Predigt zu Mk 3,20-35: Streiten will gelernt sein

Liebe Kinder
Liebe Erwachsene

Habt ihr auch schon Streit gehabt?
Streitet ihr gerne?
Ist streiten etwas schlechtes?

Es wäre jetzt sehr spannend darüber zu diskutieren.

Und ich denke, da kann jede und jeder von uns mitreden.

Ich möchte und kann auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort geben. Aber gerne möchte ich ein paar Gedanken dazu äussern.

Streiten gehört m.E. zum Leben und somit auch zur besten Familie, ja sogar zur Familie von Jesus.

Streit ist aus meiner Sicht nicht etwas Schlechtes. Vielmehr kommt es darauf an, wie man streitet. Man könnte sagen: „Streiten will gelernt sein.“

Sogar Jesus selber hatte Streit, wie wir im Evangeliumstext von heute gehört haben und zwar nicht mal so harmlosen.

Denn die Szene im Markusevangelium ist ziemlich deftig:

Die Familie von Jesus sagt von ihm, dass er spinnt, dass er von Sinnen ist. Sie wollen ihn mit Gewalt heim holen, von seinem Vorhaben, einen Menschen zu heilen, abbringen.
Man könnte auch sagen, sie glauben nicht an ihn.
Jesus sagt es so und wischt damit seiner Familie eins aus: Wer nicht an den Geist glaubt, der in Jesus wirkt, macht einen grossen Fehler.

Und er betont, dass eine gespaltene Familie keinen Bestand hat. Sie gibt nämlich keinen Halt.

Und er gibt noch eins oben drauf. Als ihm gesagt wird, draussen ist deine Familie, deine Mutter und deine Geschwister, hält er fest, dass seine Familie diejenigen sind, die den Willen Gottes tun und die ihm nachfolgen.

Seine leibliche Familie wird bei diesen Worten bestimmt nicht in Freudenjubel ausgebrochen sein.

Diese Auseinandersetzung, von der wir da gehört haben, steht ganz am Anfang vom öffentlichen Auftreten von Jesus. Denn erst kurz zuvor hat er seine zwölf Jünger ausgewählt und sein heilendes Wirken begonnen.

Dieser Weg, den Jesus da eingeschlagen hat, wird wohl bei der Familie keine Begeisterung ausgelöst haben, sondern eher Angst, Verwirrung, Unverständnis. Dass sie von ihm behauptet haben, dass er spinnt und nicht mehr ganz bei Trost ist, zeigt das eindeutig auf.

Dass man in der Familie, aber auch unter Kolleginnen und Kollegen sich nicht immer versteht und gleicher Meinung ist, kennt ihr, liebe Kinder, wahrscheinlich genauso gut wie wir Erwachsenen.

Doch diese Auseinandersetzungen gehören zum Leben und besonders im Jugendalter kommen sie noch häufiger vor als sonst und zeigen auch den Wunsch des Jugendlichen auf, den eigenen Weg durchs Leben zu gehen.

Eigentlich ist dies ja ein lebenslanger Prozess.

Und so stehen wir im Leben immer wieder vor der Herausforderung: Bringen wir unsere Meinung ein und stossen damit auf Widerstand oder halten wir uns zurück? Und wenn wir unsere Meinung mitteilen, wie tun wir dies?

Und wenn wir zu unserer eigenen Meinung stehen und nicht ständig nachgeben oder uns unterordnen, werden wir kaum ganz ohne Streit auskommen können.

Und man kann sogar dem Streiten durchaus Positives abgewinnen.

Denn einander nur zuzustimmen, bringt niemanden weiter.

Ich selber hab besonders in meiner Kindheit und Pubertät gemerkt, wie wichtig es für mich war, zu streiten, meine eigene Meinung zu vertreten und in der Diskussion immer mehr zu entdecken, was mir persönlich echte Herzensanliegen sind, wofür ich mich einsetzen möchte und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich würde sagen, in der Diskussion und im Streitgespräch bin ich ein Stück mehr zu dem geworden, wer ich im Innersten bin. Und bzgl. Glauben hab ich so entdeckt, woran ich persönlich glaube und was für mich stimmig ist und «verhebt».

Miteinander streiten kann so im besten Fall allen beteiligten Personen helfen, mehr sich selber zu finden und zu erkennen, was einem wichtig ist, aber es kann auch helfen, gemeinsam weiter zu kommen, indem man gegenseitig etwas dazulernt und die eigene Sicht etwas erweitert wird.

Aber gut zu streiten, ist schwierig.

Oft geraten wir in Gefahr, dass wir auf unserer Sichtweise stur beharren, dass wir uns gegenseitig verletzen oder dass die Emotionen einen regelrechten Sturm auslösen, bei dem wir zu ertrinken drohen.

Darum ist es m.E. wichtig, dass wir beim Streiten darauf achten, dass wir dem anderen auch zuhören können, dass wir respektvoll bleiben und die andere Person wertschätzen trotz der unterschiedlichen Meinung.

Zudem finde ich es auch wichtig, dass wir versuchen zu erkennen, was die Hintergründe für die Meinung des Gegenübers sind, was z.B. das Anliegen, die Sehnsucht, die Angst, die Begeisterung usw. ist, die hinter der Meinung steckt.

Doch im guten Sinne miteinander streiten zu können ist und bleibt schwierig. Denn es ist ein Balance-Akt zwischen Festhalten und Loslassen. So ist ein zu starkes Festhalten, ein stures Beharren auf seiner Ansicht ebenso hinderlich, wie ein völliges Loslassen und Aufgeben jeglicher Meinung.

Gleichzeitig ist es auch eine grosse Herausforderung, nach einem Streit wieder loslassen zu können. Kindern fällt dies m.E. oft leichter als Erwachsenen.

So kann meine Tochter einen Streit mit einer Kollegin haben und am Tag darauf schon wieder ein Herz und eine Seele sein mit dieser Kollegin. Ich merke, dass ich selber damit schon mehr Mühe habe.

Besonders wenn die Emotionen hoch gegangen sind und es zu Verletzungen gekommen ist, wird das Loslassen eine echte Herausforderung und braucht viel Geduld mit sich und den anderen.

Liebe Kinder
Liebe Erwachsene

Ich wünsch uns allen sehr, dass wir immer wieder den Mut haben, unsere Meinung mitzuteilen und uns dafür einzusetzen, was uns am Herzen liegt, und so versuchen, miteinander im guten Sinne zu streiten.

Ich wünsche uns aber auch, dass es uns dabei gelingt, trotz allem sorgsam und respektvoll zu bleiben, immer wieder auch loslassen zu können und auch bereit zu sein, voneinander zu lernen.

Amen.

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