschen als aufrechtstehendes, erwachsenes Wesen auf Augenhöhe vor und mit Gott sieht und auf einen Gott baut, der das Gute in uns sieht und stärken will, der wie wir zwar um das Schlechte weiss, aber nicht will, dass wir uns deswegen erniedrigen oder entwürdigen, da sein liebender Blick uns nicht mit verurteilenden Augen ansieht.

Im Gegenteil, die Abgründe und das Zerstörerische in uns lassen sich nicht überwinden durch Selbsterniedrigung, ja sie werden sich noch vielmehr verstärken. Denn was unterdrückt wird und erniedrigt, erhöht sich dann von ganz alleine, und zwar mit umso stärkerer Kraft.
So ist nicht die Erniedrigung der Weg, sondern einzig und allein die Liebe und das nachsichtige Annehmen von dem, was ist, und das stetige Daran-Arbeiten und Sich-Weiterentwickeln.
Und so bedeutet für mich wahre Bescheidenheit: Ich erhöhe mich nicht und erniedrige mich auch nicht, sondern ich weiss um meine Grenzen und Schatten, genauso wie ich auch um das Lichtvolle und Gute weiss.
Vor allem aber versuche ich mit diesem Wissen, einen Weg zu finden, wo wir auf Augenhöhe miteinander unterwegs sind, wo niemand klein gemacht und keiner überhöht wird, sondern sich alle als gleichwertige Töchter und Söhne Gottes sehen und fühlen dürfen.
Und so brauchen wir uns nicht mehr die Frage zu stellen, die uns bedrückt und erstickt, ob wir genügen und ob wir genug würdig sind, sondern wir dürfen wissen und spüren: ich bin trotz allem Dunklen immer noch wertvoll und werde von Gott geliebt. Amen.

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