Predigt zu Mk 7,1-23: Was liegt dir am Herzen?

Liebe Mitfeiernde

Haben Sie auch schon einen «Pharisäer» getrunken?

Der «Pharisäer» ist ein Kaffee, den man v.a. in Österreich und an der Nordsee trinken kann.

Wenn wir der Entstehung dieses Kaffees auf die Spur gehen, sind wir mittendrin in der Diskussion rund um die Gruppe der Pharisäer und mitten im Thema des heutigen Evangeliums.

«Der Pharisäer» ist ein Kaffee, der im 19. Jh. in Nordfriesland, auf der Insel Nordstrand entstanden sein soll. Und zwar lebte dort damals ein asketischer Pastor und es war bei den Friesen Brauch, in seiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken.
Sie bedienten sich darauf hin einer List und machten ein Mischgetränk, das aus frisch gebrühtem Kaffee besteht, einem Würfelzucker, einem guten Schuss Rum und dem danach eine Sahnehaube hinzugefügt wird.
Durch die Sahnehaube wird der Kaffee schön warm gehalten und es wird vermieden, dass man den Alkohol riechen kann.
Doch der Pastor soll eines Tages doch der List auf die Schliche gekommen sein und die Anwesenden «Oh, ihr Pharisäer» genannt haben und dadurch ist gemäss dieser Geschichte der Name dieses Kaffees entstanden.

Ein Spruch, der m.E. dazu gut passt, ist: «Wasser predigen und Wein trinken.»

Ein Pharisäer ist damit also Inbegriff für Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit und Listigkeit.

Auch Jesus beschimpft die Pharisäer im Markusevangelium als unehrliche Menschen, nämlich als «Heuchler».

Er wirft ihnen vor, Gottes Gebote zu verfälschen und reine Lippenbekenntnisse zu machen, die jedoch nicht von Herzen kommen.

Jesus hat in allen Evangelien immer wieder Streit mit den Pharisäern. Und im heutigen Evangelium wirft er ihnen vor, eigene Gebote zu erstellen, die nichts mit Gottes Geboten zu tun haben.
Die Pharisäer haben im Gegensatz zu den Sadduzäern wert darauf gelegt, die Thora, die fünf Bücher Mose, praktikabel zu machen und an die damalige Zeit anzupassen, d.h. die Thora so zu deuten, dass sie gelebt werden konnte. Sie haben also neben der Thora auch die eigene Deutung ins Spiel gebracht. Die Sadduzäer hingegen wollten die Bücher Mose jedoch unangetastet lassen, ohne etwas hinzuzufügen.

Jesus hat immer wieder wegen der Deutungen der Pharisäer Auseinandersetzungen mit ihnen gehabt, v.a. weil es seinen eigenen Schwerpunkten und Deutungen widersprochen hat.
Andererseits kann man aufgrund dessen, wie Jesus mit Gleichnissen die Anliegen der Thora und auch der Propheten den Menschen verständlich machen will, auch eine grosse Ähnlichkeit zwischen den Pharisäern und Jesus entdecken. Vielleicht stammt er ursprünglich auch aus diesem Kreis.
Doch Jesus wirft den Pharisäern vor, dass sie sich nicht an Gottes Gebot halten, sondern nur den menschlichen Überlieferungen folgen.

Doch bei diesem Vorwurf hab ich mich gefragt: Kann es Gottes Gebote in Reinform geben, ohne dass bereits menschliche Überlieferung mitdabei ist? Ist nicht alles, was wir wahrnehmen, aufschreiben und erzählen, immer schon Deutung und eigene Überlieferung?

Aus meiner Sicht ist alles Überlieferte und Aufgeschriebene bereits durch die menschliche Brille und Deutung hindurch gegangen.
Und so ist alles menschliche Deutung und Überlieferung und unterliegt den eigenen Interessen und fliessen dabei die eigenen Sehnsüchte und Ängste mit ein.

Darum ist es m.E. auch entscheidend, dass wir bei unseren Interpretationen und Auslegungen stets auch unsere Interessen, unsere Sehnsüchte und unsere Ängste transparent machen, die dahinter stecken.
Meine Interessen sind z.B. immer stark vom Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit geprägt. Aber ebenso liegt auch die Sehnsucht nach gegenseitigem Verstehen und Angenommen-Werden als Mensch, wie man ist, und dies in Gegenseitigkeit zu leben. Aber auch ein tiefer Gerechtigkeitssinn liegt bei meinen Interpretationen dahinter.

Auch mein Gottesbild ist geprägt vom Interessen, angenommen und geliebt zu werden und nicht verurteilt zu werden. So tendiere ich das Bild eines liebenden Gottes zu vertreten, der uns Freiheit schenkt und Kraft, die durch uns fliesst und uns dabei unterstützt, unsere Stärken auszubauen und unsere Schwächen anzunehmen und zu vermindern.

Liebe Mitfeiernde, was sind Ihre Interessen, die sich in Ihrer Spiritualität, in Ihren religiösen Anliegen und in Ihrem Gottesbild zeigen?

Auch Jesus hat seine Anliegen mit Gleichnissen und mit seinem Handeln und Reden transparent gemacht. Und ein Teil dieser Anliegen von Jesus kommen m.E. im gehörten Evangelium ganz gut zum Ausdruck.

Jesus fragt sich m.E.: Was geht im Herzen jedes Einzelnen ab? Was bewegt ihn und stimmt dies überein mit dem, was er sagt?
Ihm ist es ein grosses Anliegen, dass alle Gesetze und Regeln mit der Brille des Hauptgebots «Liebe Gott, deinen Nächsten wie Dich selbst» gelesen werden. Damit steht bei ihm immer das Herz als Zentrum der Liebe im Mittelpunkt.

Sowohl die Gottesliebe wie auch die Liebe zu den Menschen sind tief verwurzelt im jüdischen Glauben. So heisst es z.B. im fünften Buch Mose:
„Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.“
Und sowohl im dritten Buch Mose wie auch bei Jesaja und anderen Texten im Alten Testament kommt auch die Liebe zum Mitmenschen zum Ausdruck.
Dieses Hauptgebot von Jesus ist für ihn Dreh- und Angelpunkt aller Gesetze und Gebote.
So wie er jedoch auf die Rüge der Pharisäer bzgl. des unterlassenen Händewaschens reagiert, zeigt sich, dass dies nicht Essentiel ist, das Hände-Waschen ist sozusagen ein „Peanut“ und ist nicht entscheidend.
Viel wichtiger ist es, wie ein Mensch im Innersten ausgerichtet ist. Dies zeigt sich zwar im Äusseren, aber eher darin, wie jemand mit den Mitmenschen umgeht, als darin, ob er seine Hände gewaschen hat oder nicht. Es kommt darauf an, ob sein Handeln und seine Äusserungen von Herzen kommen.
Auch in der Szene, in der Jesus von den Pharisäern kritisiert wird, als er am Sabbat einen Menschen heilt, wird deutlich, dass auch hier das Liebesgebot im Zentrum steht, und v.a. zeigt sich auch, dass die Gesetze dem Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt.
Auch heute, auch in Politik und in Kirche, ist es wichtig, dies vor Augen zu halten: beispielsweise bei Fragen der Ökumene, bei der Behandlung von Menschen mit anderer sexueller Ausrichtung oder auch bei der Zulassung Geschiedener zur Kommunion. Stets sollte da der Mensch im Zentrum stehen, die Regeln, Gebote und Gesetze sollten auch da dem Menschen dienen. Und nicht Verurteilung, sondern Liebe sollte hier im Spiel sein.
Auch hierbei kommt es auf das Herz an und auf die Übereinstimmung dessen, was über die Lippen kommt und was unser Herz bewegt.
Und Enge schadet dem Herzen, es lässt das Herz verkümmern. Herzensweite jedoch lässt uns selber und auch unser Umfeld atmen und spendet Wärme.

Liebe Mitfeiernde

Ich wünsche uns allen, dass wir bei allem, was wir sagen und tun, auf unser Herz hören können und dass wir unser Herz immer mehr öffnen und weit machen können für uns selber, für unsere Mitmenschen und nicht zuletzt auch für Gott.

Amen.

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