Muttertag: Behütende Mütter und Väter (Predigt zu Joh. 17,6a.11b-19)

„Ich habe sie behütet, und keiner ging verloren.“

Liebe Mitfeiernde / Liebe Leser

Dieser Satz könnte wohl so manche Mutter oder mancher Vater über die eigenen Kinder sagen.
Jesus sagt dies im Johannesevangelium zu seinen Jüngern, zu denen nicht nur die Zwölf zählen, sondern alle Menschen, die ihm aus der Welt gegeben worden sind.
In einer Abschiedsrede hebt er hervor, wie sehr ihm seine Jünger und Jüngerinnen am Herzen liegen, und er bittet Gott, dieses Behüten und Bewahren nach seinem Weggang zu übernehmen.

Und er möchte, dass sie eins sind, so wie er sich immer eins gefühlt hat mit Gott.

Es ist damit eine Einheit geschildert, die auch im gehörten Text aus dem Johannesbrief wunderbar geschildert wird mit den Worten: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“

Diese tiefe Verbundenheit und Einheit, dieses Ineinander-Übergehen ist ein Gefühl, das wohl viele von uns kennen. So können wir dies in einer Paarbeziehung erfahren, aber auch im harmonischen Miteinander in einer Familie.

So kann ich auch die Verbundenheit von Mutter, Vater und Kind so stark sein, dass sie eine Einheit bildet.

Und man kann wohl manchmal auch das Gefühl bekommen, dass gerade diese tiefe Liebe, die eine solch starke Einheit bildet, nicht von dieser Welt ist.

Der Sänger Xavier Naidoo schreibt in seinem Lied „Nicht von dieser Welt“ dazu:
“Sie ist nicht von dieser Welt
Die Liebe, die mich am Leben hält
Ohne dich wär’s schlecht um mich bestellt
Denn Sie ist nicht von dieser Welt.”

Jesus sagt dies von sich und seinen Jüngern:
Ich bin nicht von dieser Welt. Sie sind nicht von dieser Welt.

Gerade die Verbundenheit mit der Liebe und das Leben von Werten der Solidarität können uns manchmal das Gefühl geben, dass sie mit der Welt nicht vereinbar sind, wenn uns in der Welt Werte entgegengebracht werden, die nicht der Liebe, sondern dem Profit und dem Machtgewinn und persönlichen Ruhm und Ansehen dienen.

Doch wir leben in der Welt und wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen.

So muss auch Jesus seine Jünger dieser Welt überlassen. Er bittet nicht darum, dass sie aus der Welt genommen werden, sondern dass sie von Gott vor Schaden bewahrt bleiben.

Geht es nicht auch Müttern und Vätern immer wieder so, dass sie loslassen müssen, die Kinder der Welt überlassen müssen und darauf vertrauen und hoffen müssen, dass sie darin keinen Schaden nehmen, sondern bewahrt bleiben?

Und doch ist es wichtig, die Kinder in die Selbständigkeit zu führen und ihren eigenen Weg machen zu lassen in dieser Welt, mit alle ihren Herausforderungen und Hürden, aber auch allem Schönen und Bereichernden.

Denn ich denke, dass wir uns zwar oft als nicht von dieser Welt fühlen können und dennoch ist es auch zentral, ganz im Hier und Jetzt zu leben, den Moment wahrzunehmen und die Möglichkeiten zu nutzen, um Menschen zu begegnen und auch in den alltäglichen Begegnungen etwas von dieser Einheit und Verbundenheit untereinander zu spüren. Und dies wiederum weist uns oft auch auf eine Ebene, die das sichtbare übersteigt.

Denn wenn Gott Liebe ist, wird immer dort, wo Liebe gelebt wird, auch Gott spürbar und der Himmel öffnet sich. So treffen sich gerade dort: Gott und die Welt.

Dass die Welt im Johannesevangelium so negativ geschildert wird und von Jesus darin gesagt wird, dass die Welt Jesus und seine Jünger hasse, ist wohl mit darin begründet, dass Johannes in einer Zeit lebte, in der sich die ersten Christen allmählich finden mussten und sich zu christlichen Gemeinden zusammenschlossen. Und gerade in dieser Zeit gab es auch sehr viele Auseinandersetzungen, besonders auch mit jüdischen Gemeinden, die jedoch gegenseitig waren. Ich hab mich im Studium mal intensiver diesem Thema gewidmet und erkennen müssen, dass leider die Gewalttätigkeiten, die es damals gab sowohl von christlicher wie auch von jüdischer Seite erfolgt sind.

Nichts desto trotz zeigt diese Situation auf, dass es den ersten Christen nicht leicht hatten und viele Anfeindungen in Kauf nehmen mussten, ganz ähnlich wie es auch heute noch in einigen Regionen dieser Welt der Fall ist und leider auch heute noch auf Gegenseitigkeit beruht.

Ich persönlich möchte aber davor warnen, die Welt einfach als übel zu bezeichnen oder verteufeln zu wollen. Denn gerade bei solchen Tendenzen, die das Christentum durchaus in sich trägt, mit seiner oft verachtenden Sicht der Welt und der übermässigen Betonung der Sünde der Welt, sollten wir nicht ausser Acht lassen, dass die Schöpfungsgeschichte uns erzählt, wie alles sehr gut erschaffen worden ist und mit göttlichem Atem erfüllt ist.

Bildlich, symbolisch gesprochen könnten wir sagen, dass die Welt zwischen Unterwelt und Himmel liegt und dass in ihr somit beides durchleuchten kann, sowohl Zerstörendes wie auch Aufbauendes und Verbindendes.

Unsere Aufgabe besteht somit darin, behütend zu wirken, stärkend und ermutigend, liebend und verbindend.

Wenn wir heute Muttertag feiern, werden damit eigentlich gerade auch diese Eigenschaften und Werte gefeiert.

Und mit unserem Dank an unsere Mütter und auch Väter danken wir somit auch für alles Behütende, Ermutigende, Verstrauensfördernde und Liebende, das wir von unseren Müttern und Vätern erfahren durften, aber auch von Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begleiten.

Darum wünsche ich uns allen, dass wir immer wieder mütterlich und väterlich füreinander dasein können und einander helfen, unser Leben in der Welt zu einem Leben machen zu können, bei dem der Himmel durchscheinen kann und uns die Nähe von Gott spürbar wird.
Amen.

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