Predigt zu Genesis 1: Macht euch die Erde untertan! Wirklich?

« Bevölkert die Erde und unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. »

Liebe Mitfeiernde

Sind diese Worte des Textes aus dem ersten Schöpfungsbericht im Genesisbuch nicht eine ziemliche Provokation?

Es ist einer von vielen solcher Sätze in der Bibel, bei der ich zumindest ins Schaudern gerate, wenn nicht sogar ins Entsetzen.

Auch im Lesezirkel zur Enzyklika «Laudato si» hat diese Passage viel Diskussionsstoff geboten. V.a. wurde die Problematik dieses Vokabulars von «Unterwerfen» und «Herrschen über die Natur» ins Feld gebracht.
Denn diese Worte können Auslöser und auch eine Begründung sein für ein ausbeuterisches Handeln gegenüber unserer Umwelt. Und wir wissen alle, dass lange Zeit auch im Namen des christlichen Glaubens diese Grundhaltung des Unterwerfens und Beherrschens tonangebend war. Da wurde dieses Unterwerfen in Eroberungs- und Missionszügen zusätzlich auf Menschen ausgedehnt, die man als «Wilde» bezeichnet hat und wie zu zähmende Tiere behandelt hat.

Doch gehen wir zunächst etwas auf die Hintergründe dieses Schöpfungsberichts ein. Wie Sie vielleicht bereits wissen, gibt es in der Bibel zwei verschiedene Schöpfungsberichte.

Der eben gehörte erste Schöpfungsbericht hat eine klare Struktur mit der Aufteilung in sieben Tage und dem jeweiligen Abschluss «Gott sah, es war gut», resp. «sehr gut» und er spricht von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. Dieser Text ist etwa 550 v. Chr. entstanden, in einer Zeit, in der ein wesentlicher Teil vom Volk Israel im babylonischen Exil war.

Der zweite Schöpfungsbericht, der vom Garten Eden erzählt und von der Erschaffung des Menschen, der zunächst alleine ist, und später aus einer seiner Rippen, resp. verständlicher übersetzt aus seiner Seite ein zweiter Mensch erschaffen wird. Und aus diesen zwei Hälften entstehen Mann und Frau. Sie erhalten dort den Auftrag, den Garten Eden zu hegen und zu pflegen. Dieser Schöpfungserzählung soll somit im 9./8. Jh. v. Chr. entstanden sein.

Wenn uns durch das Wissen um die Hintergründe nun bewusst wird, dass der erste Schöpfungsbericht in einer schwierigen und durch fremde Macht dominierten Zeit, wird vielleicht auch klar, dass die Schöpfung aus dem Chaos, die Ordnung bringt, wie auch die klare Struktur des Textes und die häufige Bezeichnung der Schöpfung als «gut» auch ein Stück weit Trost und Hoffnung spenden soll. Auch die Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild geht in diese Richtung, in dem es den Menschen Hoffnung macht und ihr Vertrauen stärkt.
Der Satz bzgl. Unterwerfung und Herrschaft über die Tiere ist und bleibt jedoch schwierig, resp. spitzt sich noch zu, wenn wir die hebräischen Wörter genau übersetzen. Denn das Wort «kabasch», das oft mit «Unterwerfen» oder «Untertan machen» übersetzt wird, bedeutet eigentlich «den Fuss setzen auf» und lehnt sich stark an die Beschreibung der altorientalischen Königsherrschaft an. Mit diesem «Den Fuss darauf setzen» ist jedoch nicht ein fürsorgliches Herrschen gemeint, sondern es spricht darauf an, dass der Herrscher darüber verfügen kann, was unter seinen Füssen liegt.
Das Wort «radah», das mit «herrschen» übersetzt wird, meint wörtlich eher «treten», resp. «niedertreten».

Liebe Mitfeiernde

Mich haben diese Übersetzungen eher noch zusätzlich entsetzt. Sie wirken leider nicht aufbauend oder entschärfend.

Die neueren theologischen Deutungen versuche darum meistens diese Passage zu mildern, indem sie festhalten, dass Herrschen auch mit einer Verantwortung verbunden ist und einem fürsorglichen Umgang mit den Untergebenen, die auch ein Hirte gegenüber seiner Herde hat. Dabei wird erwähnt, dass die altorientalische Königsherrschaft mit der Übergabe eines Hirtenstabes verbunden war.

Zur Milderung gibt es auch die Vermutung, dass dieser Herrschaftsauftrag nachträglich hinzugefügt worden ist und nicht zum Kern des ursprünglichen Textes gehört. Als Grund für diesen Satz wird zudem vermutet, dass es um eine Legitimierung von Tieropfern gegangen sein könnte.

Wie wir sehen, gibt es unterschiedliche Ansätze, um diese Passage erträglicher zu machen und in unsere heutige ökologische Sicht zu integrieren.

Doch was tun wir mit diesem Wissen?

Ein wichtiger Aspekt ist m.E., dass wir den Blick über den gehörten Genesistext noch etwas weiten und vorausschauen auf die Sintflut, die aufzeigen wird, dass ein solches ausbeuterisches, eigennütziges und verantwortungsloses Handeln nicht zukunftsfähig ist.

Zudem zeigt uns dieser Bibeltext ganz gut auf, dass wir unsere von Gott geschenkte Vernunft und die geschenkte Inspiration und unser Gewissen nicht ausser Acht lassen dürfen, auch nicht im Blick auf solche Texte.

Und im Wissen um das grosse Unheil, was dieser Herrschaftsauftrag angerichtet hat, sind wir noch viel mehr in der Pflicht, uns von dieser Haltung abzugrenzen.

Dabei können uns durchaus auch andere biblische Texte unterstützen, die die Sorge für die Schöpfung und die Verbundenheit mit ihr mehr ins Zentrum stellen, wie z.B. einige Psalmen, die die Schöpfung preisen, besonders Psalm 104 oder auch der zweite Schöpfungsbericht, der uns zum Hegen und Pflegen der Natur auffordert. Aber auch die Gleichnisse von Jesus zeigen, dass er eine tiefe Verbundenheit mit der Natur hatte, da er wie selbstverständlich immer wieder Bilder der Schöpfung zur Erklärung seiner Botschaft verwendet hat. Und wenn er davon spricht, wie Gott sich um die Vögel des Himmels kümmert, nimmt er uns alle damit eigentlich auch in Pflicht so zu handeln. Denn wenn Gott nicht unser Vorbild sein soll, wer dann?!

Um unser Verhalten gegenüber der Natur fürsorglicher zu gestalten, gibt es auch Vorbilder, die ebenfalls eine Richtungsänderung eingeschlagen haben, wie z.B. Franziskus von Assisi, der mit seinem Lobpreis eine tiefe Verbundenheit zur Schöpfung ausgedrückt hat.

Und auch viele Theologinnen und Theologen und auch Papst Franziskus rufen zu einem Umdenken auf.

Aber ich denke, es braucht noch viele Schritte mehr, um unsere Sichtweise der Welt und unseren Umgang ihr zu verändern, weg von einem Gebrauchen und Benutzen und mehr zu einem freundschaftlichen Miteinander.

So möchte ich uns alle ermutigen, dass wir selber uns von Gottes Geist erfassen lassen und mit unserem Denken und Handeln für einen partnerschaftlichen Umgang mit der ganzen Schöpfung eintreten.

Denn vom Partnerschaftlichen sind wir nach wie vor weit weg. Viele heben nach wie vor die besondere Stellung und den besonderen Wert des Menschen hervor, sogar unser Papst.

Aber, im Ernst, ist es nötig und klug, an dieser Vormachtstellung festzuhalten? Was haben wir zu verlieren, wenn wir uns und alle Geschöpfe als gleichwertig ansehen? Haben wir Angst, dass wir dadurch zu viel von unserem Verhalten in Frage stellen müssen?

Ganz bestimmt werden einige Fragen bzgl. Umgang mit Tieren und Natur noch tiefer diskutiert werden müssen.
Doch würde es uns nicht einen wesentlichen Schritt vorwärts bringen zu einer Einheit mit der ganzen Schöpfung und zu einem freundschaftlichen Miteinander?

Wäre es nicht ein Gewinn, wenn wir davon ausgehen würden, dass in jedem Geschöpf Gottes Schöpfer-Geist fliesst?
Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s