„Mut zum Anecken“: Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis C

Liebe Mitfeiernde

Da werden uns heute mit den Lesungen zwei kantige und harte Brocken vor die Füsse geworfen!
Es sind Lesungen, die herausfordern, ja auch ein Stück weit provozieren, finde ich.
Im Buch Jeremia begegnen wir einem Propheten, der dem König Zidkija empfiehlt, sich den Babyloniern, die Jerusalem belagern, zu ergeben, um die Menschen zu schützen und Blutvergiessen zu verhindern.
Doch damit macht sich Jeremia unbeliebt. Dies passt Zidkija nicht. Er hofft, dass er von Ägypten Unterstützung erhält, was aber nicht eintrifft.
Jeremia jedoch wird ins Gefängnis geworfen und entkommt nur knapp dem Tod.
Jerusalem wird schliesslich eingenommen und die Bevölkerung nach Babylonien deportiert.
Wenn wir dieses Beispiel nehmen, können wir durchaus sagen: Propheten haben einen schweren Stand.

So ist es auch Jesus nicht anders ergangen. Er selber hat z.B. gesagt, dass ein Prophet in seiner Heimat nichts gilt und somit nicht auf offene Ohren stösst.
Aber auch sonst kann Jesus ein Lied davon singen, was einem Propheten an Ablehnung und Widerstand entgegen schlägt, was ja in seinem Fall schliesslich bis zum Tod geführt hat.
So sind die Worte im Lukasevangelium zwar sehr hart und tönen brutal und müssen sicherlich auch kritisch betrachtet werden. Und doch scheint mir die Beschreibung von Jesus als «Feuerwerfer» und als Person, an dem sich die Geister scheiden und der Spaltung anstatt Frieden auslöst, doch recht zutreffend.
Zumindest als Beschreibung der Reaktionen der Menschen auf seine Botschaft hat es für mich durchaus nachvollziehbare Züge. Denn einerseits hat es ja tatsächlich heftigen und schliesslich auch gewalttätigen Widerstand gegen ihn gegeben und andererseits ist auch seine frohe Botschaft nicht bei allen froh und gut aufgenommen worden. Vielmehr hat es bei einigen Angst und Abwehr hervorgerufen, weil ihre Macht und ihr Glaubensgebäude ins Wanken geraten ist. Und so hat es bestimmt auch innerhalb von Familien geteilte Meinungen zu Jesus gegeben.
Und mit seinem Handeln hat Jesus ja auch viele provoziert. Gewisse haben ihn vielleicht sogar als Spinner bezeichnet.
Und sein Erzählen von einem liebenden Gott und davon, dass z.B. der Sabbat für die Menschen da ist und nicht umgekehrt, dass also die Regeln für die Menschen sind und nicht die Menschen für die Regeln leben, haben viele nicht verstanden oder als Bedrohung gesehen.
So hat er mit seiner ganzen Botschaft und seinem heilvollen Handeln einiges in Frage gestellt, vor allem auch bestehende Machtstrukturen von religiösen und politischen Führungspersonen und Glaubensgebäuden, die vorwiegend aus Angst bestehen.
Dass es damit zu Widerstand und Ablehnung gekommen ist und Jesus damit angeeckt ist, ist m.E. nachvollziehbar.
Und so wie Jesus haben sich auch die früheren Propheten mit Kritik an sozialen und religiösen Strukturen unbeliebt gemacht und geraten auch heute noch Theologinnen und Theologen in heftiges Kreuzfeuer, wenn sie sich politisch positionieren und zu sozial-politischen Fragen Stellung beziehen oder religiöse, kirchliche Strukturen in Frage stellen und kritisieren.
Bei Jesus kam ausserdem eine grosse Leidenschaft hinzu, die sich beispielsweise bei seiner Tempelreinigung gezeigt hat, als er Händler mit der Peitsche hinausgetrieben hat. Damit hat er sich wohl auch nicht wirklich Freunde gemacht.
Und trotzdem hat dieses Feurige auch sehr viel Faszinierendes an sich. So hat mich persönlich dieses leidenschaftliche Auf- und Eintreten für seine Anliegen immer ganz besonders angesprochen und ist damit dieses Feuer auch ein Stück weit auf mich übergegangen.
Und dennoch bin ich selber eher der Typ, der Hemmungen hat, allzu sehr anzuecken. So muss ich mich manchmal eher dazu anspornen, mehr Ecken und Kanten zu zeigen. Aber es gibt durchaus auch Themen und Momente, in denen ich stark spüre, dass etwas einfach gesagt werden muss.
Und so ist es halt auch immer wieder not-wendig, dass wir Kritik äussern und Hindeuten auf Misstände, Unstimmigkeiten und Ungerechtigkeiten und so die eigene Wahrnehmung mitteilen, wenn wir sehen, dass etwas nicht fair läuft, jemand unehrlich ist oder Strukturen und Zustände Menschen einengen und ersticken oder wir Möglichkeiten erkennen, die uns allen helfen weiterzukommen in unserem Glauben, unserer Entwicklung und unserem Umgang miteinander.
Und ich wünsche uns dabei Mut. Denn immer wieder wird dies auch dazu führen, dass wir uns unbeliebt machen, Ablehnung erfahren, angegriffen werden oder uns sogar Feinde machen.
Und, wer nimmt dies schon gerne in Kauf?!
Aber, wenn wir uns treu bleiben und auch äussern, was uns innerlich bewegt, kann dies uns auch mehr Zufriedenheit bringen und mehr Erfüllung und Sinn.
Darum: Getrauen wir uns doch, nicht nur lieb und nett zu sein, sondern auch mal anzuecken und unbequem zu sein wie ein Stein im Schuh und dabei auf unsere Inspirationen, Wahrnehmungen und unser Gewissen zu hören.

Liebe Mitfeiernde
Ein wichtiger Punkt möchte ich zum Schluss noch loswerden, nämlich ein kritischer Blick auf die Worte des heutigen Evangeliums:
Bei aller Ermutigung, leidenschaftlich zu kämpfen für mehr Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Liebe und damit prophetisch zu wirken, finde ich es dennoch entscheidend, auch selbstkritisch zu bleiben und sein eigenes Handeln immer wieder zu hinterfragen und zu schauen, ob es auch wirklich dem Leben dient und erfüllt ist von Liebe.
Denn Jesus hat sich auch immer klar von Gewalt distanziert und auch Petrus aufgehalten, als er zur Waffe gegriffen hat. Und Feuer auf die Erde werfen und Eintreten für eine gerechte, gute Sache: Dies behaupten auch Terroristen und Fanatiker, dass sie dies tun!
So ist es unabdingbar, immer wieder sich selber, seine Beweggründe und sein Handeln zu überprüfen.

Und in dem Sinne möchte auch ich nicht ein Streithahn sein, sondern ein Friedensstifter.
Amen.

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