«Welche Kirche wollen wir?» Predigt zur „Heidenfrage“, Apg 15 (6. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr C)

Liebe Mitfeiernde

Wir stehen im Kirchenjahr noch in der Osterzeit. Doch in der Kirchengeschichte befinden wir uns dort, wo sich die christliche Botschaft verbreitet, wo christliche Gemeinden gegründet werden und wo sie sich viele offene Fragen klären müssen.

Immer mehr werden nicht nur Juden durch die Botschaft Jesu angesprochen, sondern auch Nicht-Juden, sogenannte Heiden, finden zum christlichen Glauben. So stellen sich plötzlich neue Fragen wie z.B., ob ein Nicht-Jude zuerst Jude werden muss, um Christ werden zu können, oder nicht.
Es hat sich so ganz konkret die Frage gestellt: Muss ein Heide beschnitten werden, um Christ sein zu können?
Um diese sogenannte «Heidenfrage» hat es heftigen Streit gegeben.
Einige Leute von Judäa haben die Beschneidung und das Einhalten aller jüdischen Gesetze als zwingende Bedingung für die Aufnahme in den christlichen Glauben gesehen. Die junge, dynamische Gemeinde von Antiochia, aber auch Petrus, Paulus und andere haben diese Hürde klar abgelehnt.

Um bei diesem Streit eine Lösung zu finden, sind Paulus und Barnabas aus Antiochia nach Jerusalem geschickt worden zu den Aposteln, den Ältesten und der Jerusalemer Gemeinde, um dieses Streitfrage zu klären.
Dort hat man sich darauf geeinigt, dass Menschen, die von der Botschaft Jesu begeistert sind und zum Christentum gehören wollen, keine zusätzlichen Hürden in den Weg gelegt werden sollen. Sie müssen sich nicht an sämtliche jüdischen Gesetze halten, sondern nur an einige Speiseregeln und an die Unzuchtsregel. Von der Forderung der Leute aus Judäa bzgl. der Beschneidung hat man sich in dieser Lösung jedoch klar distanziert, und anderem auch deswegen, da Petrus der Meinung war, dass Gott nicht so kleinlich ist wie diese Forderung vermittelt, sondern grosszügiger ist als wir Menschen, und auch deshalb, weil mit den Heiden-Christen gute Erfahrungen gemacht worden sind.
Dieser Lösungsvorschlag, der auf diese Weise miteinander erarbeitet worden ist, ist dann auch in Antiochia gut aufgenommen worden.

Liebe Mitfeiernde

Diese ganze Geschichte rund um die Frage, was es braucht, um zur christlichen Gemeinschaft dazu zu gehören, hat mich natürlich sofort auf unsere Situation in der Kirche von heute blicken lassen.

Denn dieses Thema ist in der katholischen Kirche ja hoch aktuell und höchst brisant.
So stellt sich einerseits für viele die Frage, kann ich mich noch mit dieser Kirche identifizieren? Gehöre ich noch dazu?
Und andererseits gibt es auch einige Kreise in der Kirche, die gerne anderen unterstellen, dass sie nicht mehr katholisch sind. Einige davon gehen sogar so weit, dass sie dies selbst dem Papst unterstellen.

Auch ich selber habe mir diese Frage seit meiner Jugendzeit immer wieder gestellt. Und auch vor gut 2 Jahren als ich mich für diese Stelle beworben hab, als Seelsorger in Horw, habe ich mir vorher überlegt, ob ich mit meinen Anliegen, mit meinem Glauben und mit meinen Sehnsüchten und Hoffnungen in dieser Kirche noch Platz habe. Und es gibt immer wieder neue solche Momente, in denen diese Frage wieder aktuell wird, v.a. dann, wenn sich Divergenzen zeigen in bestimmten Haltungs- und Glaubensfragen.

Doch: Wer entscheidet, wer katholisch ist oder nicht? Wer entscheidet, wer dazu gehört und wer nicht? Wer setzt Grenzen und erstellt Bedingungen? Wer bestimmt über sogenannt richtig oder falsch?

Es gibt immer wieder Menschen, die meinen, sie sind diejenigen, die dies alles bestimmen können und die genau zu wissen meinen, wer dazu gehört und wer nicht, wer noch katholisch ist und wer nicht. Doch, ganz ehrlich, ich denke, die sind auf dem Holzweg.

Denn wenn wir einen Blick in die Kirchengeschichte machen, merken wir schnell, dass diese Frage der Zugehörigkeit immer ein Prozess gewesen ist und auch immer sein wird. Denn Glauben lebt. Er besteht aus überlieferten Erfahrungen, die in biblischen und anderen religiösen Texten festgehalten sind, aber eben auch aus aktuellen Erfahrungen jeder einzelnen Person. Er besteht aus Traditionen, Richtlinien und Glaubenssätzen, aber eben auch aus der Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Frage, was bewährt sich im Alltag und was ist sinnvoll und vernünftig.

Natürlich gibt es die biblischen Texte, Dogmen, den Katechismus und das Kirchenrecht, mit dem gerne Grenzen gezogen werden und entschieden wird, wer ausserhalb des katholischen Glaubens steht und wer drin. Doch so einfach ist es nicht.

Denn all diese Text sind nicht nur in einer bestimmten Zeit, von bestimmten Menschen, mit bestimmten Ansichten geschrieben worden, sondern diese Texte unterliegen immer auch der Interpretation von Menschen und müssen ihren Wert in der Auseinandersetzung mit dem Leben und den Menschen mit ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Werten beweisen.

Wer dazu gehört und wer nicht, ist also gar nicht so einfach zu beantworten, wenn überhaupt. Doch ist dies wirklich eine Frage, die wir stellen und beantworten wollen? Wollen wir wirklich definieren, wer ausserhalb der Grenzen des katholischen Glaubens steht?
Wärs nicht schöner, anstatt Grenzen zu setzen und auszuschliessen, sich an der Vielfalt der unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Sehnsüchten und Hoffnungen zu freuen und miteinander darüber auszutauschen, welcher Glaube mir persönlich hilft in Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens?
Und wärs nicht wünschenswert, anstatt zu fragen, wer gehört dazu und wer nicht, vielmehr fragen, wie kann sich jemand in der Kirche zuhause fühlen? Wie kann sich jemand zugehörig fühlen und Heimat in der Kirche finden? Und wie können sich Hürden, die dies verhindern, wegräumen?

So wie die einen in den Anfängen des Christentums gefunden haben, dass sich alle Christen an alle jüdischen Regeln halten und beschnitten werden müssen und stur an diesen Traditionen festhalten wollten, und Paulus, Petrus und andere gesagt haben, nein, das sind unnötige Hürden, dies sind Traditionen, die wir nicht brauchen, sondern uns am Leben hindern, stehen wir heute vor ganz ähnlichen Fragen. Und so wie sich dafür entschieden haben, sich auf die Grosszügigkeit Gottes zu beziehen und auf Jesus, der die Menschen über die Gesetze gestellt hat, und somit den Weg für neue Christinnen und Christen zu ebnen und nicht mit Hindernissen vollzupflastern, so gibt es auch heute so viele Fragen, in denen ich mir wünschen würde, dass damit mehr in der Art von Paulus und Petrus umgegangen würde.

So wünsche ich mir dies beispielsweise auch bzgl. dem Anliegen, Frauen in der Kirche mehr Rechte zu geben, dass sie wie die Männer den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern erhalten.

Immer wird da zunächst überprüft, ob dies Tradition gewesen ist oder nicht, und dabei wird m.E. viel zu wenig die Frage gestellt, würde dies nicht der Lebenshaltung und dem Menschenbild von Jesus entsprechen, der die Menschen als gleichwertig angesehen, ihnen etwas zugetraut und sie gestärkt hat, und würde es nicht einfach auch Sinn machen und dem gesunden Menschenverstand entsprechen.

Ich fände es mehr als notwendig, wenn wir uns mehr von diesem vertrauensvollen Geist von Jesus und von den frühen Christengemeinden inspirieren lassen würden. So würde ich mir wünschen, dass nicht nur neuen Ideen, Wegen und Möglichkeiten und der Vernunft Vertrauen geschenkt würde, sondern auch den Menschen, und ihnen, Männern und Frauen, die Chance gegeben wird, Kirche kreativ weiterzuentwickeln.
Und ich wünsche mir auch, dass die Menschen in ihrem eigenen Glauben gestützt und gefördert und wertgeschätzt werden, um ihre für sie passende Spiritualität finden und entfalten zu können und teilen zu können. Ebenso wünsche ich mir auch, dass in der Kirche immer mehr auch Freude sich ausbreiten kann an den vielen wertvollen Erfahrungen, Gedanken und Inspirationen, die Menschen bzgl. Gott und dem Umgang miteinander und dem Leben haben.
Wäre es darum nicht schön, wenn wir mehr auf diese Möglichkeiten und Ressourcen setzen würden, als unser Augenmerk auf die Grenzen zu fokussieren und auszugrenzen?

Das ist das, was ich mir persönlich wünsche, um mir die Frage weniger stellen zu müssen, bin ich in dieser Kirche noch zuhause und darf ich noch dazu gehören. Und ich denke, es ist auch das, was vielen anderen Menschen helfen würde, sich in der katholischen Kirche noch dazugehörig zu fühlen, wenn mehr Vertrauen statt Argwohn, mehr Freude anstatt Angst, mehr Ehrlichkeit statt Doppelbödigkeit und Verheimlichungen, mehr Kreativität und Sich-Öffnen für den Hl. Geist statt Erstarren in Traditionen und mehr Menschlichkeit statt Gesetzlichkeit gelebt wird.

So würde ich gerne unsere Kirche in die Zukunft schreiten sehen. Und dann kommen wir m.E. auch dem Näher, was in Joh-Ev. beschrieben ist mit dem Wohnen in der Einheit mit der Liebe, mit Jesus und mit Gott.
Denn dann bietet auch die Kirche Wohnung und damit Heimat für alle Menschen, die gerne mit ihr auf dem Weg sein möchten, und die Verbundenheit untereinander, mit Jesu Geist und mit Gott, als Ursprung, Quelle und Kern des Lebens wird für alle spürbar.

Amen.

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