„Mit ganzem Herzen“ (Predigt zu Mk 12,28ff.)

In jener Zeit ging
28 ein Schriftgelehrter zu Jesus hin
und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete:
Das erste ist: Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister!
Ganz richtig hast du gesagt:
Er allein ist der Herr,
und es gibt keinen anderen außer ihm,
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben
und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte,
und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Liebe Mitfeiernde
Welches Gebot ist das erste von allen?
Mit dieser Frage wird Jesus von einem Schriftgelehrten konfrontiert und gibt darauf anschl. eigentlich Antwort auf die Frage: Was ist das Herzstück der jüdisch-christlichen Botschaft?
Jesus zitiert nämlich das zentrale Gebet der Jüdinnen und Juden, das Sch`ma Israel, «Höre, Israel».
Es wird von Jüdinnen und Juden täglich zweimal gebetet, einmal am Morgen und einmal am Abend. Zudem wird es dabei in kleinen Behältern an Hand und Arm und am Kopf getragen und in Kapseln an den Türpfosten festgemacht.
Genau dieses Gebet gehört für Jesus zum Herzstück. Aber er hält auch fest, dass noch ein weiterer Teil dazu gehört. Für ihn ist neben der Liebe zu Gott genauso wichtig, dass die Liebe auch die Mitmenschen und sich selber umfasst. Es braucht eine Balance zwischen diesen drei Adressaten. Denn sind die drei nicht im Gleichgewicht, wird es rasch ungesund. Man könnte auch sagen, wahre Liebe kann gar nicht auf jemanden bestimmten beschränkt werden.
Zudem soll sie Herz, Seele, Verstand und Kraft umfassen. Die Redensart jemanden «mit ganzem Herzen oder aus tiefstem Herzen» zu lieben, ist uns geläufig. Doch was das Herz alles umfasst, ist uns oft nicht bewusst oder auch nicht bekannt.
So bin ich der Bedeutung des Herzens ein bisschen nachgegangen und bin sozusagen in die Tiefe des Herzens hinabgestiegen, zumindest ein Stück weit.
Und ich habe in der Kulturgeschichte des Herzens nachgeforscht und habe besonders in der ägyptischen Sicht des Herzens einige interessante Aspekte entdeckt.
Denn auch das biblische Gedankengut hat starke Einflüsse durch ägyptische Herzens-Vorstellungen erhalten.
Doch ein grosser Unterschied zwischen dem ägyptischen und dem biblischen war u.a., dass bei den Ägyptern ein hartes Herz oder ein Herz aus Stein als etwas Positives galt. Denn ein hartes Herz war ein Symbol der Selbstbeherrschung, der Stabilität und eines besonnenen Verhaltens.
Beeindruckend ist, dass die altägyptischen Ärzte bereits die biologische Funktion des Herzens kannten. Sie konnten u.a. den Puls messen und wussten, dass er vom Herzschlag abhing. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass die Ägypter das Herz als die Mitte und der innere Kern des Menschen betrachteten. Und es war für sie auch das Zentrum der Gedanken und aller intellektuellen Aktivitäten. So dachte und urteilte der Ägypter mit dem Herzen.
Zudem war in der ägyptischen Vorstellung die Seele innig mit dem Herzen verbunden. So wurde nach dem Tod einer Person besonders auf das Herz geachtet. Es wurde zusammen mit dem Leichnam balsamiert. Das Herz war das einzige Organ, das bei der Mumifizierung wieder in den Leichnam hineingelegt wurde. Alle anderen Organe und Eingeweide wurden in separate Gefässe gelegt und neben der Mumie im Grab platziert. Das Gehirn galt sogar als unwichtig und wurde weggeworfen.
Zudem wurde dem Verstorbenen ein schön ausgearbeitetes Modell des Skarabäus, des Herzenskäfers, auf die Brust gelegt, damit das Herz – also die Seele – auferstehen, die Flügel ausbreiten und ins Jenseits fliegen konnte.
Das Herz war aber auch eine Art «Fürsprecherin» oder «Gewissen» beim Totengericht. Dort legt es für den Verstorbenen Zeugnis ab und setzte sich für ihn ein. Ausserdem wurde das Herz beim Totengericht auf eine Waage gelegt und gegen eine Feder der Rechtsgöttin Maat, die für die göttliche Weltordnung steht, ausgewogen. Wenn es in Balance war zu dieser Feder stand, also in der Balance mit dieser Weltordnung, durfte der Tote auch im Jenseits in harmonischem Gleichgewicht weiterleben.
Und so war es auch im Leben wichtig, dass der Mensch sich nach dieser göttlichen Ordnung richtet und im Einklang damit steht. Und mit dem Herzen kann er die göttliche Weltordnung erkennen. So kommt auch die Vorstellung des «hörenden» Herzens von den Ägyptern. Durch das Hören mit dem Herzen kann der Mensch den göttlichen Willen erfahren und damit im Einklang stehen mit dem Göttlichen. Denn das Herz ist auch eine Art Zugangstür des Menschen zum Göttlichen, resp. sogar der Sitz des Göttlichen zum Menschen.
Um 1900 bis 1600 v.Chr. entwickelte sich zudem bei den Ägyptern auch das Ideal, dem Herzen zu folgen, d.h. mit dem eigenen Inneren überein zu stimmen.
Optimal wäre also aus ägyptischer Perspektive, dass der Mensch in Einklang lebt mit der göttlichen Ebene, indem er auf mit seinem Herzen hört, und auch in Einklang ist mit der eigenen Seele, dem eigenen Inneren und dem eigenen Verstand, indem er seinem Herzen folgt.
Auch in der Bibel ist das Herz sehr wichtig. So finden wir bereits im Alten Testament über 900 Erwähnungen des Herzens. Und die meisten sind auch stark beeinflusst durch ägyptische Vorstellungen, abgesehen vom erwähnten harten Herz oder Herz aus Stein.
So ist auch in der Bibel das Herz mit der Seele verbunden und gilt als Sitz der Seele. Und auch im alten Israel ist es ebenso Sitz des Verstands, zusätzlich aber auch der Gefühle. Hinzukommt, dass in der Bibel das Herz wie bei den Ägyptern die Mitte des Menschen darstellt.
Auch im neuen Testament und in der ganzen christlichen Glaubensgeschichte ist das Herz immer wieder ein wichtiges Symbol. So hat u.a. Hildegard von Bingen im 12. Jh. viel zum «Herzen» geschrieben. Sie hat es als «Haus, in dem die Seele wohnt» bezeichnet und als Hort der Vernunft, in dem jedes Wort geordnet, bevor es nach aussen dringt.
Im 17.Jh. hat das Herz in der christlichen Glaubens- und Kulturgeschichte sozusagen seinen zugespitzten Höhepunkt erreicht mit dem Herz-Jesu-Kult.
Dieser Kult ging teilweise in seinen Darstellungen stark ins Makabre und ins Geschmacklose.
Dennoch kann man diesem Kult einiges inhaltlich abgewinnen. Denn es wurde auf intensive Weise die mit ganzem Herzen gelebte Liebe von Jesus aufgezeigt. Er hat sein Herz, und somit seine Liebe, seine Seele, seine Mitte, ja, sich als Ganzes, verletzlich gemacht und sein Herzblut investiert und hingegeben für uns. Er hat sich im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem ganzen Herzen für seine Botschaft und für uns aufgeopfert.

Liebe Mitfeiernde
Ich habe ihnen nun einige Aspekte aus ägyptischer und jüdisch-christlicher Sicht näher gebracht und es gäbe auch von anderen Kulturen und Religionen noch viel mehr hinzuzufügen.
Doch es reicht, um aufzuzeigen, was Liebe mit ganzem Herzen meint. Denn das Herz steht für die Mitte des Menschen, für seine Seele, seine Gefühle und seinen Verstand und damit eigentlich für den Menschen als Ganzes.
Man könnte somit sagen: Gott, aber auch die Menschen und sich selber mit ganzem Herzen zu lieben, bedeutet: füreinander da zu sein mit ganzer Aufmerksamkeit, als ganze Person, ganz im Hier und Jetzt, und dies auch mit ganzer Liebe, d.h. bedingungs- und grenzenlos.
Mit der ägyptischen Vorstellung des «hörenden» Herzens und dem Ideal, dem Herzen zu folgen, erhält für mich aber auch das «Höre» von «Höre, Israel» noch eine tiefere Bedeutung. Denn es fordert mich damit auch auf, mit dem Herzen zu hören und ihm zu folgen und so zu spüren, was es heisst, im Einklang zu stehen mit Gott und mit der eigenen Mitte. (Vielleicht könnte man sogar sagen, dass da gar kein so grosser Unterschied besteht.)
In diesem Einklang stehend hilft uns unser Herz auch zu vernehmen, was Liebe mit ganzer Seele im Hier und Jetzt für uns bedeuten kann.
In dem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir nicht nur in der Balance stehen zwischen Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, sondern auch in der Balance sind mit der Feder der göttlichen Ordnung und mit uns selber.
Ganz im Sinne von: «Schweige und höre. Neige deines Herzens Ohr. Suche den Frieden.»
Amen.

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