„Der Himmel ist in dir“ – Predigt zu Christi Himmelfahrt

Liebe Mitfeiernde

Die Vorstellungen, wie man Christi Himmelfahrt verstehen soll, sind wohl so unterschiedlich wie auch die beiden geschilderten Darstellungen in den biblischen Texten von heute.

So wird in der Apostelgeschichte zwischen Auferstehung und Himmelfahrt eine 40-tägige Zeit der Erscheinungen eingefügt, wobei im Lukasevangelium sich Auferstehung, Erscheinungen und Himmelfahrt alles an einem einzigen Tag ereignet.

In der Apostelgeschichte wiederum findet die Himmelfahrt auf dem Ölberg statt und im Lukasevangelium in Bethanien.

Und diese Unterschiede sind da, obwohl man davon ausgeht, dass Lukas der Verfasser von beiden Texten ist.

Auch die übrigen Evangelien stellen die Zeit nach dem Tod Jesu unterschiedlich dar.

Warum diese Unterschiede bestehen, auch darüber gibt es ganz verschiedene Deutungen.

Was mir jedoch aus dieser Tatsache der bestehenden Unterschiede als sehr wichtig erscheint, ist, dass damit sichtbar wird, dass die biblischen Texte nicht den Anspruch erheben, eine exakte historische Beschreibung davon zu sein, was in Raum und Zeit fotografisch hätte festgehalten werden können. So können wir die Evangelien nicht einfach als eins-zu-eins-Beschreibung der historischen Abläufe sehen, sondern es sind Geschichten, in die auch immer Deutungen von gehörten und erlebten Erfahrungen einfliessen.

Es sind somit literarische Werke, in die die Verfasser ihre eigene Note und Sichtweise einbringen, aber auch verschiedene Stilmittel, die dazu dienen, eine Sichtweise zu betonen. Dies ist m.E. ein wichtiger Punkt im Blick auf das Verständnis der Evangelien und auch der übrigen biblischen und ausserbiblischen Texte.

Und so ist auch die «Himmelfahrtserzählung» keine Beschreibung eines historischen Ereignisses, das hätte fotografiert werden können, sondern vielmehr eine Beschreibung innerer Geschichten und Deutungen des Autors, und ganz besonders ist es auch ein Stilmittel.

Denn solche «Entrückungs-, resp. Himmelfahrtserzählungen» sind auch sonst verbreitet gewesen.

So wurden beispielsweise auch von Henoch, von Elija und auch von Romulus und vielen mehr solche Geschichten erzählt.

Über Henoch heisst es z.B.:

«Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.»

Und über Romulus wurde geschrieben:

«Nachdem Romulus diese unvergesslichen Taten vollbracht hatte, brach … plötzlich mit lautem Getöse und Donnerschlägen ein Sturm los und verbarg den könig in einer Regenwolke, die so dicht war, dass sie der Versammlung die Möglichkeit, ihn zu erblicken, entzog. Und seither war Romulus nicht mehr auf Erden. … Danach grüssten alle den Romulus als Gott, der Sohn eines Gottes ist.»

Wie wir sehen, sind solche Himmelfahrtserzählungen also als Stilmittel benutzt worden. Ebenso können wir erkennen, dass diese Erzählform dazu gedient hat, um die Wichtigkeit, den herausragenden Stellenwert einer Person hervor zu heben und damit zu sagen, dass die in den Himmel emporgehobene Person göttlich ist, resp. in starker Verbindung steht mit Gott.

Bei Jesus hat der Evangelist Lukas diese Verbindung zum Göttlichen zudem nicht nur mit der Himmelfahrt aufgezeigt, sondern auch mit anderen Erzählungen wie z.B. der Geschichte der jungfräulichen Geburt, was ebenso in jener Zeit ein verbreitetes Stilmittel war, bespielsweise bei Alexander dem Grossen.

Damit hat Lukas in seiner Geschichte mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln und Erzählungen seine Deutung vom Leben von Jesus dargelegt und mit literarischen Elementen ausgeschmückt.

So betont Lukas mit seiner Erzählung der Himmelfahrt von Jesus, dass sich über Jesus der Himmel geöffnet hat, dass in Jesus Gott sichtbar geworden ist und in seinem Handeln und Leben der Himmel durchgeschienen ist.

Dies ist m.E. ein wesentlicher Kern der Aussage unseres heutigen Festes. Es soll uns damit aber auch all die Momente in Erinnerung rufen, die wir selber täglich erleben und in denen uns der Himmel aufscheint, sei es in einem Lächeln eines Mitmenschen, einer zärtlichen Umarmung, einer Geste der Wertschätzung oder einem Gespräch, in dem wir uns angenommen und verstanden fühlen, und in vielen anderen Momenten, in denen das Leben fliessen kann.

Himmelfahrt ist damit auch eine Einladung, solchen Momenten immer wieder Raum zu geben.

Aber gleichzeitig ist die Erzählung der Himmelfahrt von Jesus und der anderen in den Himmel emporgehobenen Personen auch ein Ausdruck unserer Hoffnung und unserer Sehnsucht, dass auch wir selber nach unserem Tod eine Zukunft haben, in der wir aufgehoben sind und zurückkehren dürfen zu Gott. Denn Himmel beschreibt ja oft auch einen Ort, der wortwörtlich über uns hinausgeht, der zwar immer wieder in Begegnungen und Momenten im Leben durchscheinen kann, der aber dennoch nicht ganz erreichbar ist und von dem sich viele erhoffen, nach dem Tod darin eingehen zu können.

Und Himmel ist oft auch nichts anderes als ein Ort und ein Zustand, an und in dem wir in Gottes Nähe, bei Gott sind, und drückt unsere Sehnsucht aus, ganz bei Gott und in Gott sein zu dürfen.

Und ich bin davon überzeugt, dass diese Sehnsucht nach dem Himmel und damit nach Gott auch ein Zeichen dafür ist, dass wir alle ursprünglich von Gott ausgegangen sind und uns diese Einheit nun fehlt, uns aber im Herzen immer wieder schmerzlich spürbar wird. Und so hoffe ich auch darauf, dass wir so wie Jesus irgendwann wieder in diese Einheit zurückkehren werden und wir unsere eigene Himmelfahrt erleben werden.

Diese Sehnsucht in uns kann schmerzlich sein, doch sie kann uns auch dabei helfen, dass wir uns nicht nur als Töchter und Söhne der Erde fühlen, sondern auch als Töchter und Söhne des Himmels und dass sich in uns und unserem Sein und Handeln Erde und Himmel berühren können.

Ganz im Sinne des bekanntes Liedes, in dem es u.a. heisst: «Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, da berühren sich Himmel und Erde.»

Liebe Töchter und Söhne des Himmels und der Erde

«Himmel» ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein weiter Begriff. So viele Bedeutungen trägt der Himmel in sich.

Und so führt uns der Himmel zwar ins Jenseits, aber genauso auch ins hier und heute, in unsere Mitte, von der Jesus gesagt hat, dass sie hier das Himmelreich sich zeigen kann, und letztlich führt uns der Himmel auch zu uns, in die Mitte unseres Herzens, unseres Seins und Handelns, ganz im Sinne von Angelus Silesius: « Halt an! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Wer ihn sucht anderswo, verfehlt ihn für und für. »

Der Himmel kann sich also in uns breit und weit machen als eine Erfahrung, als ein Erleben der göttlichen Nähe, aber ebenso unter uns im Göttlichen, das in unseren Beziehungen, in unseren Begegnungen und in unserem Handeln aufscheinen kann, und letztlich auch über uns, als eine Grösse, die über uns hinausgeht, die viel grösser ist als wir. So erzählt uns der Himmel von einem Gott, der in uns ist, unter uns und über uns, als ein Gott, der seine Hände segnend über uns ausbreitet wie auch Jesus, der uns segnend mit seinem Leben, seinem Sterben, seinem Auferstehen und seinem Heimgehn zu Gott den Himmel geöffnet hat und auch heute noch öffnet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie gesegnet sind und dass immer wieder der Himmel in ihnen, unter ihnen und über ihnen aufgeht.

Amen.

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