Dreifaltigkeit oder Gott als Beziehung

Liebe Leser

Ich weiss nicht, wie es ihnen mit der Dreieinigkeit ergeht. Aber ich habe, besonders mit den theologischen Wortklaubereien, die die Dreieinigkeit betreffen, immer meine liebe Mühe gehabt.

Solche Begrifflichkeiten sind z.B. „wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, unvermischt, ungetrennt und wesensgleich mit dem Vater“.

Solche Definitionen sind ab dem 4.Jh. entstanden und haben sich u.a. gegen den Glauben von Arius und seinen Anhängern gerichtet, der die Meinung vertreten hat, dass Jesus genauso wie wir alle Geschöpf Gottes ist und somit nicht wesensgleich mit Gott selber.

In dieser Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Jesus, dem Heiligen Geist und Gott sind in der Folge davon systematische und dogmatische Definitionen und Lehrmeinungen der Dreifaltigkeit entstanden.

Auch im Matthäusevangelium werden Gott, der Sohn und der Heiligen Geist zusammen erwähnt, nämlich im Zusammenhang mit der Taufe, die wohl zur Lebenszeit von Matthäus in seiner Gemeinde im Raum Syrien so praktiziert worden ist. Doch von einer systematischen Lehre der Dreifaltigkeit ist hier noch überhaupt keine Rede.

Diese hat sich wie erwähnt erst ab dem 4.Jh. so ergeben und wurde im Anschluss daran auch von verschiedenen Theologen wie z.B. Augustinus oder Thomas von Aquin weiterentwickelt.

Doch, was können wir für uns heute als Kernbotschaft eines dreieinen Gottes mitnehmen?

Für mich ist v.a. ein Aspekt faszinierend an diesem Gottesbild, nämlich dass Gott ganz und gar auf Beziehung ausgerichtet ist.

Ein wundervolles Buch, das m.E. einen beeindruckenden Neuzugang zur Dreieinigkeit von Gott bildet, ist das Buch von Richard Rohr „Der göttliche Tanz“.

Auch Richard Rohr hebt darin die grosse Wichtigkeit des Beziehungsaspekts heraus und unterstreicht, welch grosser Wert diesem Gottesbild gerade in heutiger Zeit zukommt. Denn er erwähnt, dass viele Übel der heutigen Zeit wie Krieg, Umweltzerstörung, Korruption und Hass gegen andere wegen Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung auf ein Gefühl der Trennung zurückzuführen sind.
Diesem Gefühl der Trennung setzt er die Gemeinschaft der drei göttlichen Wesen gegenüber. Und er beschreibt diese Gemeinschaft als einen Tanz.

Diese Beschreibung wiederum ist nicht eine Erfindung von Richard Rohr, sondern geht auf kappadozische Wüstenväter zurück, die im 4.Jh. im Osten der heutigen Türkei gelebt haben.

Sie haben die Dreieinigkeit als Rundtanz beschrieben und als endlose Strömung der Liebe, die unablässig in Bewegung ist.

Ein Aspekt, der mich bei der Beschreibung von Richard Rohr bzgl. der Dreieinigkeit Gottes besonders fasziniert hat, steht im Zusammenhang mit folgendem Bild:

(Quelle: Wikipedia; Dreifaltigkeit von Andrei Rubljow)

Dieses Bild zeigt, wie drei Personen um einen Tisch sitzen mit einer kelchförmigen Schale auf dem Tisch.

Das Bild ist gemalt worden vom russischen Ikonenmaler Andrei Rubljow und stammt aus dem 15.Jahrhundert.

Drei Grundfarben (Gold, Blau und Grün) dominieren das Bild.

Richard Rohr beschreibt dieses Bild wie folgt: „Rubljow wählte Gold für den Vater. Es symbolisiert Vollkommenheit, Fülle, Ganzheitlichkeit und die ultimative Quelle. Blau – die Farbe von Meer und Himmel, die einander spiegeln -, nahm er für den Menschensohn: Gott, der in Jesus Christus die Welt und die Menschlichkeit annimmt. Deshalb sieht Rubljow Jesus blau. Mit seinen ausgestreckten zwei Fingern sagt er uns, dass er Geist und Materie, Göttlichkeit und Menschlichkeit vereint – für uns.
Und dann gibt es das Grün, das den Geist repräsentiert. Hildegard von Bingen, die drei Jahrhunderte vor Rubljow lebte, nannte die endlose Fruchtbarkeit des Geistes Grünkraft, und meinte damit die göttliche Lebendigkeit, die alles erblühen und ergrünen lässt.
Rubljow wählte somit, in ebenso tiefer Ehrerbietung für die Natur, Grün als Farbe des Heiligen Geistes.

Das ganze Bild zeigt, wie der eine Gott in dreifacher Gestalt isst und trinkt in unendlicher Gastfreundschaft und reiner Freude mit- und aneinander.

Wenn wir die Darstellung Gottes in der Ikone „Die Dreifaltigkeit“ ernst nehmen, müssen wir sagen: „Im Anfang war Beziehung.“

Man könnte nun meinen, mit dieser Beschreibung ist bereits alles gesagt. Doch Richard Rohr legt noch eine Schippe drauf und weist darauf hin, dass der Heilige Geist mit seiner rechten Hand auf den freien Platz zeigt an der Front des Tisches. Denn dort besteht eigentlich eine Lücke. Und vorne am Tisch hat es eine Art viereckiges Loch, wo anscheinend Klebstoffreste festgestellt worden sind. Und dies deutet gemäss Kunsthistorikern darauf hin, dass dort ein Spiegel angebracht sein könnte.

Und diese Tatsache wäre einzigartig und würde uns eine theologisch geniale Sichtweise eröffnen.

Vor allem aber öffnet es die göttliche Dreieinigkeit und bildet eine Einladung an uns, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Denn die vierte Person im Spiegel, die somit ebenso am Tisch sitzt, sind wir.

Wir werden eingeladen, zur Mahlgemeinschaft mit dem dreieinen Gott. Gott ist somit nicht eine sich selbst genügende Grösse, eine geschlossene Gesellschaft oder ein geschlossener Kreis von drei Tanzenden. Nein, er nimmt uns mithinein in diesen Kreistanz, den Kreistanz der Liebe.
Zudem ist der Spiegel auch ein Hinweis darauf, dass wir als Ebenbild Gottes erschaffen worden sind und wie Gott selber von Grund auf, Wesen der Beziehung sind.

Dies ist für mich der ansprechendste Gedanke und Aspekte der Dreieinigkeit Gottes.

Denn mit diesem Beziehungsangebot sind wir auch eingeladen, jeden Tag neu auch uns selber immer wieder zu öffnen für neue Beziehungen. Und wir sind auch eingeladen, an unseren bestehenden Beziehungen zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass sie nicht erstarren, sondern in Bewegung bleiben wie ein Tanz, und dass in ihnen Leben fliesst, sodass sie nicht wie ein schwarzes Loch alles in sich verschlucken, sondern wie eine Quelle stets neue Energie spenden.
So dient uns der dreifaltige und dreieine Gott ganz und gar als Vorbild.

Mit poetischen Worten von Richard Rohr zur Dreifaltigkeit Gott möchte ich meine Gedanken abschliessen:

„Drei:
Von Angesicht zu Angesicht zu Angesicht
Gemeinschaft
Mehrdeutigkeit
Geheimnis

Liebe füreinander
und Liebe für die Liebe der anderen

Ineinander
Auf die anderen bezogen
Sich hingebend
Liebend
Singend
Lachend

Etwas Viertes wird erschaffen
immer geliebt und voller Liebe.“

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